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Marburg Schüler kämpfen für das Gratis-Busfahren
Marburg Schüler kämpfen für das Gratis-Busfahren
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08:58 02.02.2020
„Hessenticket für alle Schüler in Marburg“ – 
das fordern Elias Hescher und Johanna Wahl. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Sie ist eine Ausgeschlossene. Jedes Mal, wenn Johanna Wahl, die auf die Martin-Luther-Schule (MLS) geht, Bus fahren will, bekommt sie das zu spüren. Denn während viele ihrer Freunde mit ihrem Hessen-
ticket einfach einsteigen und gratis durch das ganze Bundesland reisen können, muss Wahl den Geldbeutel zücken, für jede Strecke bezahlen.

„Mein Taschengeld für Mobilität ausgeben zu müssen, ist ärgerlich“, sagt sie. Und eben nicht nur, um mal eben – wie es das Hessenticket ihren Freunden und vielen anderen ermöglicht – mit der Clique nach Gießen oder gar Frankfurt zu fahren. Vielmehr betrifft es Wahl auf ihren Schulwegen, vom Ortenberg zur MLS, zur Sporthalle in der Leopold-Lucas-Straße und zurück. „Mir beschert die aktuelle Regelung ein ganz lebenspraktisches Problem.“

Was sie 
meint: Maßgeblich für die Frage, wer ein Hessenticket bekommt und wer nicht, ist eine landesweit geltende Entfernungsregelung, die sich nach dem Schulweg der zurückzulegenden Distanz richtet.

Für sie selbst, so Wahl, sei das zwar „unfair und nervig“, haue aber dank der Eltern finanziell noch hin. Aber für jene Familien, die gerade so über Stadtpass-Niveau verdienten, sei „das Ausgeben von ein paar Euro hier, ein paar Euro dort, eine merkliche finanzielle Belastung“. Elias Hescher, der das Gymnasium Philippinum besucht, unterstützt Wahls Kampf im parlamentarischen Schulausschuss: Das Hessenticket habe „neue Ungerechtigkeiten“ geschaffen, auf die es nun politisch zu reagieren gelte. „Ticket und Teilhabe hängen zusammen“, sagt er.

Gegen Insellösung

Aktuell übernimmt die Stadt für rund 2.000 der insgesamt 
etwa 11.100 der in Marburg zur Schule gehenden Schüler die Kosten für die Nahverkehrs-Tickets. Nach Berechnungen des Magistrats würde die Gratis-Ticketforderung des Kinder- und Jugendparlaments weitere 8.800 Schüler, die mitunter auch in Umland-Schulen gehen, betreffen. Jährliche Kosten: mindestens 2,4 Millionen Euro. Die Stadt als Schulträger könne und wolle die Landesleistung Hessenticket nicht bezahlen: Zu viel Aufwand für zu wenig Ertrag.

„Eine Insellösung kann es nicht geben“, sagt Jens Seipp, CDU-Fraktionschef. Schon gar nicht, wenn damit „faktisch Freizeitaktivitäten außerhalb der Stadtgrenzen finanziert werden“, wie Walter Jugel (CDU) ergänzt. FDP-Stadtverordnete Lisa Freitag warnt vielmehr – mit Verweis auf Landesbedienstete, Senioren und nun Schüler – vor der „staatlichen Erfüllung der Begehrlichkeiten jeder Einzelgruppe“.

Mit einem Vorstoß im Sinne der Jugendvertreter würde man laut Christa Perabo (Grüne) aber „nur vorübergehend in Vorleistung gehen“ und so das Land Hessen „unter Druck setzen“ und kommunal „Nachzügler animieren“, sodass die Landesregierung das Schulgesetz reformieren und man allen Schülern das Hessenticket gewähren müsse.

Auch wenn es die Stadt viel Geld koste, sei die geforderte Kostenübernahme – nicht zuletzt wegen des in der Universitätsstadt geltenden Klimanotstands – laut Wahl eine „sinnvolle Investition in die Zukunft“ und ziele ja auf genau die Generation ab, die für eine Verkehrswende hin zu Bus- und Zugnutzung und weg vom Autofahren erzogen werden solle.

Verweis auf Landesaufgaben

Für die Links-Fraktion ist es ohnehin nur eine Frage des politischen Willens: Steigere die Stadt ihre Einnahmen – über Gewerbesteuer-Erhöhung oder Sparkassen-Ausschüttung – könne sie Gratis-Tickets stemmen. Inge Sturm (Linke) sagt: „Das Geld ist da, man muss es sich nur holen.“ Die Fraktion fordert ohnehin seit mehreren Jahren einen grundsätzlichen Gratis-Nahverkehr in der Universitätsstadt. Das einzuführen würde laut Magistrat jährlich mindestes zehn Millionen Euro kosten.

Die „Hessenticket“-Forderung des Kinder- und Jugendparlaments ist jedenfalls am Freitagabend von der Mehrheit der Stadtverordneten-Versammlung mit dem Verweis auf Landesaufgaben abgelehnt worden. Stattdessen soll nach Willen der ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU die Landesregierung vom Magistrat angeschrieben, zum Handeln aufgefordert werden – so, wie bereits vor rund drei Jahren. Ergebnislos.

Stadtpass federt Härten ab

Und wie schlecht die Chancen auch jetzt sind, teilt das Hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium mit: Eine Regelung, wonach faktisch allen Schülern ein Hessenticket zugestanden wird, würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Eine Änderung des Schulgesetzes, in dem die entsprechenden Erstattungsregelungen festgelegt sind, sei bislang nicht vorgesehen.

Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD), die eine Bezugs-Berechtigung von der Grund- bis Berufsschule grundsätzlich befürwortet, verweist zwar auf bestehende Regelungen: „Der Stadtpass federt echte Härten ab.“ Sie glaube aber, dass wegen der Klimadebatte „Bewegung reinkommt“ in das jahrzehntealte, aber wegen des räumlich weiter denn je greifenden Hessentickets „verschärfte Problem“ von Schülerbeförderungskosten.

Was die Marburger Jugendvertreter fordern beschäftigt auch Schüler und Elternbeiräte in anderen hessischen Städten, etwa in Groß-Gerau. Doch auch eine Online-Petition in Richtung Kultusministerium, Petitionsausschuss des Landtags und den Verkehrsverbünden RMV, NVV und VRN mit mehr als 6.000 Unterzeichnern lief bereits vor mehr als einem Jahr ins Leere.

von Björn Wisker