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Marburg Nächster Schritt für „Leuchtturmprojekt“
Marburg Nächster Schritt für „Leuchtturmprojekt“
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21:00 04.12.2021
Die Photovoltaik-Fassade am MVZ Diagnostikzentrum ist fast fertig – davon überzeugten sich bei der Baubesichtigung neben Investoren auch die designierte Bürgermeisterin Nadine Bernshausen (Grüne), Gebäudeeigentümer Professor Dr. Siegfried Bien, Stadtwerke-Geschäftsführer Holger Armbrüster und Solararchitekt Hagen Plaehn.
Die Photovoltaik-Fassade am MVZ Diagnostikzentrum ist fast fertig – davon überzeugten sich bei der Baubesichtigung neben Investoren auch die designierte Bürgermeisterin Nadine Bernshausen (Grüne), Gebäudeeigentümer Professor Dr. Siegfried Bien, Stadtwerke-Geschäftsführer Holger Armbrüster und Solararchitekt Hagen Plaehn. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Marburg

Es ist ein ehrgeiziges Ziel, in dem die Zahl 680 000 eine wichtige Rolle spielt. Denn 680 000 Kilowattstunden Strom verbraucht das MVZ Diagnostikzentrum in der Bahnhofstraße in Marburg Jahr für Jahr – so viel, wie rund 200 Durchschnitts-Haushalte. Kein Wunder, denn alleine die bildgebenden Diagnostikgeräte, wie Magnetresonanztomografen (MRT) oder Computertomografen (CT) benötigen wie auch herkömmliche Röntgengeräte und weitere diagnostische Technik alleine schon jede Menge Strom, wie Professor Siegfried Bien, Inhaber des Gebäudes sagt. Das eingangs formulierte ehrgeizige Ziel hat er sich gesteckt: Er möchte, dass das Diagnostikzentrum CO2-neutral wird. Entsprechend sei es auch ein „energetisches Leuchtturmprojekt“.

„Nur, wer sich unrealistische Ziele setzt, erreicht irgendwann das Optimum“, zitiert Bien ein geflügeltes Wort. „Meine persönliche Überschrift für dieses Projekt lautet: Erstes CO2-neutrales Radiologiezentrum der Welt.“ Ein wesentlicher Baustein dieses Projekts ist die Photovoltaik. „Wir haben bereits zahlreiche Module auf dem Flachdach“, sagt Bien.

Doch an diesem kalten, schneeregnerischen Tag präsentieren Bien und seine Projektpartner – die Sonneninitiative, die Stadtwerke und der Solararchitekt Hagen Plaehn – die Solar-Fassade des Hauses. Die war einen Tag zuvor bereits ans Netz gegangen – obwohl die Fassade noch nicht fertig ist.

Finanziert wird die Fassade, „deren Kosten deutlich höher liegen als bei einer Aufdach-Anlage“, wie Christian Quast von der Sonneninitiative verdeutlicht, als Bürgersonnenkraftwerk. Bürger haben PV-Module der Fassade gekauft, die Stadtwerke erwerben den produzierten Strom und verkaufen diesen an Bien.

Lieferkettenprobleme führten zu Verzögerung

Eigentlich hätte die Fassade bereits im Sommer vollendet gewesen sein sollen, wie Architekt Hagen Plaehn erläutert. Doch die Lieferkettenproblematik hätte, ebenso, wie Corona und die Situation auf dem Baumarkt, zur Verzögerung geführt. „Aber jetzt befinden wir uns tatsächlich im Schlussakkord des Projekts“, so Plaehn. Die Herausforderung sei unter anderem gewesen, „ein möglichst dynamisches, schönes Gebäude zu erzeugen und dabei die alte Substanz eigentlich gar nicht zu verändern“. Die Solar-Passepartouts würden nun die vorhandenen Fenster in den jeweiligen Geschossen zusammenschließen – am Ende entstand zudem noch ein Viertelkreis als Eck-Verbinder, der künftig einen Aufzug und eine Treppe erhalten wird.

„Am Ende ist die Photovoltaik-Fassade von der Konstruktion nichts anderes, als eine strukturelle Glasfassade“, erläutert der Architekt. Zwar benötige es ein wenig mehr Planung und Technik mit Leerrohren und jedes PV-Modul sei exakt auf Maß produziert worden, „aber am Ende ist es nur eine schöne Glasfassade, die uns 50 Kilowatt peak an Strom erzeugt“, so Plaehn. Er wünscht sich, dass solche Fassaden viel stärker gefördert werden müssten, „denn wir haben so viele vertikale Flächen, die sich nutzen ließen“, sagt der Architekt – dann klappe es auch mit der Energiewende.

Die Geräte produzieren zum Großteil heiße Luft

„Und auch die Fenster sind bereits vorbereitet für Folien-Photovoltaik“, freut sich Inhaber Siegfried Bien. Es gebe nur „drei, vier Universitäten weltweit, die so etwas mit biologischen Molekülen entwickeln. Die haben gesagt, bis die Technik anwendungsreif ist, dauere es noch zwei oder drei Jahre – aber dann sind wir hier das Modellprojekt“, so Bien. Entsprechend seien bereits Leerrohre vorgesehen.

Die Geräte benötigen indes nicht nur Strom, „sie produzieren zu einem Großteil eins: Heiße Luft. Denn bis zu 98 Prozent der eingesetzten Energie gehen als Abwärme verloren“, sagt der Professor. Daher steht das nächste Projekt schon fest: Wärmerückgewinnung inklusive Pufferspeichern, „damit können wir problemlos das gesamte Haus beheizen“, sagt Bien – und auch an ein Nachbargebäude Wärme abgeben. „Das Ziel ist, dass der Betrieb komplett autark wird und wir kein Erdgas, keine fossile Energie mehr benötigen.“

Von Andreas Schmidt