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Marburg Ein Loblied auf den Orgasmus-Bringer
Marburg Ein Loblied auf den Orgasmus-Bringer
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20:00 28.12.2019
Erst die Archivrecherche bei Beate Uhse, dann der Zeitzeugen-Aufruf in der OP und ein Jahr später das fertige Buch zu Vibratoren: Die Marburger Kulturwissenschaftlerin Nadine Beck hat sich der Entwicklungsgeschichte von Massagestäben gewidmet. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Was einst mechanisch-nüchtern als Massage­gerät bezeichnet wurde, bekam viele Jahre später von der Werbung so manchen Namen verpasst: „Strammer Max“, „Big Bonker“, „Super Susy“, „Imperator“ oder, wieder etwas technisch „Muttermund-Stimulator“. Doch „seine Existenz, seine Weiterentwicklung, sein Einsatz ist ein Geschenk an die Menschheit“ – das sagt Nadine 
Beck über den Vibrator.

Und die 43-Jährige schreibt es so auch auf der letzten Seite ihres nun erschienenen Buchs „Plug and Play“. Es ist ein Werk gespickt mit jahrzehntealten Skizzen und Zeichnungen, Fotos und Gebrauchsanweisungen eines Geräts, das anfangs so monströs groß war wie es im Laufe der Jahrzehnte „sachfremd“ benutzt wurde.

Obwohl: Seit seiner Erfindung vor 150 Jahren habe sich am Grundzweck des Vibrators nichts verändert: Gesundheitsförderung, von Durchblutung über Haarausfall-Bekämpfung bis zur Verschaffung eines Orgasmus – der Vibrator sei „ausgesprochen förderlich für Geist und Seele“, schreibt Beck. Denn vor allem sexuell gesunde Menschen, die um das Können und Wollen des eigenen Körpers wüssten, seien mitunter „glücklichere Menschen“.

Becks Buch, die Erkenntnisse­ stammen zwar vor allem aus dem Archiv von Beate Uhse – jener Frau, jenem Unternehmen, das Sex vor Jahrzehnten salonfähiger denn je machte. Doch nach dem OP-Artikel über sie und ihre Forschungsarbeit vor genau einem Jahr habe es auch eine „richtige Kettenreaktion“ an Erfahrungsberichten gegeben. Deutschlandweit hätten viele an ihrer Fragebogen-Aktion zum Vibrator-Thema teilgenommen.

Die Geschichte des Vibrators

Im Jahr 1869 erfand der amerikanische Arzt George Taylor einen dampfbetriebenen Massage- und Vibrationsapparat, den „Manipulator“, mit dem kränkelnde Frauen im Genitalbereich massiert werden konnten. Wenige Jahre später ließ sich der britische Mediziner Joseph Mortimer Granville den ersten elektrischen Vibrator patentieren – der eigentlich zur Muskelentspannung dienen sollte.

Das Gerät, das wenig elegant „Hammer“ getauft wurde, machte eine seit Jahrhunderten praktizierte Therapieform überflüssig: Die manuelle Massage der Klitoris bei Patientinnen mit sogenannter Hysterie – was als ­eine Erkrankung bezeichnet wurde, die von der Gebärmutter ausgeht und die Frauen zu einem seltsamen Verhalten zwang.

Zentraler Therapieansatz: Die Frau zum Orgasmus zu bringen, sie dadurch zu beruhigen. Das wurde von Ärzten lange mit manuellen Massagen des Genitalbereichs erledigt. Später entwickelten sich verschiedene Möglichkeiten, wie etwa die Wasserstrahlbehandlung, die wiederum durch den elektrischen Vibrator abgelöst wurde. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurden über ein Dutzend Modelle vorgestellt, etwa­ Standgeräte mit Rollen, einige baumelten von der Decke und erste sündhaft teure Modelle, die an die Steckdose angeschlossen werden konnten.

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurden Vibratoren in Deutschland als Massagegeräte – etwa „Sanax“, „Dixette“, „Supremo de Luxe“ und „Massan“ – vermarktet und von Firmen hergestellt, die auf Sanitär- oder Hygieneprodukte spezialisiert waren. Nach sexueller Revolution und Porno-Produktionen ab den späten 1960er-Jahren gilt nicht zuletzt die US-Serie „Sex and the City“ Anfang der 2000er-Jahre als Auslöser dafür, dass auch das Schmuddel-Image des Sexspielzeugs verschwunden ist. Mittlerweile gehören Vibratoren auch zum Verkaufssortiment von ­Drogerieketten.

Die meisten Antworten, zumindest aus Westdeutschland, hat die Wahl-Hamburgerin nicht etwa aus der Metropole mit der Reeperbahn, sondern aus ihrer hessischen Heimat bekommen. „Die Hessen sind doch relativ locker“, sagt sie mit einem Augenzwinkern und lacht.

In West- wie Ostdeutschland habe sie über die Befragungen von Zeitzeugen der späten 1960er-Jahre jedenfalls die Bestätigung ihrer Arbeits-Hypothese für die Doktorarbeit bekommen, dass die normalen Massagegeräte, so wie es sie seit dem frühen 20. Jahrhundert gab, praktisch eben auch sexuell eingesetzt hat. „West und Ost unterscheiden sich da überhaupt nicht“, sagt die Kulturwissenschaftlerin an der Philipps-Universität.

Während der Massagestab ab 1969 auf dem westdeutschen Markt war, galt im Osten eine sehr scharfe Auslegung des Anti­ Pornografie Paragraphen. „Also­ war man dort weiterhin erfinderisch, was Sexspielzeuge anbetraf. Das eine oder andere West-Produkt hat es zwar heimlich über die Grenze geschafft, aber ansonsten hatte man sehr viel Spaß mit elektrischen Zahnbürsten, Rasierapparaten, Modelleisenbahnen oder Kaffeemühlen. Oder man baute bestehende Massagegeräte mit viel Tüftlerei zu Sexspielzeug um“, sagt sie.

Sie merke jedenfalls, dass das Thema immer „mehr an Fahrt gewinnt“ – vor allem­ durch die #metoo-Debatte und die feministische Bewegung. „Das Thema geht ja theoretisch jeden etwas an. Das ­Tabu, über Solo-Sex zu sprechen, schwindet langsam und ich glaube, die jüngere Generation hat gar nicht mehr diese gelernte Scham wie viele sie 
kulturell antrainiert bekommen haben.“ Ihre Hoffnung: Dass man über „unnötig tabuisierte“ Themen spricht und jeder sich mit seinem Körper und dem, was er kann und will auseinandersetzt.   

von Björn Wisker