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Marburg Nachfolge: So ermitteln Unternehmer den Verkaufspreis
Marburg Nachfolge: So ermitteln Unternehmer den Verkaufspreis
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11:00 16.04.2022
Im Handwerk ist es mitunter schwer, einen Nachfolger für den Betrieb zu finden.
Im Handwerk ist es mitunter schwer, einen Nachfolger für den Betrieb zu finden. Quelle: Foto: Swen Pförtner
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Roth

Es sind alarmierende Zahlen: Rund 11 500 mittelständische Betriebe sind in den kommenden vier Jahren übergabereif, wie es in einer gemeinsamen Mitteilung von der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern und dem Hessischen Industrie- und Handelskammertag anlässlich des „Gründerreports“ aus dem vergangenen Herbst heißt. Und das sei vorsichtig geschätzt. „Vielen fällt es schwer, geeignete Nachfolger zu finden. Gerade im ländlichen Raum drohen Unternehmen mangels Nachfolge einfach zu verschwinden – und mit ihnen wichtige Arbeitsplätze“, warnte der damalige HIHK-Präsident Eberhard Flammer.

Die Handwerkskammern bieten schon seit geraumer Zeit zahlreiche Impulse und Beratungen rund um das Thema Nachfolge im Betrieb an. Einen davon konnten die Teilnehmer der Jahresversammlung der Kreishandwerkerschaft Marburg jüngst erleben: Der Unternehmensberater und Geschäftsführer der Gießener Beratungsgesellschaft „Justus & Cie.“, Dr. Christopher Rock, erläuterte den Obermeistern, wie ein angemessener Kaufpreis für das Unternehmen ermittelt werden kann.

Unternehmenswert ermitteln

„Wir sehen viele Unternehmen“, so Rock, „und führen vom kleinen Handwerksbetrieb bis hin zum mittelständischen Unternehmen Gespräche, schauen uns alles an“.

Einerseits „muss man darauf schauen, ob das Unternehmen vorbereitet ist. Da kann man zum Glück dran arbeiten“, so Rock. Und das zweite Thema: Was ist das Unternehmen wert – und wie wird ein realistischer Unternehmenswert ermittelt?

Zunächst müsse der Unternehmer wissen, ob das Geschäftsmodell zukunftsfähig sei – „funktioniert das, was man macht, auch in 10, 15 oder 20 Jahren noch“. Die gute Botschaft: „Die meisten Handwerksbereiche wird es auch in der Zukunft noch geben.“ Die nächste Frage: „Wie verdient man mit dem Geschäftsmodell in Zukunft Geld?“ – dabei gelte es, auf verändertes Kundenverhalten oder Marktsituationen zu reagieren. Die Altersstruktur der Belegschaft spiele eine Rolle – „wenn die schon zu alt ist, ist das für den Käufer nicht attraktiv.“ Denn dann stehe er schnell ohne benötigte Fachkräfte da.

Organisationsstruktur wichtig

Auch das oft zu sehende Geschäftsmodell, dass die Ehefrau die Buchhaltung erledige, für Käufer oft nicht der Wunsch sei. „Da fehlt es nämlich dann an Organisationsstruktur. Nehme ich den Chef raus, fällt das Ganze zusammen.“ Wie hoch ist die Abhängigkeit des Betriebs vom Unternehmer? Auf welchem Stand ist der Maschinenpark? Und: Gibt es vielleicht jemanden im Betrieb, der die Firma übernimmt? Denn, so Rock: „Der beste Nachfolger ist immer der, den Sie schon im Unternehmen haben und der auch schon Verantwortung trägt.“ Dazu müsse man ihm zugestehen, auch einmal Fehler zu machen.

Doch wie kommt der Kaufpreis zustande? „Der emotionale Wert ist nicht der Kaufpreis“, so Rock. Der Käufer bezahle den Wert des Eigenkapitals – „also alles, was Sie im Unternehmen stecken haben, um den Betrieb aufrechtzuerhalten“. Basis sei das EBIT – der Gewinn vor Steuern und Zinsen. Dieser werde mit einem Punktewert je nach Branche verarbeitet – und letztlich ergebe sich nach detaillierten Bewertungen ein realistischer Kaufpreis. „Ob das Geschäft dann zustande kommt, steht jedoch nicht fest – denn manchmal ist die emotionale Bindung zu hoch“, weiß Rock. Er habe schon erlebt, dass „ausverhandelte Verträge deswegen im letzten Moment geplatzt sind“.

Von Andreas Schmidt