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Marburg "Fireflight Späti" schließt seine Tore
Marburg "Fireflight Späti" schließt seine Tore
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20:00 31.07.2019
In zehneinhalb Jahren ist im „Fireflight Späti“ einiges zusammengekommen. Quelle: Andreas Schmidt
Marburg

Richard Schmidtke steht vor dem Kiosk „Fireflight Späti“ in der Biegenstraße. Rings um ihn herum reißen Mitarbeiter und Freunde des Ladens allerlei Dekoration ab, einer kratzt Aufkleber von einer Regenrinne. Ein Kunde hält im Vorbeigehen an und fragt bestürzt, was los ist. Schmidtke erklärt ihm, dass der Besitzer Eigenbedarf angemeldet habe, der Späti schließen müsse. „Scheiße“, sagt der junge Gast, „wo soll ich jetzt mein Bier herbekommen?“

Für seine Biere war der Späti in Marburg bekannt, sagt Schmidtke. Im Laden habe es die „geilste Auswahl“ der Universitätsstadt gegeben. Zeitweise habe der Kiosk mehr als 100 Biersorten geführt, sagt Schmidtke, der den Laden seines Bruders Andreas sechseinhalb Jahre geleitet hat. Doch jetzt ist damit Schluss. Heute übergeben die Schmidtkes den Verkaufsraum an Besitzer Ramin Poursaleh.

Auf OP-Anfrage sagte Poursaleh, dass er den Eigenbedarf angemeldet habe, um sein eigenes Geschäft zu vergrößern. Sein an den Späti grenzender Spielwarenladen „Game It“ platze derzeit „aus allen Nähten“, sagte Poursaleh. Seit Anfang des Jahres wusste Andreas Schmidtke über den Wunsch Poursalehs Bescheid. Gemeinsam mit der derzeitigen leitenden Angestellten Christina fand er aber keine passende Alternative.

Deshalb wird der „Fireflight Späti“ nun zur Geschichte. „Wir haben alles probiert“, sagt Christina. Selbst das Stadtmartketing habe Ausweichläden in der Oberstadt angeboten, wo ja unter dem Titel „Marburger Freiraum“ leere Ladenflächen angeboten werden. Doch gepasst habe nichts.

Zeitungsstopp nach "Bild"-Boykott

Im Januar 2009 eröffnete Andreas Schmidtke den Späti in der Biegenstraße, zunächst mit einem Lieferservice, wie sich Bruder Richard erinnert. Doch der Plan ging nicht auf, da die Schmidtkes zu wenige Mitarbeiter hatten. Um eine Bestellung ausfahren zu können, musste Richard Schmidtke das Geschäft in der Zwischenzeit schließen. Da er keinen Führerschein besitzt, fuhr er die Lieferung mit Fahrrad und Bollerwagen aus. „Mit zwei, drei Kisten Bier zum Richtsberg hochzuradeln dauert dann mal eine gute Dreiviertelstunde“, sagt Richard Schmidtke.

Nach zwei Jahren gaben die Schmidtkes den Lieferservice auf. Das Geschäft führten sie aber weiter. Es war längst zum Kult geworden. Viele der über die Jahre mehr als 50 Mitarbeiter sind in Marburg aufgewachsen. Aus ihren Freunden wurden Kunden und so entwickelten sich zu einzelnen Schichten regelrechte Partys vor dem kleinen Laden.

Weitere Sympathien erlangten die Schmidtkes 2015 mit dem Entschluss, keine „Bild“-Zeitungen mehr zu verkaufen, sagt Richard Schmidtke (die OP berichtete). Die Entscheidung hatte für den Späti weitreichende Folgen. Denn mit dem Entschluss verstießen die Schmidtkes gegen das Gebot der Pressevielfalt und das Zensurverbot. Das hatte zur Folge, dass der Kiosk ab dann überhaupt nicht mehr mit Zeitungen beliefert wurde. Die Aktion habe ihnen viel Lob eingebracht, sagt Richard Schmidtke. „Es hat uns definitiv nicht geschadet.“

Seit 2015 "Kunden des Jahres"

Die Geschwister führten ihr Geschäft äußerst familiär. Seit 2015 kürten sie ihren „Kunden des Jahres“. Die Gewinner durften ein Jahr lang zehn Prozent vergünstigt einkaufen. Nur Tiernahrung, Alkohol und Zigaretten gab es zum normalen Preis, sagt Richard Schmidtke.

Alkohol und Zigaretten waren kiosk-üblich im Späti der Verkaufsschlager. Manch einer wollte dafür aber nicht bezahlen, erinnert sich Schmidtke. Ob mit Taschenmessern oder den blanken Fäusten: Einige „Spezialisten“ wollten mit Gewalt an ihren „Stoff“ kommen, sagt Schmidtke. Die meisten wurden von der Polizei aber geschnappt.

Egal ob Zeitungs-Stopp oder Einbruch: Die Schmidtkes widersetzten sich in den Jahren einigen Widrigkeiten. So auch, als vor drei Jahren mitten im Hochsommer der Bierkühler ausfiel und der Späti eine Woche lang nur warmes Bier verkaufen konnte. Oder als in den vergangenen Jahren weitere Spätis in Marburg eröffnet wurden. Die Nähe zur Lahn habe dem „Fireflight Späti“ geholfen, sich im Markt zu behaupten, sagt Richard Schmidtke.

An der Lahn feierten die Kiosk-Mitarbeiter am Sonntag auch Abschied vom „Fireflight-Späti“. Zuvor hatte das Späti-Team seinen Kunden angeboten, die Restbestände bis 20 Uhr günstig aufzukaufen. Im Anschluss zog die Späti-Familie gemeinsam an die Lahn. Insgesamt rund 100 Menschen feierten dort gemeinsam.

Mädchen fotografieren sich im Bierkühler

In zehneinhalb Jahren gingen im „Fireflight Späti“ einige Unikate ein und aus. Einmal brachte ein Mann sogar sein Shetland-Pony mit in den Laden, sagt Mitarbeiterin Christina. Wieso, das konnte er ihr nicht sagen. „Er wusste nicht einmal mehr, ob er eventuell für einen Zirkus arbeitet“, sagt Christina lachend. Ein anderes Mal schleppten Hip-Hop-Musiker ein Sofa in den Laden und drehten dort ein kurzes Musikvideo.

Christina ließ alle gewähren, auch die jedes Jahr wiederkehrenden Jura-Studenten im ersten Semester, „die einen schon vor ihrem ersten Seminar über Kaufverträge aufklären“, oder auch die jungen Mädchen, „die für ihre Insta­gram-Seite ein Fotoshooting im Bierkühler machen“.

Ihr ist momentan nur eines wichtig: Alle Mitarbeiter hätten schon einen neuen Job gefunden. „Und für eine Kollegin war das Späti-Aus sogar richtig wichtig: Sie macht nun eine Ausbildung zur Tierarzthelferin – den Absprung hätte sie sonst wohl nicht geschafft.“

von Tobias Kunz