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Marburg Warnstreik der Busfahrer droht
Marburg Warnstreik der Busfahrer droht
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10:00 31.10.2019
Vor zwei Jahren befanden sich die Marburger Busfahrer – damals noch unter dem Dach der Gewerkschaft Verdi – im Ausstand. Auch nun drohen wieder Streiks.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Schon seit Jahren kämpfen die Busfahrer der Marburger Verkehrsgesellschaft darum, vom Tarifvertrag des Landesverbands Hessische Omnibusunternehmen (LHO) in den besser dotierten Tarifvertrag Nahverkehr (TV-N) zu wechseln, der an den Öffentlichen Dienst angelehnt ist. „Vor 15 Jahren haben die kommunalen Unternehmen ihre Busfahrer zugunsten eines Billigtarifs an die LHO verkauft“, fasst es MVG-Betriebsrat Frank Morczinek zusammen.

Nun seien viele Bürgermeister zu der Erkenntnis gelangt, dass dies nicht zielführend gewesen sei, „und sie holen die verschmähten Töchter wieder zurück“, so Morczinek. Dies geschehe derzeit auch in Marburg, erläutert der Betriebsratsvorsitzende, der auch Mitglied der Tarifkommission ist. Und das werde auch Zeit, denn: „Wir müssen deutlich attraktiver werden, wenn wir Menschen für den verantwortungsvollen Beruf des Busfahrers begeistern wollen.“

Dazu gehöre nicht nur ein besseres Gehalt, sondern auch eine verbesserte Arbeitszeitregelung. Beides bietet der TV-N, wie Morczinek verdeutlicht. So hätten die Marburger Busfahrer derzeit mit 9:59 Stunden eine Schichtzeit von knapp unter zehn Stunden – „im TV-N wären es 8:30 Stunden“, sagt Morczinek. Mit dem Arbeitgeber werde derzeit über einen Übergangstarif von neun Stunden gesprochen, „was immer noch eine deutliche Verbesserung darstellt“.

Weitere Vorteile des TV-N: Es gibt eine Altersvorsorge, ein 13. Monatsgehalt – und die Angestellten wechseln alle drei Jahre in die nächsthöhere von insgesamt fünf Erfahrungsstufen. Was bedeutet dies in Zahlen? „In der höchsten Stufe macht das von TV-N zu LHO etwa 5.000 Euro im Jahr aus“, sagt Frank Morczinek.

Wechsel findet 
zum 1. Januar statt

Eigentlich sei man in den Verhandlungen schon recht weit fortgeschritten, versichert der Betriebsratsvorsitzende. Der Arbeitgeber habe die Mitgliedschaft im LHO bereits gekündigt – zum 1. Januar kommenden Jahres findet der Wechsel in den Kommunalen Arbeitgeberverband statt. Zwei Verhandlungsrunden hatte es bereits gegeben – doch die jüngste dritte Runde wurde ergebnislos abgebrochen.

Der Grund: „Vor allem in der Einstiegsstufe soll ein höheres Einstiegsgehalt gezahlt werden. Denn nur so können wir auch junge Leute wieder für den ­Beruf des Busfahrers interessieren“, so Morczinek. Doch dies scheint sich derzeit zum Knackpunkt der Verhandlungen zu entwickeln – die Forderungen seien von den Vertretern des Arbeitgeberverbands strikt abgelehnt worden.

Über konkrete Zahlen will Morczinek nicht sprechen – dies sei Usus bei laufenden Tarifverhandlungen. Allerdings sei es wichtig, Nachwuchs in der Busbranche zu gewinnen, denn: „Eine Verkehrswende ohne Busfahrer kann es nicht geben. Und unsere Mitarbeiterschaft hat ein recht hohes Durchschnittsalter – wenn wir nicht reagieren, haben wir in zehn Jahren niemanden mehr, der noch fahren kann.“ Bundesweit fehlten derzeit rund 10.000 Busfahrer – „das ist schon bedenklich“.

Für den Betriebsratsvorsitzenden seien dies – wie auch für die Nahverkehrsgewerkschaft – wichtige Punkte. Auch wenn Morczinek weiß, dass die Neuregelung die MVG „und somit letztlich die Stadt rund eine Million Euro kosten“. Dennoch herrsche in den Verhandlungen derzeit quasi Stillstand.

Stillstand: Gewerkschaft droht mit Warnstreik

„Da wir in keinem Fall finanzielle Verschlechterungen für die Mitarbeiter hinnehmen wollen, wurden die Verhandlungen vorerst unterbrochen“, so die NahVG, die der Gegenseite eine „Verweigerungshaltung“ vorwirft. Es bleibe „abzuwarten, ob KAV und Geschäftsführung ihr Angebot überdenken“.

Intern wolle sich die Gewerkschaft nun beraten und weiter Druck machen: „Durch die strikte Ablehnung unserer berechtigten Forderungen befürchten wir, dass auch Streiks nicht ausgeschlossen werden können.“ Dennoch sei man bereit, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, man warte nur auf ein Signal des ­Arbeitgebers.

Für gescheitert erklären will auch Morczinek die Gespräche nicht, „noch stehen alle Türen offen“. Er sei „guten Mutes“, dass noch eine Einigung erzielt wird. Aber auch er schließt zumindest einen Warnstreik nicht aus. Dennoch bleibt er weiter zuversichtlich, dass die Verhandlungen „noch zu einem guten Ende führen – auch ohne Streik“. Sollte es jedoch nicht weitergehen, dann werde ein Ausstand auch recht kurzfristig realistisch. „Wir sind auf jeden Fall streikbereit“, versichert Morczinek.   

von Andreas Schmidt 
und Ina Tannert