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Marburg Wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei
Marburg Wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei
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18:00 20.07.2019
Der Fluchtwagen und das beschädigte Polizeiauto in der Neuen Kasseler Straße.  Quelle: Polizei Mittelhessen
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Marburg

Auf dem Parkplatz der Vitos-Klinik in Cappel ging der Vorhang auf. Es folgte eine Verfolgungsjagd, wie sie teils in Actionfilmen zu sehen sind. Und bevor der Abspann zu flimmern begann, hatte das Geschehen in der Neuen Kasseler Straße nahe dem Hauptbahnhof geendet. Die Hauptrolle hatte ein unter dem Einfluss von LSD und Amphetaminen stehender 38-jähriger Familienvater.

Der Mann aus dem Ostkreis musste sich wegen Diebstahls, Gefährdung des Straßenverkehrs, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verantworten. Er war geständig, räumte alle Vorwürfe ein, konnte sich allerdings an einige Szenen seiner Fahrt nicht erinnern. Laut dem sachverständigen Gutachten von Dr. Frank Paulmann von der Vitos-Klinik in Haina sehr nachvollziehbar.

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Gefühlt wie in einem Videospiel

Der Angeklagte berichtete außerdem, dass er sich hinterm Steuer gefühlt habe wie in einem Videospiel, bei dem es die Polizei abzuschütteln gilt. LSD ist ein starkes Halluzinogen. Und dabei gehörte der Wagen, den er von der Vitos-Klinik in Cappel über die Südspange und die Stadtautobahn sowie die Neue Kasseler Straße jagte, gar nicht ihm. Er klaute den Wagen in seinem Heimatort, um sich in Marburg Amphetamine zu verschaffen.

„Mein Mandant ist dann zur Vitos-Klinik gefahren, um sich einweisen zu lassen. Aber er hat es sich dann doch anders überlegt“, berichtete Verteidiger Thomas Strecker. Wie der Zufall wollte, erkannten allerdings Bekannte des Eigentümers dessen Auto auf dem Gelände der Klinik. Sie sowie die Polizei hefteten sich mit mehreren Wagen an die Fersen des 38-Jährigen.

„Er wollte schnell nach Hause, bevor das LSD seine Wirkung entfalten konnte“, bemerkte Strecker. Auf der Fahrt in Richtung Hauptbahnhof unternahm der Mann mehrere waghalsige Manöver, die sogar einen leichten Unfall verursachten. Auf der Stadtautobahn bemerkte er dann, dass Autos mit Blaulicht hinter ihm her waren. Um dem Verkehr zu entgehen, wich der Angeklagte auf der Neuen Kasseler Straße auf den Bürgersteig aus.

"Ich wollte niemanden überfahren"

Eine Passantin musste sich in Sicherheit bringen. Ganz knapp war es kurz darauf für einen Polizisten, der mit seinem Streifenwagen den Weg versperrte. Das Gefährt des 38-Jährigen touchierte die Beine des Beamten, ohne dass dieser ernste Verletzungen davontrug. Der Polizist gab an, dass nicht die körperlichen, sondern die psychischen Folgen das Problem seien. „Ich wollte niemanden überfahren“, beteuerte der dreifache Vater.

Zumal er sich gerne bei dem Beamten entschuldigt hätte. Er wurde kurz darauf auf der Neuen Kasseler Straße von Beamten gestoppt, indem ein Streifenwagen das Auto des Beschuldigten rammte und die Polizisten ihn aus dem Wagen zogen.

Dass er sich entschuldigen wollte, kaufte ihm Gutachter Paulmann vorbehaltlos ab. „Der Angeklagte ist eigentlich ein netter und aufrichtiger Typ. Aber wenn Drogen im Spiel sind, gehen die Probleme los“, sagte Paulmann. Der Psychiater berichtete über die Biographie des Beschuldigten: Aufgewachsen in einer gut betuchten Pflegefamilie, Trennung der Pflegeeltern und danach die Rückkehr zur biologischen Mutter.

Alle Versuche scheiterten

Dort kam er bereits im Alter von zwölf Jahren mit Rauschgift in Kontakt und konsumierte in seiner Jugendzeit verschiedene synthetische Drogen. Paulmann stellte auch eine starke Alkoholabhängigkeit fest. Der 38-Jährige war bereits drei Mal in Therapie gewesen. Alle Versuche scheiterten jedoch.

Auch hinter Gittern hatte er schon gesessen. Mehr als ein Dutzend Mal ist der Beschuldigte vorbestraft – auch einschlägig. „Sollte der Angeklagte ohne feste Strukturen wieder auf die Straße gelangen, sind auch schwere Straftaten möglich“, sagte Paulmann.

Die Verteidigung wie auch Richter Dominik Best und Staatsanwalt Dr. Frederik Buß waren überzeugt, dass eine Unterbringung in einer Entzugsklinik das Beste für den Angeklagten sei. So ordnete das Schöffengericht eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und fünf Monaten an, von denen die ersten beiden Jahre allerdings in einer Klinik verbracht werden sollen.

von Benjamin Kaiser