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Marburg Nach Waldblick: Marburg geht neuen Anti-Corona-Weg
Marburg Nach Waldblick: Marburg geht neuen Anti-Corona-Weg
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19:54 17.12.2020
Mitarbeiter des Katastrophenschutzes stehen vor dem Alten- und Pflegeheim „Haus Waldblick" in Moischt. Einen Tag nach dem Einsatz ist eine Versorgung der Bewohner vorerst sichergestellt
Mitarbeiter des Katastrophenschutzes stehen vor dem Alten- und Pflegeheim „Haus Waldblick" in Moischt. Einen Tag nach dem Einsatz ist eine Versorgung der Bewohner vorerst sichergestellt Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Moischt

Ein Hund bellt in der Ferne. Der schroffe Wind lässt Büsche wackeln. Hin und wieder rollt ein Auto im Schritttempo die Dorfstraße entlang. Am Tag, nach dem eine Truppe rund um das Technische Hilfswerk die pflegerische Grundversorgung von 42 Corona-infizierten Bewohnern des „Haus Waldblick“ in Moischt sichern musste, ist es rund um die Einrichtung ruhig. Wie es drinnen aussieht? Das weiß keiner so recht, aber die Horrorsituation der Vortage, die Katastrophe für die hochbetagten, mitunter hochgradig pflegebedürftigen Menschen ist abgewendet.

„Eine ganz grundsätzliche Versorgung der Menschen ist nach dem Einschreiten vorerst gegeben“, sagt Bernd Combé, der „Haus Waldblick“ im Jahr 1984 mit gründete. Wie schon am Vortag, als er mit Waldblick-Leiter Steffen Bohl wegen des Quarantäne-bedingten Komplettausfalls fast aller Mitarbeiter – von Pflegern bis zum Küchen-Team – Alarm schlug, steht er vor der Eingangstür der Einrichtung. „Was hier passiert ist, ist der Preis für das Kaputtsparen der Pflege, des Gesundheitssystems“, sagt er.

Die wenigen noch arbeitenden oder vor ihrem Arbeitsplatz zurückgekehrten Waldblick-Mitarbeiter sind aufgewühlt. Wegen der Dauerbelastung und der Szenen, die sich seit Tagen abgespielt haben müssen. Aber auch, weil sie nach dem Versorgungs-Zusammenbruch einen dauerhaften Image-Schaden für die Einrichtung, für sich selbst als Pfleger fürchten.

„Wir gaben und geben alles. Jetzt stehen wir da, als ob wir uns nicht genug gekümmert hätten“, sagt eine Mitarbeiterin gegenüber der OP. Es stimme zwar, dass alte Menschen an Covid-19 gestorben seien – aber entgegen erster Informationen am Mittwoch habe seit dem Corona-Ausbruch niemand länger als einige Stunden tot im Bett gelegen.

Um die Bewohner im Moischter Seniorenheim kümmern sich jedenfalls seit Mittwochmittag wieder mehr als zwischenzeitlich nur eine Fachkraft. Nach OP-Informationen soll bereits am Montag bei verschiedenen Behörden in Stadt und Landkreis Notrufe des verbliebenen Personals eingegangen sein. Dazu erläuterte Landrätin Kirsten Fründt (SPD) gestern während einer Pressekonferenz, dass sich in dem Pflegeheim „innerhalb kürzester Zeit eine dramatische Infektionslage entwickelt“ habe. Als man davon erfahren habe, sei die Task-Force „Pflege und Corona“ aufgebrochen und habe in Moischt Hilfe geleistet.

Die Waldblick-Leitung erläuterte im Vorfeld der Pressekonferenz, dass bereits seit zehn Tagen bekannt sei, dass 15 Mitarbeiter vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt worden seien – verbunden mit dem Vorwurf, dass die Behörde nicht da schon geholfen habe. „Als wir mitbekommen haben, dass sich dort das Ausbruchsgeschehen dynamischer entwickelt hat, als in anderen Pflegeeinrichtungen oder in anderen Hotspots, haben wir sofort reagiert“, sagt Fründt. Administrativ werde die Heimleitung unterstützt – zudem sei Pflegepersonal aus unterschiedlichen Hilfsorganisationen im Einsatz. „Bis zum Beginn der kommenden Woche ist die Pflege und die Versorgung der Menschen dort gesichert“, sagte Fründt.

Für die Zeit danach versuche man, weitere Pflegekräfte zu bekommen, „das ist eine kontinuierliche Aufgabe, die wir ganz intensiv wahrnehmen.“

UKGM: Infiziertes Personal im Dienst

Arbeiten am Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM) auf Corona positiv getestete Krankenpfleger und Ärzte? Das UKGM bestätigt die Informationen, äußert sich auf OP-Anfrage: Es komme auf Antrag des Krankenhauses aber „nur in sehr vereinzelten Fällen“ dazu, dass das Gesundheitsamt die Quarantänezeit für Mitarbeiter verkürze. Diese vorzeitige Dienstaufnahme sei auch nur in bestimmten Fallkonstellationen und nach Gesprächen mit dem betroffenen Mitarbeiter möglich.

Positiv getestete Mitarbeiter würden „grundsätzlich erst nach Ablauf der behördlich festgelegten Quarantänezeit“ – unter Umständen eben verkürzt – ihren Dienst wieder antreten. Obwohl nicht gefordert, werde auch bei diesen Mitarbeitern vor dem Dienstantritt ein Corona-Test durchgeführt. Zahlen, wie viele Anträge gestellt oder bewilligt wurden, nannte das UKGM nicht.

Von Björn Wisker und Andreas Schmidt

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