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Marburg Rettung in Marburg
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10:59 04.08.2022
Rettung in Marburg: Der kleine Ivan aus der Ukraine ist dialysepflichtig. Prof. Stefanie Weber (links) und Fachkrankenschwester Nina Bendix zeigen, wie das Gerät normalerweise angeschlossen würde. Die lebensnotwendige Behandlung wird aber Zuhause
Rettung in Marburg: Der kleine Ivan aus der Ukraine ist dialysepflichtig. Prof. Stefanie Weber (links) und Fachkrankenschwester Nina Bendix zeigen, wie das Gerät normalerweise angeschlossen würde. Die lebensnotwendige Behandlung wird aber Zuhause Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Sein Körper ist aufgedunsen. Überall Wassereinlagerungen. Das Fahle seiner Haut verrät, dass er innerlich langsam vergiftet. Als Ivan im März, wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs in Marburg ankommt, ist sein Zustand kritisch. „Es ging ihm sehr schlecht“, erinnert sich Professorin Stefanie Weber, Direktorin der Klinik für Kindernierenerkrankungen am UKGM.

Der elfjährige Ivan leidet an einer Autoimmunkrankheit, die seine Nieren außer Gefecht setzt. Sein Körper kann die Giftstoffe nicht selbst herausfiltern, er ist auf eine Bauchfelldialyse angewiesen.

Auf der tagelangen Flucht aus dem Kriegsgebiet ist seine Versorgung katastrophal. Nur in Polen erhält er einmal die lebenswichtige Dialyse. Dann kommt die Rettung aus Marburg. Ein Krankenwagen der Marburger Johanniter holt den Jungen und seine Mutter Larysa extra aus dem polnischen Breslau ab und bringt ihn ins UKGM.

Was ist eine Dialyse?

Dialysepatientinnen- und -patienten sind schwerkranke Menschen, deren Körper regelmäßig maschinell entgiftet und entwässert werden muss, weil das die Nieren nicht mehr leisten können. Nur so können sie überleben. Hämodialyse und Peritonealdialyse übernehmen die wichtigsten Aufgaben der Nieren und entfernen Abfallstoffe, Toxine, überschüssiges Salz und Flüssigkeiten aus dem Körper. Bei der Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) wird das Blut nicht außerhalb des Körpers, sondern mithilfe einer Dialyseflüssigkeit in der Bauchhöhle gereinigt über einen speziellen Bauchkatheter: Über ihn wird Dialyseflüssigkeit in die Bauchhöhle geleitet, nach einiger Zeit abgelassen und gegen neue Dialyseflüssigkeit ausgetauscht. Diese Form der Dialyse kann selbstständig zu Hause durchgeführt werden.

„Ivan war der erste dialysepflichtige Kinderpatient, der aus der Ukraine nach Deutschland gekommen ist“, erklärt Weber, Expertin für Nierenerkrankungen im Kindesalter. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (Nierenmedizin) (DGfN) leistet seit Beginn des Krieges schnelle und unkomplizierte Hilfe für ukrainische Dialysepatientinnen und -patienten. 50 Kinder seien derzeit in der Ukraine auf eine Dialyse angewiesen – in Deutschland 200, laut DGfN. Auch in der Ukraine selbst sind DGfN und die Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie (Kindernierenmedizin) seit Kriegsbeginn engagiert – unter anderem werden Medikamententransporte organisiert. Aufgrund der kritischen Versorgungslage würden vor allen Dingen Immunsuppressiva für Kinder und Erwachsene nach Organtransplantation benötigt. „Es wäre sehr schlimm, wenn nun auch noch bereits transplantierte Organe abgestoßen werden“, so Weber, die froh ist, dass es Ivan mittlerweile besser geht.

Während der Flucht hatte er sich zu seinem ohnehin schlechten Zustand auch noch mit Corona infiziert. Er erkrankte schwer an Covid-19. Zwei Monate musste er stationär in der Kinderklinik verbringen, bis er über den Berg war.

Was macht die Niere?

Jeder Mensch hat zwei Nieren. Es sind die Filterorgane des Körpers. Ihre Hauptfunktionen sind das Filtern des Blutes und das Ausscheiden von Wasser und Stoffwechselprodukten, wodurch sich Urin bildet. Darüber hinaus regulieren sie den Elektrolythaushalt, den Blutdruck und den Säure-Basen-Haushalt. Außerdem spielen Nieren eine wichtige Rolle in der Produktion von Hormonen, dem Aufbau der Knochen und der Bildung der roten Blutkörperchen. Die vielfältigen Funktionen erfordern eine gute Durchblutung des Organs. So fließen täglich etwa 1800 Liter Blut durch die Nieren bei Erwachsenen.

„Diese Zeit haben wir genutzt, um seine Mutter zu schulen“, erklärt Weber. Mutter Larysa Reznichenko hat vom Kinderdialysezentrum ein Dialysegerät gestellt bekommen, jeden Abend schließt sie ihren Sohn daran an. Über Nacht erhält er so die Nierenersatztherapie, die ihn am Leben hält. Die sogenannte Peritonealdialyse ermöglicht es, das Blut von Abfallprodukten des Stoffwechsels sowie von überschüssigem Wasser zu befreien, wenn die Nieren diese Aufgabe nicht erfüllen können. Die Dialyse schaffe 10 bis 15 Prozent einer normalen Nierenleistung, so Weber.

Ivan ist mit seiner Mutter bei einer deutschen Familie in Lollar untergekommen. „Ich bin unheimlich dankbar, dass Ivan und mir so geholfen wird. Sowohl von den Ärzten in Marburg als auch dieser lieben Familie“, sagt Mutter Larysa lächelnd und streichelt ihrem Sohn über den Kopf. Mittlerweile geht es Ivan ganz gut. Er geht zur Schule und spielt gern wieder Fußball. Der Schlauch in seinem Bauch stört ihn dabei nicht, sagt er.

Regelmäßig muss er zu Untersuchungen in die Kinderklinik, seine Therapie wird engmaschig überwacht, er muss eine Diät halten, darf zum Beispiel nicht zu viel trinken. Das führt dazu, dass er oft Kopfschmerzen und Durst hat. Heilbar ist seine Erkrankung nicht.

„Ivan braucht lebenslang eine Nierenersatztherapie“, erläutert Weber. Perspektivisch werde eine Nierentransplantation ins Auge gefasst. Aber es kann dauern, bis sich eine passende Niere findet. „Statistisch gesehen warten Kinder in Deutschland rund anderthalb Jahre auf ein passendes Organ“, bedauert Weber. Das Problem: eine zu geringe Bereitschaft zur Organspende.

Es gibt zu wenig Organspender!

2021 warteten in Deutschland 8.484 Menschen auf ein Spenderorgan. 933 Menschen spendeten nach ihrem Tod insgesamt 2.905 Organe. Somit wurden einem Spender durchschnittlich 3,1 Organe entnommen und transplantiert.

Mit einem Organspendeausweis kann man also viele Menschenleben retten. In den ersten drei Monaten 2022 ist die Zahl der Organspenden massiv zurückgegangen. Sie sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 29 Prozent. Hauptgrund seien laut Deutscher Stiftung Organspende die hohen Corona-Infektionszahlen.

Während der Corona-Pandemie sind die ohnehin schon zu geringen Zahlen an Organspenden noch weiter zurückgegangen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation ist alarmiert. Etwa 8 500 Menschen stehen in Deutschland derzeit auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Die meisten von ihnen warten auf eine Spenderniere. „Dank der maschinellen Alternative zur Transplantation können lange Wartezeiten für Kinder überbrückt werden. Beim Herz sieht das anders aus. Da ist die Mortalität sehr hoch, wenn nicht zeitnah transplantiert wird“, sagt Weber.

Das UKGM ist das einzige Zentrum in Hessen, das Kindernieren transplantiert. Eine transplantierte Niere halte in etwa 15 bis 20 Jahre. Das bedeutet für Ivan, dass er, wenn er im Alter eines jungen Erwachsenen ist, wieder eine Niere brauchen wird. Aber jetzt hoffen alle Beteiligten erst einmal darauf, dass zeitnah überhaupt eine Niere für ihn gefunden wird. Wenn Ivan Glück hat, kommt seine Mutter als Lebendspenderin infrage. Zu hoffen wäre es für den tapferen Jungen.

Von Nadine Weigel

09:59 Uhr
07:59 Uhr