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Marburg Ein Baby-Boom auf den Lahnbergen
Marburg Ein Baby-Boom auf den Lahnbergen
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12:10 16.02.2020
Themenfoto: Eine Hebamme steht neben einem Säuglingsbett in einer Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.  Quelle: Arno Burgi
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Marburg

Seit Sommer 2019 ist die gesamte klinische Versorgung für schwangere Frauen, Geburt und Nachsorge in der Region vom Lahnberge-Krankenhaus übernommen worden. Daneben kümmern sich Geburtshäuser wie etwa am Schwanhof und Hebammen um Schwangere und junge Mütter.

Eine Auswertung des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) für die OP zeigt nun: Schon nachdem Biedenkopf geschlossen wurde – das war im März 2014 – ist die Zahl der Entbindungen am UKGM sprunghaft angestiegen. Und denselben Effekt hat es offenbar im vergangenen Jahr gegeben.

Denn bereits kurz nach der Ankündigung der Stations-Schließung in Wehrda im Mai vergangenen Jahres schossen die Entbindungs- und Babyzahlen auf den Lahnbergen nach oben: Während es in den Vormonaten zwischen 130 und 150 Geburten gab, waren es im Juni und Juli plötzlich je mehr als 200 – und das Niveau blieb bis Jahresende deutlich über jenem, das vor der Schließungs-Ankündigung erreicht wurde.

Zusätzlicher Kreißsaal

Die Verunsicherung der werdenden Eltern, so sagen mehrere Hebammen 
im OP-Gespräch, könnte auch ein Grund für die letztlich um ein halbes Jahr vorgezogene DKH-Schließung sein. Denn ursprünglich hätte diese erst im Dezember, nicht wie dann geschehen im Juli 2019 stattfinden sollen. In Wehrda wurden bis dato jährlich rund 650 Kinder geboren, am UKGM waren es im vergangenen Jahr rund 1950 – statt wie in den Vorjahren 1600.

Doch gibt es am Uni-Klinikum angesichts der steigenden Zahl der Entbindungen auch mehr Personal? Ja, sagt die Krankenhaus-Leitung auf OP-Anfrage. Personell sei „nach und nach ergänzt und aufgestockt“ worden. So seien allen Mitarbeitern aus Wehrda Angebote gemacht worden – und alle, die wechseln wollten, seien auch eingestellt worden. Man sei daher „in der glücklichen Lage, keine Personalprobleme zu haben“.

Stadt und Landkreis seien trotz „steigender Anforderungen“ geburts­hilflich jedenfalls „momentan gut versorgt“. Aktuell werde auf den Lahnbergen ein neuer, zusätzlicher Kreißsaal gebaut. Und eine allgemeine ­geburtshilfliche Ambulanz mit neuem Personal und Räumen ist bereits aufgebaut worden und läuft seit 1. Januar.

Planung des Landes Hessen

Der Grund für die hessenweiten Gynäkologie-Schließungen­ sind laut Hessischem Hebammenverband indes immer wieder: fehlendes Personal an und Wirtschaftlichkeit für die Kliniken. Natürliche Geburten, also solche ohne Kaiserschnitt, rechneten sich für die Krankenhäuser auch angesichts steigender Personal- und Zusatzkosten wie Haftpflichtversicherungsprämien kaum noch.

Das Landes-Sozialministerium versichert aber, dass es trotz aller Schließungen in der Vergangenheit immer noch genügend Kreißsäle gebe. Allerdings hätten es Frauen in ländlichen Gebieten – auch in Teilen des Hinterlands – schwerer. Es sei aber vom Land Hessen eine Planung aufgelegt worden, die es ermögliche, dass mehr als die Hälfte aller Frauen im Bundesland innerhalb einer halben Stunde die jeweils nächstgelegene Geburtsstation erreichen könne, heißt es aus Wiesbaden. Einem weiteren Viertel gelänge dies in und 40 Minuten. Nur die wenigstens müssen längere Wege in Kauf nehmen – und das seien wiederum Mütter, die sich auf längere Anfahrt einrichten und Vorkehrungen träfen.

von Björn Wisker

 

Schließungen

Alleine seit 2015 haben fünf der rund 70 geburtshilflichen Stationen in Hessen geschlossen: 2016 die Geburtshilfe des Kreiskrankenhauses des ­Vogelsbergkreises in Alsfeld. 2018 hat das Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt die geburtshilfliche Station zugemacht. Die geburtshilfliche Belegabteilung am St. Elisabeth-Krankenhaus in Volkmarsen hat ihren ­Betrieb ebenso eingestellt wie das Diakonie-Krankenhaus ­Wehrda und die Geburtshilfe am Marienhospital in Darmstadt. Das Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus in Ehringshausen und das Heilig-Geist-Hospital in Bensheim folgten.

Gefährliches Medikament im Einsatz

In Deutschland wird nach aktuellen Medienberichten wohl an fast der Hälfte aller Kliniken eine Tablette zur Geburts-
einleitung eingesetzt, die nie für diesen Zweck zugelassen worden ist. Cytotec, so der 
Name des Mittels kann offenbar zu schweren Komplikationen für Mutter und Kind führen. Cytotec ist ein Magenschutzmittel und für diesen Zweck auch zugelassen. Dass es Kontraktionen der Gebärmutter auslöst und damit Wehen fördern kann, haben Ärzte eher zufällig entdeckt. Hoch dosiert kann Cytotec auch zur Abtreibung eingesetzt werden.
Grund für den Einsatz in der Geburtshilfe: Das Medikament ist um ein Vielfaches billiger als zugelassene Arzneien und zudem in Tablettenform einfach zu verabreichen.

Wie das Uni-Klinikum Gießen-Marburg auf OP-Anfrage mitteilt, wird Cytotec in Marburg aufgrund der in Fachkreisen schon länger bekannten, wenn auch seltenen Nebenwirkungen und Risiken „generell nicht eingesetzt“. Eine Ausnahme bilden, so sagt Pressesprecher Frank Steibli nur frühe Fehlgeburten vor der 20. Schwangerschaftswoche oder vor der Geburt verstorbene Kinder. In diesen Fällen könne das Medikament unter entsprechender Aufklärung, dem Einverständnis der Mutter und Überwachung eingesetzt werden.