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Marburg Ein Quäntchen Glück
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08:00 23.02.2022
Ein Justizbeamter geht hinter einer vergitterten Tür über den Flur eines Zellentrakts der neuen Abschiebehafteinrichtung (AHE) des Landes Hessen in Darmstadt-Eberstadt.
Ein Justizbeamter geht hinter einer vergitterten Tür über den Flur eines Zellentrakts der neuen Abschiebehafteinrichtung (AHE) des Landes Hessen in Darmstadt-Eberstadt. Quelle: Arne Dedert
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Gladenbach

Nach sechs Jahren in Gladenbach stehen Polizisten am 11. Januar 2022 vor der Haustür der Russin Goar Temurova. Die 37-Jährige ist ihrer „Ausreiseverpflichtung“ nicht nachgekommen.

Deshalb wird von Amts wegen nachgeholfen. Sie wird zum Flughafen Frankfurt gebracht. Mit dem Flieger soll sie nach Moskau abgeschoben werden. Sie wehrt sich – standhaft. Deshalb ordnet das Amtsgericht Frankfurt noch am selben Tag Abschiebehaft in Darmstadt-Eberstadt an. Goar Temurova tritt in den Hungerstreik. Nach 33 Tagen wird sie aus der Abschiebehaft entlassen – auf Beschluss des Frankfurter Landgerichts.

In zweiter Instanz stellte das Gericht fest, dass die Inhaftierung Goar Temurova in ihren Rechten verletzt hat. Zu ihrem Gesundheitszustand während des Hungerstreiks im Gefängnis gibt es widersprüchliche Angaben. Laut dem Bündnis „Community for all“ soll die 37-Jährige zehn Kilogramm abgenommen haben und in schlechter Verfassung gewesen sein. Ein Polizeisprecher erklärte gegenüber der Frankfurter Rundschau, Temurovas Allgemeinzustand sei „aus medizinischer Sicht bislang einwandfrei“ gewesen.

Sie selbst sagt Tage nach der Haftentlassung: „Ich fühle mich sehr schwach.“ Sie leidet unter Schlafstörungen und Angstzuständen. Sorge treibt sie um, dass erneut Polizisten vor ihrer Haustür stehen und sie mitnehmen. Die 37-Jährige will nicht weg aus Gladenbach. Sie pflegt ihre 64-jährige Mutter, die nach einem Schlaganfall rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen ist.

Duldungsbescheinigung

Goar Temurova kam 2016 mit einem Schlepper auf einer unbekannten Route mit dem Auto nach Deutschland. Sie stellte einen Asylantrag und kam in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Im August 2017 wurde ihr Asylantrag abgelehnt. Sie erhielt eine Duldungsbescheinigung – zuletzt verlängert bis zum 25. November 2021. Im Januar 2022 sollte sie deshalb abgeschoben werden und landete schließlich hinter Gittern.

„Ich kann nicht nachvollziehen, dass der Wunsch, die Mutter zu pflegen und das Leben in Sicherheit leben zu wollen, ein Verbrechen ist, wofür man für mehr als einen Monat in Haft muss. Das ist nicht die Idee des deutschen Rechtsstaats“, sagt Temurovas Nichte Diana.

„Dieser Fall markiert einen erneuten Tiefpunkt der schwarzgrünen Abschiebepolitik. Wir appellieren an die Landesregierung, Humanität walten zu lassen“, erklärt Saadet Sönmez, migrations- und integrationspolitische Sprecherin der Fraktion „Die Linke“ im Hessischen Landtag. Sie fordert, den Antrag Temurovas auf eine Aufenthaltsgenehmigung zu prüfen.

Das Bündnis „Community for all“ macht darauf aufmerksam, dass eine Abschiebung für die Frau bedeutet, wieder in die Reichweite ihres gewalttätigen Ex-Mannes zu geraten und diesem schutzlos ausgeliefert zu sein, erklärte Bündnissprecherin Sima Schernec. Angeblich habe sich die russische Polizei kürzlich nach Temurova erkundigt, weil eine Vermisstenanzeige vorliegen soll. Das Bündnis fordert, dass „Frauen vor patriarchaler Gewalt geschützt werden – immer und überall und unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus“.

Goar Temurova hat eine sehr starke Bindung zu ihrer Mutter. Als die 37-Jährige in Abschiebehaft saß, hat „die Oma ihre Medikamente verweigert“. Deshalb sei sie zur Beobachtung ins Krankenhaus gekommen, berichtet Temurovas Nichte Diana. Die Pflege der Mutter hat Goar Temurova auch als Grund angegeben, warum sie sich gegen die Abschiebung gewehrt hat. Sie hatte den Polizisten gesagt, dass sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die Abschiebung verhindern will – egal wie. So steht es in der Gerichtsakte.

Mutter und Tochter verbindet ein ähnliches Schicksal. Beide haben sich in Russland von ihren Männern getrennt. In der Volksgruppe der Jesiden werden Ehen auf Lebenszeit geschlossen: Eine Scheidung ist möglich, aber verpönt. Den Neuanfang in Deutschland hat sich Goar Temurova wohl überlegt. Sie hatte Glück und lebt jetzt in der Nähe ihrer Schwester. Nun hofft sie auf ein weiteres Quäntchen Glück, um bleiben zu dürfen.

Von Silke Pfeifer-Sternke

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