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Marburg Der Bauch war sein Kompass
Marburg Der Bauch war sein Kompass
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08:58 26.06.2020
„Wenn es den Mitarbeitern gut geht, dann können sie die durchaus schwierige Arbeit mit psychisch Kranken auch besser bewältigen“, weiß Michael Kessler. Quelle: Foto: Katja Peters
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Marburg

Es fühlt sich zwar merkwürdig an, aber heute gibt es kein Zurück mehr. Michael Kessler geht nach 32 Jahren in den Ruhestand und verlässt die BI Sozialpsychiatrie als geschäftsführender Vorstand. An dieses „nicht mehr in der Verantwortung stehen“ muss er sich erst noch gewöhnen. „Schließlich hat man in den drei Jahrzehnten jede Menge Beziehungen aufgebaut“ sagt er und zählt auf: „Mitarbeiter, Kostenträger, Netzwerkmitglieder. Mit allen gibt es ein Vertrauen in der Zusammenarbeit.“

Das war ein langer Weg. Denn als der Betriebswirt im Jahr 1988 als kaufmännischer Verwaltungsleiter bei der BI anfing, war die Situation eher prekär denn rosig. Dem Verein, der 1973 gegründet wurde, ging es wirtschaftlich nicht gut.

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Und die Aufgabe von Michael Kessler war die Konsolidierung mit der Schaffung von Strukturen und vor allem wieder Vertrauen zu allen Beteiligten aufzubauen. „Wir befanden uns die ersten zehn Jahre in einer Aufbau- und Veränderungslage“, erinnert er sich. Als diese abgeschlossen war, begann ein stetiges Wachstum, „aber nicht im Sinne der Profitorientierung, sondern mit dem Ausbau unserer Angebote und der Zukunftsausrichtung an die Bedürfnisse psychisch Kranker.“

Dabei sah und sieht sich Michael Kessler als ein Rädchen im BI-Uhrwerk. „Ich saß zwar an entscheidender Stelle, aber die Umsetzung war nur über die Mitarbeiter, die begeistert und motiviert werden mussten, sowie das Aufsichtsratsgremium möglich“, betont er. „Ich habe das umgesetzt, was der Verein sich als Ideal vorgestellt hat.“ Dabei gab es durchaus auch mal kontroverse Diskussionen oder einen punktuellen Diskurs, aber immer mit dem Blick darauf, „was die Klienten brauchen, was gut für die Zielgruppe ist.“

Was ihm auch immer wichtig war, sind die Mitarbeiter. Mittlerweile zählt die BI 100, vor allem Frauen. „Wenn es den Mitarbeitern gut geht, dann können sie die durchaus schwierige Arbeit mit psychisch Kranken auch besser bewältigen“, weiß Michael Kessler. Wenig Befristungen, Bezahlung nach Tarif, flexible Arbeitszeiten, Voll- und Teilzeitstellen. „Wir sind nicht nur auf dem Papier ein familienfreundlicher Arbeitgeber. Und unsere Leute können auch nur gut sein, wenn die Versorgung der Familie gesichert ist.“

Den Spagat zwischen Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit empfand Michael Kessler „als langen Prozess, aber immer persönlichkeitsbildend“. Und auch die Sozialarbeitersprache sowie deren Denkweise waren für ihn anfangs schwierig. „Ich bin Kaufmann und hatte bis dato in einem Baugeschäft gearbeitet. Der Weg vom Beton zum Menschen war anfangs etwas holprig“, beschreibt er seine Anfänge. Allerdings habe ihm wiederum das Querdenken geholfen. „Das war sehr hilfreich.“ Und noch etwas hat ihm geholfen – sein Bauchgefühl. „Mein Bauch war immer mein Kompass“, sagt Michael Kessler, für den die Insolvenz der Selbsthilfe-Firma Caretta „sehr schmerzlich und die größte Niederlage im Berufsleben“ war.

Ab Freitag ist Feierabend. Zeitgleich mit seiner Frau geht er nun in den Ruhestand. Aus der großen Party, die die beiden geplant hatten, wird nichts. „Aber ich will auch keine ’Never-Ending-Story’ daraus machen.“

Von Katja Peters

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