Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Nach 18 Jahren überführt
Marburg Nach 18 Jahren überführt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 04.12.2021
Das Landgericht in Marburg.
Das Landgericht in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Nach einer Stunde Beratungszeit stand am Freitag das Urteil der 3. Großen Jugendkammer am Marburger Landgericht fest. Ein 38-jähriger Neustädter soll für drei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis für vier Taten, denen er nach Überzeugung der Kammer unter Vorsitz von Richter Gernot Christ schuldig ist. Dabei handelt es sich um einen im Jahr 2003 erfolgten Raubüberfall auf eine Kassiererin des Rewe-Getränkemarktes in Neustadt, den Erwerb von Kokain am Marburger Richtsberg im vergangenen Jahr sowie zwei Falschgeld-Fälle.

Mit dem Strafmaß blieb das Gericht ein Jahr unter dem, was Staatsanwalt Jonathan Poppe zuvor forderte, sieht dessen Vorwürfe aber als bestätigt an. Das Gericht bildete eine Gesamtstrafe nicht nach Jugendstrafrecht, da der Angeklagte als 19-Jähriger in seiner Entwicklung keine relevante Beeinträchtigung aufwies, was zuvor ein psychologischer Gutachters feststellte.

Das Gericht wertete die mit einer vorgehaltenen Pistole erfolgte Tat nicht als schweren Raub, sondern als schwere räuberische Erpressung, weil die Kassiererin den Kasseneinsatz „eher weggab“, als dass er ihr sie entriss. Zugute hielt es dem Angeklagten, dass er keine Beute machte, da er sich auf der Flucht des verschlossenen Kasseneinsatzes entledigte, die Tat lange zurückliegt und er sie „dilettantisch“ ausführte. Erschwerend wirkte die psychische Belastung, die die Kassiererin erlitt.

Versuch, Indizien zu entkräften

Der Versuch von Pflichtverteidigerin Viktoria S. Kunkel, die Indizien einzeln zu entkräften, misslang. Wie Christ ausführte, wohnte der Angeklagte in der Nähe und kannte den Markt, sodass er Kenntnis vom Umgang mit den Tageseinnahmen haben konnte. Auch seien Täterbeschreibungen nach so langer Zeit so gut wie nie zu 100 Prozent übereinstimmend, weshalb das zähle, was die Zeugen kurz nach der Tat zu Protokoll gaben, was auf den Angeklagten passe. Eine DNA-Spur sage allein genommen nichts aus, aber die Umstände, wann und wo der Speichel gefunden wurde, schon, weil es dort war, wo der Täter nach Ansicht der Kassiererin ihr aufgelauert haben muss und der Angeklagte angab, als starker Raucher viel rumgespuckt zu haben. Fest stehe, dass der Abdruck eines Mittelfingers auf dem Kasseneinsatz zum Angeklagten passe, was ausreiche, da es nicht zwingend alle Finger sein müssten. Außerdem gebe es keine Erklärung, wie der Abdruck, außer beim Raub auf die Kasse gekommen sei, da der Angeklagte nie in dem Markt beschäftigt war. Zudem habe der Angeklagte kein Alibi, dafür das potenzielle Motiv: Geldnot.

Jedes einzelne Indiz könne ein Zufall sein, sagte Richter Christ, aber nicht alle zusammen bewertet. Deshalb gebe es aus Sicht der Kammer keinen vernünftigen Zweifel, dass der Angeklagte der Täter war. Bei den anderen Taten sei die Feststellung dagegen nicht so kompliziert gewesen, auch weil sich der Angeklagte bei hartnäckigem Nachfragen doch zur Zugabe durchrang, erklärte der Vorsitzende Richter.

Der Kokainhandel sei zwar nicht professionell geplant, die bei der Festnahme festgestellte Menge spreche aber ebenso wie die in seinem Haus gefundenen Verkaufsutensilien und die Telefonüberwachung sowie die Chatauswertung dagegen, das diese nur zum Eigengebrauch bestimmt war. Selbst wenn er als Gelegenheitskonsument und der ebenfalls festgenommene 37-Jährige – der Mittäter bekannte offen, süchtig zu sein – als Nutzer angenommen würde, bliebe doch eine Menge übrig, die über der Grenze zur Geringfügigkeit liege.

Die beiden Falschgeld-Fälle wertete das Gericht als minderschwer, weil die Qualität der über den Versandhandel „wish“ bezogenen 100 Scheine zu 50 „Euro“ zwar schlecht aber vom Bundesbank-Gutachten als „zum Verwechseln“ eingestuft worden sind, und das zweite Geschäft nicht zustande kam. Das Gericht ist aber überzeugt, dass das Falschgeld in Umlauf gebracht werden sollte.

Zugute hielt das Gericht dem Angeklagten das Geständnis über das beim Drogengeschäft „zur Selbstverteidigung“ mitgeführte Messer, sowie dass der 38-Jährige nach der Festnahme den Drogenkonsum aufgab, sich um Arbeit bemühte und jetzt eine Anstellung aufnehmen könnte. Dies betonte auch die Pflichtverteidigerin, die für zwei Jahre Haft auf Bewährung plädierte, weil der Angeklagte es alleine schaffte, sich raus zu kämpfen, ein geregeltes Leben anzugehen, die MPU bestanden und einen Job in Aussicht habe.

Tat tut Angeklagtem leid

Der 38-Jährige sagte vor der Urteilsverkündung im Schlusswort, die Tat tue ihm sehr leid. Er habe seit 2017, als ihn seine Ehefrau mit dem besten Freund betrog, eine schwere Zeit gehabt und sei 2009 in einem schlechten Moment in die Rocker-Szene reingeraten. Er habe falsche Entscheidungen getroffen, die er zutiefst bereue und bat um Nachsicht, weil es ihn zerreißen würde, wenn er seine beiden Kinder jahrelang nicht sehen könne.

Ein noch milderes Urteil ließe sich kaum noch rechtfertigen, sagte Richter Gernot Christ am Ende der Begründung, gab aber auch zu verstehen, dass er mit einer Revision rechne. Um diese einzulegen, hat der Angeklagte eine Woche Zeit, solange ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Von Gianfranco Fain

03.12.2021
05.12.2021
03.12.2021