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Marburg Das ist Marburgs Bollywood-Rapper
Marburg Das ist Marburgs Bollywood-Rapper
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17:46 20.07.2020
Ramon Belsat in einer Szene des Videos „Bollywood Queen“. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Ramon Belsat lächelt zufrieden, stößt mit Sekt an und fragt sich, womit er das verdient hat. Eine der ersten Szenen des Debüt-Musikvideos des Marburger Rappers mit dem Titel „Bollywood Queen“ könnte fast symbolisch für sein Leben stehen.

Denn der 32-Jährige hat an die Chance, mit seiner Musik durchzustarten und eine Karriere zu starten, selbst gar nicht mehr geglaubt. „Der Tod meiner Mutter war auch musikalisch ein Cut. Ich musste mein Leben in den Griff kriegen, hatte andere Sorgen und Probleme als Musikmachen“, sagt Belsat.

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2014 erkrankte seine Mutter schwer, unter den Künstlernamen „McRamon“ schrieb er seine Gedanken auf, machte daraus einen Liedtext und brachte „Ich bete für dich“ heraus. Ein Song, der damals in- und außerhalb Marburgs viele berührte. Nur eine nicht mehr: Seine Mutter hörte das Lied nie, verstarb vor Veröffentlichung.

„Ich wollte ihr Hoffnung machen, ich habe es nicht mehr geschafft“, sagt der Ockershäuser. In dem Song geht es um die Liebe an die Mutter, den Glauben und die Erinnerungen an die Einwanderung nach Deutschland. Denn als Kind kam Belsat mit seiner Familie aus Indien nach Deutschland und hatte es nicht leicht.

„Ich will Marburg auf die Rap-Karte bringen“

Aus der damaligen Not macht er heute eine Tugend, eine Marke: Belsat mischt bei den Beats und Texten Deutsch-Rap mit indischen, bollywoodesken Einflüssen und will so einen völlig neuen Stil schaffen. „Wenn ich professionell Musik mache, dann sollte das auch stilistisch was eigenes sein, etwas, dass es noch nicht gibt und was trotzdem ich bin“, sagt er.

Kaum eine Musikrichtung bringt mehr Musiker, mehr Output hervor als Hip-Hop. Hunderte Rap-Videos gehen täglich online, sich von der Masse abzuheben ist entsprechend schwer. Was lag bei einem indischen Einwanderer also näher, als indisch und deutsch verschmelzen zu lassen?

„Ob das ankommt oder nicht, ist egal. Das bin ich, so kann ich mich künstlerisch ausdrücken.“ Stilistisch wolle er aber „nicht einseitig werden, nur eine indische Fahne hochhalten, ich bin facettenreich“ – und auf die komplette Klischee-Kanone im Video, etwa mit Holi-Farben oder bunten Gewändern zu arbeiten, verzichtet er.

Das Video – mit einer Freundin, der Marburgerin Janine Eiwieser in einem Klub in Heuchelheim gedreht – kam mit Hilfe von Freunden und Familie zustande. Sie geben das Geld, er gibt das Talent. „Ich will Marburg auf Deutschlands Rap-Karte bringen.“ Das sei „ein Traum, aber kein Tagtraum. Ich habe ein starkes Gefühl, dass das was werden kann.“

Nach „Bollywood Queen“ will er nun alle zwei Monate Songs veröffentlichen – mehrere Singles, die Album-Zeiten seien vorbei. „Ich kann nur raushauen – aber eben mit Qualität.“ Eine Hoffnung: Dass etwa Youtuber auf ihn aufmerksam werden – solche, wie ABK, ein Rapper mit rund einer Million Followern. „Ich bin eine kleine Maus, er ist ein Großer. Dass er mich anschrieb und helfen will, das gibt mir noch mal mehr Auf- und Antrieb.“ Denn im umkämpften Musikgeschäft braucht es genau das: einen Türöffner.

Der Callcenter-Mitarbeiter – „Ich babbele eben viel“ – verzichtet in seinen Texten bewusst auf die im Rap häufig übliche Fäkalsprache, Beleidigungen, „schmutzige, widerliche Sachen“, wie der ehemalige Theodor-Heuss-Schüler (heute Sophie-von-Brabant-Schule) sagt. „Ein 80-Jähriger soll meine Musik ohne Ekel hören können. Ich will authentisch Gefühle, keine Gossensprache vermitteln.“

Am Anfang standen die „Backstreet Boys“

So kurios es klingt – am Anfang seiner Musikleidenschaft, seines Rapper-Wegs standen die Backstreet Boys. „Das Gefühl, der Gesang – das sprach mich an“, sagt der BSF-Richtsberg-Fußballer. Von der Popgruppe schlitterte der damals 14-Jährige in Richtung der Frankfurter Rapszene, speziell der Künstler Azad habe ihn geprägt. Ein Ockershäuser Nachbar, ein Fußballkumpel – ein Junge aus einem Professoren-Haushalt – nahm ihn damals mit nach Hause in ein kleines Privatstudio.

Und sie rappten, McRamon war geboren. „Meine Stimme auf einem Rohling zu hören, hat mich so stolz gemacht.“ Es ging weiter über Auftritte mit einer Richtsberger Rap-Formation, der Unterstützung von Produzent Oliver Skop-nick und „Marburg Flow“ bis zum Knick, bis zum Tod der Mutter.

In der Schlussszene des Musikvideos wacht Belsat auf, der Traum ist vorbei und es trudelt eine SMS ein. Frage: „Wo bleibst du?“ Das Video endet, im echten Leben weiß der Marburger: Er ist schon auf dem Weg.

Von Björn Wisker