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Marburg Mundschutz wird knapp
Marburg Mundschutz wird knapp
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20:21 29.03.2020
Sibel Ayan an ihrer Nähmaschine in ihrer Wohnung in der Ketzerbach. Die 51-Jährige näht auf eigene Kosten dringend benötigte Mundschutze. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Sibel Ayan ist müde. Sie hat nur wenig geschlafen. Bis tief in die Nacht hat sie an ihrer Nähmaschine gesessen und Mundschutze genäht. „Ich will etwas Gutes tun für die Menschen in meinem Land und in meiner Stadt“, sagt die 51-Jährige, während sie einen bunten Stoff geschickt mit der Hand an der Nähmaschinennadel vorbeiführt. In der Näh-Ecke liegen bunte Stoffe verteilt, der Küchentisch ist voll mit Stoffresten, Gummibändern und Skizzen. Die fertigen Mundschutze hängen ordentlich aufgereiht an einem großen Kerzenständer.

Die Ketzerbacherin trifft mit ihrer Mundschutz-Produktion in Heimarbeit den Nerv der Corona-Zeit. Mundschutze sind derzeit überall Mangelware. Die Preise sind horrend. So bietet ein Supermarkt im Landkreis Mundschutze für 59 Euro an und erntet dafür einen Shitstorm im Netz. Selbst medizinisches Personal bekommt kaum noch Nachschub. So veröffentlichte die DRK-Schwesternschaft Marburg Anfang dieser Woche einen Appell auf Facebook, in dem sie Menschen zum Selbstnähen animierte – mit Erfolg. „Es haben sich bereits mehr als 200 Interessierte gemeldet, die für uns nähen wollen“, freut sich Maren Alberth von der DRK-Schwesternschaft im Telefongespräch mit der OP. Sie betont, dass der Andrang so groß ist, dass sie vorerst keine neuen Helfer in Sachen Mundschutzproduktion brauchen.

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Anonymer Spender bereitet Dialysezentrum Freude

Es gibt sie also noch – die positiven Nachrichten in Zeiten der Pandemie: Für große Freude sorgte so zum Beispiel auch ein anonymer Spender beim Dialysezentrum in Cappel. Ohne viel Aufhebens zu machen, war ein Mann in die Praxis marschiert und hatte 18 sogenannte FFP2-Masken abgegeben. Das ging so schnell, dass die Mitarbeiter gar nicht den Namen des Spenders aufschreiben konnten. „Das war wirklich unglaublich. Das hat uns so gefreut, dass wir ihm gerne auf diesem Weg Danke sagen wollen“, sagt Werner Fritsch. Der Zentrumsleiter betont noch einmal, wie schwierig es momentan ist, an Masken heranzukommen. „Wir wissen ja nicht, was für Zeiten noch auf uns zukommen, und deshalb gehen wir sehr sorgsam mit unseren Masken um“, erklärt er. Die hygienischen Sicherheitsvorkehrungen sind erhöht worden. Dadurch, dass jeder Patient nun mit einem Mundschutz zu kommen und mit einem Mundschutz zu gehen habe, sei die Anzahl an Mundschutzen der Einrichtung ohnehin schon reduziert, erklärt Fritsch.

Die Gesundheit der Patienten hat oberste Priorität. Viele von ihnen kommen seit Jahren zur Dialyse nach Cappel. Oftmals sind die Mitarbeiter per Du mit den Patienten. „Das ist wie in einer großen Familie hier“, sagt Fritsch lächelnd und weist einen Mann mit Rollator an, der gerade mit einem Taxi vor den Eingang des Zentrums gebracht wurde, dass er seine Maske bitte korrekt über die Nase ziehen soll. Der Patient folgt willig und desinfiziert sich ordentlich die Hände, bevor er die Einrichtung betritt. Neunzig Menschen kommen derzeit regelmäßig zur Dialyse nach Cappel.

„Wir müssen unsere Patienten und uns schützen und schauen nun permanent, wie wir diesen Schutz noch verbessern können“, sagt Dr. Sabine Schütterle. Die ärztliche Leiterin des Dialysezentrums – zusammen mit Prof. Joachim Hoyer und Dr. Parvis Farahmand – hat sich deshalb unheimlich über die gespendeten FFP2-Masken gefreut. Freude herrscht aber auch über eine Firma aus Lohra, die nun einen Gesichtsschutz für das Personal herstellen wird. Der schützt zusätzlich zur Filtermaske für den Mund auch noch Gesicht und Augen durch eine Scheibe.

„Wir müssen ja auch damit rechnen, dass wir irgendwann einen Patienten dialysieren müssen, der positiv auf das Coronavirus getestet ist“, erklärt die Ärztin. Dann wollen alle Mitarbeiter des Dialysezentrums, das eng mit der Nephrologie des Uni-Klinikums Marburg zusammenarbeitet, gewappnet sein, um auch diesem Patienten, der dann von den anderen räumlich isoliert wird, die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen.

Auf der ganzen Welt sind Mundschutze derzeit Mangelware. Dass ein Mundschutz aus Stoff nicht gleichzusetzen ist mit beispielsweise einer FFP2-Maske, ist klar. Doch das Robert-Koch-Institut schreibt: „Wenn sich eine an einer akuten respiratorischen Infektion erkrankte Person im öffentlichen Raum bewegen muss, kann das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes oder einer alternativen, gegebenenfalls textilen Barriere sinnvoll sein, um das Risiko einer Ansteckung anderer Personen zu verringern.“

Ein textiler Mundschutz schützt die Mitmenschen

Das bedeutet: ein textiler Mundschutz schützt vor allem die Mitmenschen. Wichtig sei, dass ein Mund-Nasen-Schutz korrekt sitzt. Das heißt: eng anliegend getragen wird, bei Durchfeuchtung gewechselt wird, und dass während des Tragens keine (auch keine unbewussten) Manipulationen daran vorgenommen werden. Auf keinen Fall sollte das Tragen eines MNS oder einer anderen Form der Barriere dazu führen, dass Abstandsregeln nicht mehr eingehalten oder die Händehygiene nicht mehr umgesetzt wird, so das Institut auf seiner Homepage.

Auch Sibel Ayan, die Mundschutznäherin aus der Ketzerbach, weiß, dass sie kein medizinisches Produkt herstellt. Aber auch, dass es in der derzeitigen Notlage besser ist als nichts. Ihre Mundschutze sind deshalb doppellagig, sodass man zum Beispiel einen Filter dazwischenlegen kann. Im Internet kursieren Videos, in denen Ärzte Tipps geben, wie man aus Kaffee- und Teefiltern Mundschutze bastelt. Und auch eine Mitarbeiterin im Dialysezentrum hat sich einen Mundschutz selbst genäht – und ein feinporiges Vlies hineingelegt. Deshalb wird Sibel Ayan weitermachen. Unentgeltlich. „Ich habe selbst nicht viel, aber in dieser Situation will ich Menschen irgendwie helfen“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir müssen jetzt alle zusammenhalten.“

Von Nadine Weigel

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