Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Keine Kontrolle als Badegewässer
Marburg Keine Kontrolle als Badegewässer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:29 27.08.2019
Der Lahnzulauf am Cappeler Klärwerk: Multiresistente Keime sind dort bei einer Stichprobe gefunden worden.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Für die Studie, die der Hessische Rundfunk (hr) beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Auftrag gab, haben zwei hr-Journalistinnen Wasserproben aus sieben hessischen Gewässern entnommen – darunter die Lahn. Im Vorfeld waren sie von Professor Thomas Schwartz von der Abteilung für Mikro- und Molekularbiologie im Institut für Funktionelle Grenzflächen des KIT geschult worden, wie sie für eine einwandfreie Entnahme der Proben vorgehen sollten. Die Proben wurden anschließend in das Forschungslabor gesendet und analysiert. Der einzige Entnahmepunkt an der Lahn lag nahe des Klärwerks in Cappel wie Michael Draeger, hr-Pressesprecher, gestern auf OP-Anfrage sagt.

Ergebnis: Gefunden wurden Bakterien, die gegen drei Antibiotika-Wirkstoffklassen resistent sind, und solche, die gegen­ vier Wirkstoffklassen ­resistent sind. Außerdem wurden Erreger nachgewiesen, die
eine Resistenz gegen die Reserve-Antibiotika Imipenem, Colistin sowie gegen Methicillin zeigten. „Zusammen mit der Alten Wehre bei Eschwege gehört die Lahn damit zu den getesteten Gewässern mit den größten Belastungen“, so Draeger. Dem Regierungspräsidium Gießen (RP) liegen die Werte mittlerweile vor, eine genaue Gefahren-Einschätzung steht aber noch aus. Grundsätzlich: „Eine­ allgemeine Panik halten wir für unbegründet, trotzdem wird vom Baden in nicht gemeldeten Badegewässern abgeraten und damit auch vom Baden in der Lahn“, heißt es gestern auf OP-Anfrage. Denn die Lahn gilt – trotz Freizeitangeboten wie Kanu- und Tretbootfahren, Stand-up-Paddeln und Plantschen am Wehr – nicht als Badegewässer, sondern dient dem „Allgemeingebrauch“. Daher greifen spezielle Überwachungs- und Kontrollmechanismen nicht, ein Badeverbot ist von der Stadt bislang nicht erlassen worden.

Das Gesundheitsamt des Kreises werde sich zeitnah mit den anderen Fachbehörden hausintern abstimmen, um zu klären, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind, hieß es gestern in einer Pressemitteilung auf OP-Anfrage. Nach bisherigen Informationen handele es sich bei der vom Hessischen Rundfunk in Auftrag gegebenen Untersuchung um eine Momentaufnahme aus dem Monat Mai, die erste Hinweise liefere. Wichtig sei, zu klären, unter welchen Rahmenbedingungen die Probenentnahme stattgefunden habe, ob die Proben an mehrerer Stellen entnommen worden seien.

Arznei-Entsorgung: Spezialspüler in Heimen

Klar sei auf jeden Fall, dass das Baden in Gewässern grundsätzliche Risiken berge. Zudem seien Gewässer in der Nähe von Kläranlagen „Hot Spots“, also­ Orte mit erhöhter Keimbelastung. So gelte weiterhin die grundsätzliche Empfehlung, nicht in der Nähe von Kläranlagen zu baden, heißt es in der Stellungnahme des Kreises.

Dem Cappeler Klärwerk – einem der zehn größten in Hessen – machen bei den Filtervorgängen vor allem die Spurenstoffe zu schaffen: „Im Klo statt im Müll entsorgte Arzneien sind das größte Problem für die ­Abwasserreinigung und somit letztlich für Mensch und Umwelt“, sagte Uwe Erdel, Chef des Marburger Abwasserverbands jüngst im OP-Gespräch.

Mit dem bundesweiten Forschungsprojekt „HyReKA“ wollen Wissenschaftler seit 2016 unter anderem Stellen im Abwassersystem aufdecken, an ­denen resistente Keime in die Umwelt gelangen. Bereits jetzt können die Forscher laut Bundesforschungsministerium mittels neuer Analyseverfahren – dem sogenannten „Microbial Source­ Tracking“ – herausfinden, wer der Wirt eines Erregers ist. So lasse sich eingrenzen, woher der Erreger stammen könnte – etwa aus Kliniken oder Mastbetrieben. Denkbar wäre es laut Ministerium, dass besonders belastetes Abwasser zukünftig­ noch vor Ort gezielt behandelt werde, bevor es zu Klärwerken gelange. So können etwa eine Kombination aus UV-Licht-Bestrahlung und der sogenannten Ozonung Erreger und Resistenzgene zerstören, heißt es.

Unterschiedliche Quellen

„Die Verunreinigungen können aus unterschiedlichen Quellen kommen. Sie können aus der Kläranlage kommen, von Menschen, aus der Landwirtschaft, aber auch von Wildtieren, die sich auf oder in den Gewässern bewegen, da Antibiotika-resistente Bakterien in unterschiedlichen Quellen – Mensch, Tier, Umwelt – zu finden sind“, heißt es von Dr. Linda Falgenhauer vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am Uni-Klinikum Gießen-Marburg auf OP-Anfrage.

Ein Arznei-Entsorgungs-Schwerpunkt sind jedenfalls Altenheime – wie sie etwa die Stiftung St. Jakob „Auf der Weide“, in der Sudetenstraße oder in Cölbe betreibt. Auf OP-Anfrage­ verweist man auf das interne Hygienemanagement und auf Vorgaben des Robert-Koch-Instituts. 

Wie Pflegedienstleiter Johannes Lang sagt, gebe es neben dem Gebot ständiger Hände-Desinfektion für Mitarbeiter in allen Einrichtungen auch sogenannte Fäkalspüler, die das Abwasser vor der Einleitung in die Kanalisation weitgehend von Schadstoffen befreien. „Dass Keime im Wasser ein großes Problem sind, ist bekannt, deshalb gibt es überall so ein vorgeschaltetes System.“

Das rund 410 Kilometer lange Marburger Kanalnetz steht indes wegen des alten Zustands (gebaut: ab Ende des 19. Jahrhunderts) immer mal wieder in der Kritik. Unter anderem, da mitunter ungeklärtes Wasser, auch Fäkalien in die Lahn gelangen. Ende vergangenen Jahres gab es zudem kommunalpolitische Diskussion um die Bekämpfung von Mikroplastik.

Im Klärwerk Steinhäule in Neu-Ulm werden Methoden zur verbesserten Elimination von antibiotikaresistenten Bakterien erprobt.

Eine vierte Reinigungsstufe­ dient dem Rückhalt von Antibiotikaresten, eine fünfte Reinigungsstufe ist in Planung; diese soll antibiotikaresistente­ Bakterien entfernen. Erdel ­bezeichnete solche zusätzlichen Reinigungsstufen in Cappel als „denkbar“, aber: „Sie ist erst mal nur Zukunftsmusik.“ Und auch das RP Gießen verweist darauf, dass eine völlige Keimfreiheit auch mit Reinigungsstufen-Nachrüstungen nicht möglich wäre.

von Björn Wisker und Manfred Hitzeroth