Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Zweimal war die Mühle bereits zerstört
Marburg Zweimal war die Mühle bereits zerstört
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:59 30.10.2021
Blick auf die Mühle am 23. Februar 1944 – in der Nacht zuvor war die Elisabethmühle von einer Bombe getroffen worden. Auf dem Steg: Martha und Julius Lotz.
Blick auf die Mühle am 23. Februar 1944 – in der Nacht zuvor war die Elisabethmühle von einer Bombe getroffen worden. Auf dem Steg: Martha und Julius Lotz. Quelle: Privatfotos
Anzeige
Marburg

Die Elisabethmühle im Wehrdaer Weg ist schon fast 800 Jahre alt. Seit 200 Jahren befindet sie sich im Besitz der Familie Lotz – Zeit für eine kleine Rückschau. Wie alt die Mühle ist, das weiß Wilhelm Heinrich Christian Lotz, sechste Mühlen-Generation der Familie, nicht genau. Doch wurde sie 1234 urkundlich erwähnt, als Herrmann, Sohn der später heiligen Elisabeth, die Mühle dem Deutschen Orden schenkt. Und 1250 wurde sie von Sophie von Brabant, Tochter von Elisabeth, in „Elwins Mühle“ umbenannt. Wahrscheinlich könnte die Mühle sogar noch älter sein – „denn auf einem Balken ist auch die Jahreszahl 1181 zu lesen“, sagt Wilhelm Lotz.

Einer seiner Vorfahren, der Fahnenjunker Christian Friedrich Lotz, kaufte die Mühle im Jahr 1821 für 5 000 Taler – fortan hieß sie „Lotzemühle“. Bevor die Mühle zur Familie kam, hätte ihr Aus bereits besiegelt sein können. Denn Ostern 1530 sei sie komplett abgebrannt, „sie wurde im Anschluss aber wieder aufgebaut“, weiß Wilhelm Lotz. Vom Neubau zeugt noch heute ein Wappen über der Tür.

Während des zweiten Weltkriegs wurde die Mühle erneut zerstört. Am Nachmittag des 22. April 1944 fielen rund 100 Bomben auf das Nordviertel, nahezu 100 Menschen kamen ums Leben – und eine Bombe streifte auch das Wohnhaus des Mühlengebäudes, wodurch die Mauer auf einer Breite von sechs Metern herausgerissen wurde. Zwar gab es Verletzte in der Familie Lotz – doch keine Toten.

Dann kam die Explosion

Aber in der Nacht dann der große Schreck: Eine Bombe, die im Mühlgraben gelandet war, hatte einen Zeitzünder. „Sie explodierte gegen Mitternacht, riss die Ostmauer komplett ein und zerstörte die Mühleneinrichtung inklusive Getriebe“, erzählt Lotz. Die Mühle wurde nach Kriegsende erneut aufgebaut, „es war der erste Bauantrag in der Stadt nach dem Krieg“. 1948 ging sie wieder in Betrieb.

In Betrieb ist die Mühle auch heute noch – aber Mehl wird nicht mehr gemahlen. Vielmehr ging die Elisabethmühle am 1. August 1978 ans Stromnetz, nachdem Wilhelm Lotz zuvor mit Freunden in Eigenleistung Turbinen zur Stromgewinnung eingebaut hatte. Auslöser war dafür „ein Gesetz, das vorsah, dass wir die Wasser- und Fischereirechte verlieren, wenn wir die Mühle drei Jahre lang nicht nutzen“, sagt Lotz. Die Rechte und die damit verbundene Tradition wollte er nicht aufgeben. So sei die Idee zur Stromerzeugung entstanden.

Seit einigen Jahren werden Teile der Mühle auch vermietet. Ein langjähriger Mieter ist aber nun ausgezogen: „CSL Behring hat seinen Vertrag mit uns gekündigt, das ,Behring-Forum’ mit Vortrags- und Veranstaltungsraum und der historischen Behring-Ecke ist leider Vergangenheit“, sagt Lotz.

Das sei schade, denn die Mieteinnahmen seien nötig, um die immerwährende Restaurierung der Mühle zu decken. „Aber es wird sich bestimmt ein Nachmieter finden“, hofft Lotz.

Von Andreas Schmidt