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Marburg Motto: in Kontakt bleiben
Marburg Motto: in Kontakt bleiben
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18:59 20.04.2020
„Die Anrufe nehmen zu“, hat Stefanie Lambrecht, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie der Stadtverwaltung, in der Corona-Krise festgestellt. Quelle: Stadt Marburg/Thomas Steinforth
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Marburg

Die gute Nachricht gleich vorweg: Das Marburger Jugendamt hat bisher keine Erhöhung von Gefährdungsmeldungen in Familien feststellen können.

Aber, und das ist die schlechte Nachricht: Die Belastungsfaktoren nehmen zu. Soll heißen, dass Eltern an ihre Grenzen stoßen, nachdem sie nun seit gut fünf Wochen Lehrer, Eltern und Freunde in Personalunion sind.

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„Die Überforderungssituation in den Familien wird komplizierter“, hat Stefanie Lambrecht, Leiterin des Fachbereiches Kinder, Jugend und Familie festgestellt. Das hat neben den psychischen Faktoren auch etwas mit der finanziellen Unsicherheit zu tun. Ängste werden größer, die Nerven werden dünner.

Kinderschutz unbedingt sicher stellen

Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Familien und auch die Kinder ganz einfach jemanden zum Reden finden, der bei Bedarf eben auch berät. Darauf hat das Jugendamt reagiert. Denn oberstes Ziel in dieser Krise ist: in Kontakt bleiben.

Schon sehr früh wurden deshalb Gespräche innerhalb der Verwaltung als auch mit den freien Trägern geführt. „Der Kinderschutz ist unser Kernprozess und den müssen wir unter allen Umständen sicher stellen“, betont Stefanie Lambrecht im OP-Gespräch. Zusammen wurde nach Möglichkeiten gesucht, den Kontakt zu den bekannten belasteten Familien aufrecht zu erhalten.

Stadträtin: Hilfen für Bildung sind ausbaufähig

Da der persönliche Kontakt laut Verordnungen auf das Nötigste reduziert werden muss, finden Beratungen jetzt vor allem telefonisch, aber auch über Mitteilungsdienste oder per Videoanruf statt. Sollte doch irgendwo Gefahr in Verzug sein, dann schauen die Mitarbeiter selbstverständlich persönlich vorbei.

Auch deshalb wurde das Personal aufgeteilt – ein Teil arbeitet im Büro, der andere Teil draußen. Beide Bereich sind aber zumindest körperlich voneinander isoliert. Ein Austausch über aktuelle Entwicklungen findet natürlich weiterhin statt.

Mit den Kindern und Jugendlichen treffen sich die Mitarbeiter jetzt in virtuellen Räumen. „Wir erreichen sie also digital“, erklärt Stefanie Lambrecht, die diese Neuerung auch als Zukunftsmodell sieht. Jugendclubs seien laut einer Studie sowie ein Auslaufmodell.

Mutig auf unbekannte Dinge eingelassen

Überlastete Eltern, die vorher noch keine Unterstützung vom Jugendamt brauchten, können sich bei der „Beratung am Abend“ (siehe Infokasten) Hilfe holen oder einfach nur mal mit jemanden reden. Das Angebot von Stadt und Landkreis zusammen mit vielen freien Trägern wird angenommen. „Die Anrufe nehmen zu und wir erreichen genau diejenigen, für die dieses Angebot geschaffen wurde“, hat Stefanie Lambrecht festgestellt.

Sie und ihre Kollegen versuchen den Entwicklungen immer einen Schritt voraus zu sein, um vorbereitet zu sein und zu agieren, statt zu reagieren. „Wir sind sehr, sehr viel mutiger, uns auf unbekannte Dinge einzulassen“, sagt die Fachbereichsleiterin und ergänzt: „Es geht in dieser Situation nicht darum, über Finanzen zu sprechen. Die sind da.“

Kraft der Mitarbeiter ist nicht unendlich

Und auch Stadträtin und Jugenddezernentin Kirsten Dinnebier betont: „Es geht um die pragmatische Umsetzung, kreativ, schnell und flexibel zu reagieren. An den Entscheidungswegen hat sich nichts geändert.“ Wöchentlich, meistens freitags, kommen neue Verordnungen, auf die schnell reagiert werden muss.

„Das gelingt uns sehr gut, erfordert aber auch ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter, das nicht unendlich ist“, weiß Kirsten Dinnebier. Neben dem Kontakt halten und der Beratung sowie der Unterstützung sammeln alle in dieser Zeit vor allem Erfahrungen. Familien erkennen neue Ressourcen, Mitarbeiter der Sozialen Dienste probieren Neues aus, die Verwaltung erfährt Flexibilität.

„Vielleicht sind das Entwicklungen, die auch nach der Pandemie beibehalten werden können“, sagt Stefanie Lambrecht. Und Kirsten Dinnebier fügt hinzu: „Schon jetzt wird offensichtlich, dass in unserer Gesellschaft die Hilfen für Bildung noch ausbaufähig sind. Da müssen Angebote sicher nachjustiert werden in der Zukunft.“

Hier finden Sie Hilfe

Alle ortsnahen Unterstützungssysteme stehen den Familien in Marburg weiter zur Verfügung. Die Kindertageseinrichtungen sind telefonisch und per E-Mail erreichbar. Die Gemeinwesenprojekte am Richtsberg, im Waldtal und im Stadtwald sind ebenfalls durchgehend telefonisch erreichbar und leisten Unterstützungsarbeit.

Beratungsstellen und Familienzentren können während der regulären Öffnungszeiten angefragt werden. Die Beratung am Abend bietet unter 06421/4806170 täglich von 19 bis 22 Uhr ein Gesprächsangebot an, bei dem nach Wunsch auch konkrete Unterstützungsleistungen vermittelt werden können.

Das Marburger Jugendamt ist telefonisch erreichbar unter 06421/2010 und per E-Mail unter jugend@marburg-stadt.de. Außerhalb der Öffnungszeiten kann jederzeit über die Polizei die Rufbereitschaft des Jugendamtes erreicht werden.

Von Katja Peters

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