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Marburg „Wir werden ausgepresst wie Zitronen“
Marburg „Wir werden ausgepresst wie Zitronen“
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15:58 24.06.2020
An den Gebäuden der Monette in Marburg nagt sichtbar der Verfall – offenbar soll das Traditionsunternehmen spätestens zum Jahresende schließen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Es ist eine belastende Situation für die Beschäftigten des Marburger Traditions-Unternehmens Monette: Der Besitzer habe mitgeteilt, dass er das Werk schließen wolle, sagt die Marburger Rechtsanwältin Godela Linde, die Beschäftigte der Monette in zahlreichen Arbeitsgerichtsprozessen vertreten hat. „Darüber hinaus wissen wir nichts – denn die Geschäftsführung sagt nicht genau, zu welchem Termin.“ Der 31. Dezember habe bereits im Raum gestanden, „es sei denn, man sei mit den bereits begonnenen Aufträgen vorher fertig“, so Linde.

Der Betriebsratsvorsitzende Karl-Heinz Otto erläutert, dass Aufträge, die neu ankämen, innerhalb der Firmengruppe verteilt und gefertigt würden – „dann kommen sie nach Marburg zurück und werden von hier verkauft“, so Otto. Würden die Aufträge im Betrieb bleiben, dann würde sich die Produktion in Marburg auch weiter lohnen, ist sich Otto sicher. Doch so bleibe unterm Strich in Marburg fast nichts hängen. Der Name Monette, der zählt etwas in der Welt der Kabelproduktion. „Die Mitarbeiter aber nicht“, sagt Otto, „wir werden ausgepresst wie Zitronen“, beschreibt er das Gefühl, das in der Belegschaft herrscht. Und jetzt werde die Schale eben weggeworfen.

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Auch Tobias Götz, zuständiger Gewerkschaftssekretär der IG Metall Mittelhessen, findet klare Worte: „Aus meiner Sicht hat man den Betrieb systematisch heruntergewirtschaftet, nichts mehr investiert und herausgezogen, was noch geht. Und jetzt entledigt man sich des Marburger Traditionsunternehmens, ohne Rücksicht auf die Beschäftigten.“ Das habe nichts mehr mit „unternehmerisch sinnvollem Handeln zu tun, sondern wurde aus meiner Sicht mutwillig herbeigeführt“, so Götz.

Und Investitionsbedarf gebe es reichlich: So seien die Maschinen absolut veraltet, der Eigentümer habe selbst schon gesagt, „man könnte ja ein Maschinenmuseum damit eröffnen“, sagt Godela Linde.

Sie hat bereits Bilanzen gewälzt, denn wenn das Unternehmen schließen wird, dann sollen die Beschäftigten wenigstens per Interessensausgleich noch eine Abfindung bekommen.

„Die GmbH ist aber arm gerechnet“, sagt die Anwältin. In der Tat weist die Bilanz für das Geschäftsjahr 2019 einen Fehlbetrag von gut 850 000 Euro aus. Doch gebe es wohl einen Abführungsvertrag – mit unbekanntem Inhalt. Die Anwältin weiß: „Es gibt eine Beteiligungsgesellschaft, die über allem steht, mit gut 40 Unternehmen weltweit. Alleine die gut 20 Deutschen Firmen haben einen Umsatz in Höhe von 602,88 Millionen Euro. Geld sei also in der Gruppe vorhanden. „Aber die Geschäftsführung hat ja bis heute noch nicht einmal die Beschäftigten informiert“, sagt Linde.

Jüngst habe im Vorfeld einer Betriebsversammlung eine Verhandlung zwischen Geschäftsführung, Gewerkschaft, Anwältin und Betriebsrat zum Thema Interessensausgleich stattfinden sollen. „Mitten im Gespräch sind die Vertreter der Arbeitgeberseite jedoch gegangen“, so Tobias Götz. Fakten seien dabei aber nicht auf den Tisch gekommen.

Gerüchte, die Monette werde schließen, gab es schon oft. Doch die Belegschaft hatte immer wieder Hoffnung - wenn etwa ein neuer Auftrag kam oder auch, wenn Heizöl geliefert worden sei, „das waren immer kleine Signale, dass es weitergeht“, weiß Godela Linde. Doch diese Hoffnung sei nun passé.

Auch, wenn Tobias Götz noch nicht aufgeben will: „Vielleicht kann sich der Arbeitgeber ja um Wirtschaftshilfen des Landes bemühen, um die Firma weiterzuführen. Eigentum verpflichtet – das steht nicht umsonst im Grundgesetz.“

Die Marburger Linke will das Thema am Freitag in der Marburger Stadtverordnetenversammlung ansprechen.

Und was sagt das Unternehmen zu den Vorwürfen? Gegenüber der OP zumindest nichts: Eine Anfrage blieb unbeantwortet.

Von Andreas Schmidt

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