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Marburg Noch mehr Platz für Siedlungsflächen
Marburg Noch mehr Platz für Siedlungsflächen
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10:00 27.04.2022
Blick über das Siedlungs-Vorranggebiet am Rotenberg. 
Blick über das Siedlungs-Vorranggebiet am Rotenberg.  Quelle: Archivfoto: Tobias Hirsch
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Marbach

Neue Baugebiete sind im Stadtteil Marbach ein heikles Thema. Wegen der hohen Verkehrsbelastung sehen viele Marbacherinnen und Marbacher die geplante Bebauung am Oberen Rotenberg und die weitaus größere Siedlungs-Vorrangfläche S338 äußerst kritisch. Für Aufregung sorgt deshalb die Information, dass diese Fläche im Entwurf des neuen Regionalplans sogar noch größer geworden ist: Statt 9,4 Hektar im Regionalplan 2010 sind nun 11,8 Hektar vorgesehen. „Ja, das Gebiet ist mit 11,8 Hektar im Regionalplan-Entwurf rund 3 Hektar größer als im Regionalplan 2010“, bestätigte Thorsten Haas, Stellvertretender Pressesprecher des Regierungspräsidiums Gießen, auf OP-Anfrage.

Ein Siedlungs-Vorranggebiet ist eine Fläche, auf der die Stadt prinzipiell ein Baugebiet planen darf. Sie kann allerdings auch darauf verzichten oder nur einen Teil der Fläche nutzen. Zudem müsste sie in der Bauleitplanung noch mögliche Umweltfolgen prüfen. Zumindest theoretisch könnte aber westlich von Marbach nun noch ein größeres Baugebiet entstehen als bisher bekannt, sofern die größere Fläche in den Regionalplan aufgenommen wird.

Neue Abgrenzung orientiert sich an Wegen

Auf die Flächen-Vergrößerung aufmerksam geworden war Dr. Andreas Matusch, Geschäftsführer des Vereins MIO e.V. (Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie). Er habe die Prüfbögen für das Vorrang-Gebiet in den Umweltberichten zum Regionalplan-Entwurf und zum alten Regionalplan verglichen, berichtete er der OP. „Ich finde es nicht gut, das Gebiet so heimlich und hintenrum immer größer zu tricksen“, kritisierte er. Die im Nordwesten des Vorranggebiets hinzugekommene Fläche sei „der Teil, der mit Heckengehölzen ökologisch am wertvollsten ist“. Zudem befinde sich dort „die Schlittenwiese, wo ganz Marbach im Winter Schlitten fährt“.

Matusch ist überzeugt, dass die Stadt Marburg die Vergrößerung des Gebiets veranlasst habe. „Die Stadt will bauen“, sagte er der OP. Stadt und Regierungspräsidium betonten allerdings unisono, dass die Vergrößerung nicht von der Stadt beantragt worden sei. „Die Stadt Marburg hat zu der Flächengröße bezüglich des Gebiets S338 keine Vorschläge zu einer Vergrößerung des Gebiets beim Regierungspräsidium gemacht“, teilte Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt auf OP-Anfrage mit. „Sie hatte in ihrer Standortanalyse 2018 auch nur eine kleinere Fläche ins Auge gefasst.“ Auch die Stadtverordnetenversammlung habe sich in ihrer Stellungnahme zum Regionalplan-Entwurf nicht zu dieser Fläche geäußert.

„Die neue Abgrenzung wurde nicht explizit beantragt, sondern ist im Wesentlichen mit einer geänderten Darstellung im neuen Planentwurf gegenüber dem Regionalplan 2010 zu erklären“, erklärte Haas für das Regierungspräsidium Gießen. „Die jetzige Abgrenzung orientiert sich an natürlichen Grenzen wie Wegen, während die alte Abgrenzung einzelne Flurstücke schräg durchschnitten hat. Zudem wurde im Nordwesten der Lückenschluss zur bestehenden Bebauung durchgeführt.“

Regionalplan zeigt nur grobe Fläche

Das Siedlungs-Vorranggebiet S338 liegt im Westen von Marbach zwischen dem Oberen Rotenberg und dem Höhenweg. Bisher verläuft dort der Ortsrand im Halbkreis um die Felder herum. In der Einbuchtung, die auch unter dem Namen „Engelsberg“ bekannt ist, könnten eines Tages neue Häuser gebaut werden – vorausgesetzt, dass die Stadt Marburg die Möglichkeiten des Regionalplans entsprechend ausnutzt. In ihrer Standortanalyse „Wohnen im Westen“ hatte die Stadt 2018 nur einen Teil der Fläche, nämlich 5,4 Hektar, als mögliches Wohngebiet vorgesehen. Konkrete Pläne gibt es aber bislang nur für einen kleinen Teil im Südwesten, wo auf einem ehemaligen Gärtnerei-Gelände ein Supermarkt und Wohnhäuser entstehen sollen.

„Generell gibt der Regionalplan auch nur Grundzüge einer möglichen Entwicklung wieder, also eine relativ grobe Fläche, innerhalb der die Kommune dann planen kann“, betonte Grähling. „Die detaillierte Gebietsabgrenzung im Rahmen der späteren, konkreten Bauleitplanung liegt bei der Kommune – innerhalb des Rahmens im Regionalplan. Der Regionalplan-Entwurf ist also nicht parzellengenau zu interpretieren.“

Regionalplan Mittelhessen

Der Regionalplan Mittelhessen enthält die überörtliche Planung für den Regierungsbezirk Gießen, zu dem auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf gehört. Ziel der Regionalplanung ist es, die Entwicklung der Gemeinden aufeinander abzustimmen. Deshalb legt der Plan zum Beispiel überörtliche Straßen, Siedlungs-, Gewerbe-, Naturschutz- und Waldgebiete, landwirtschaftliche Flächen sowie Gebiete für den Klima- und Hochwasserschutz fest.

Der Regionalplan bildet somit die Grundlage für mögliche weitere Planungen einer Kommune. Er schafft aber nicht unmittelbar Baurecht.  Bisher gilt der Regionalplan Mittelhessen 2010, derzeit läuft das Verfahren für einen neuen Regionalplan. Anfang des Jahres konnten unter anderem Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger Stellungsnahmen zum Entwurf abgeben. Mit diesen Stellungsnahmen muss sich nun die Regionalversammlung beschäftigen. Wann der neue Regionalplan rechtskräftig wird, ist noch offen. 

Von Stefan Dietrich

27.04.2022
26.04.2022