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Marburg Von retro bis modern: Die Geschichte der Reklame
Marburg Von retro bis modern: Die Geschichte der Reklame
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20:00 05.10.2021
Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Kathrin Bonacker präsentiert Ausstellungsstücke aus ihrem mobilen Reklame-Museum.
Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Kathrin Bonacker präsentiert Ausstellungsstücke aus ihrem mobilen Reklame-Museum. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Seit ihrer Doktorarbeit unter dem Titel “Hyperkörper“ befasst sich die Marburger Kulturwissenschaftlerin Dr. Kathrin Bonacker mit Anzeigenwerbung als kulturhistorischer Forschung. Mittlerweile kann sie auf einen wahren Schatz zurückgreifen, der auch den Wandel in der Werbung verdeutlicht. Rund 60 000 Anzeigen aus Illustrierten oder Zeitungen aus den Jahren 1893 bis 2020 hat sie mittlerweile gesammelt. Die Bestände in ihrem kulturhistorischen Anzeigenarchiv hat sie seit Mitte der 90er-Jahre zusammengetragen.

Mit 150 Objekten aus ihrer Sammlung hat Bonacker jetzt die Idee eines mobilen Reklame-Museums entwickelt, mit dem sie gerne das Thema Geschichte der Werbung auch in Schulen (unter Umständen auch in Firmen oder in der universitären Lehre) zum Unterrichtsthema machen möchte. Ihr Fernziel wäre es sogar, für die Exponate so viel Raum zu bekommen, dass sie ein Museum der Reklame in Marburg etablieren könnte.

Unter anderem sind die Bestände ihres kulturhistorischen Archivs nach Produktgruppen von Autos bis Zigaretten geordnet. Hinzu kommt eine digitale Erfassung der Ausstellungsstücke nach unterschiedlichsten Themengebieten von Adel über Berufe und Gender bis hin zu Nationalstereotypen, Prominenten oder Fußball.

Streifzug durch die Warengeschichte

Einen Teil der Bestände hat sie derzeit im Hobbyraum ihres Hauses aufgebaut. Zu sehen ist ein schillernder Streifzug durch die Warengeschichte Deutschlands. Sofort ins Auge fällt beispielsweise eine mit Mini-Packungen von Lebensmitteln von „Maggi“ über „Bärenmarke“ bis hin zu „Kerrygold“ bestückte Puppenküche. Überdimensionale Werbe-Accessoires wie eine riesige Nivea-Dose bieten weitere Blickfänge. Apropos Zigarettenwerbung: Wer in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen ist, entdeckt heutzutage längst nicht mehr bekannte Slogans aus der Kinowerbung wieder wie „Ich geh’ meilenweit für eine Camel Filter“ oder „Marlboro. Der Geschmack für Freiheit und Abenteuer“ mitsamt der dazugehörigen Bilder.

Vor allem die größtenteils farbigen Werbestrecken aus Zeitschriften bieten teilweise verblüffende Einblicke in die Art und Weise, wie im vergangenen Jahrhundert geworben wurde. So wirkt beispielsweise die Cola-Werbung aus den ausgehenden 60er-Jahren spannend.

„1968 im Afri-Cola-Rausch“ ist eine Anzeige benannt, die drei Ordensschwestern ganz in Weiß zeigt, die sich an dem koffeinhaltigen Brausegetränk laben. Zum Vergleich: Die Konkurrenz von Sinalco-Kola wirbt hingegen zur selben Zeit mit einem ebenso plakativen Bild, auf dem ein breit grinsender junger Mann mit Atze-Schröder-Frisur und schräger Brille neben der Zeichnung einer in psychedelischen Farben gestalteten jungen Dame mit wallendem rotem Haar zu sehen ist, die eine Flasche mit dem braunen Konkurrenz-Getränk hält.

Motto „Ex und Hopp“

Eher bieder wirkt hingegen das große Papp-Plakat aus der Schaufensterwerbung der 1940er-Jahre für das „Reese-Backwunder“ mit dem Zusatz für „Frauen, die mit Liebe kochen“. Auf dem Bild hält eine junge Frau voll Stolz einen Kranz-Kuchen empor. Diese Werbung habe sich eher an die Hausfrauen gerichtet, erläutert Kathrin Bonacker.

Politisch brisant wurde es in der Werbung in den Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkriegs, als das Anheizen einer kriegerischen Stimmung auch in den Illustrierten-Anzeigen unterschwellig eine Rolle spielte. So bot eine Werkstatt der Käthe-Kruse-Puppen „bewegliche kleine Soldaten“ an.

Eine Lieblingsanzeige von Kathrin Bonacker ist eine Werbung im Jahr 1968 für „die Bierflasche, die man nur einmal trägt – und zwar nach Hause“. Dabei wird mit dem Bild einer Biertrinkerin unter dem Motto „Ex und Hopp“ dafür geworben, dass man die Flasche nach dem Trinkgenuss einfach und unaufwändig wegschmeißen kann – heutzutage im Zeichen des Recyclings natürlich ein „No-Go“.

Echt retromäßig und gleichzeitig auch fast heute wieder verwertbar wirkt eine Illustriertenseite, die in schickem gelben Design für die FDP werben soll und den ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel als Titelikone hat. Mit dem Slogan „Lasst Vernunft walten“ spielt sie geschickt mit dem Namen des Politikers. Hinzu kommt der Appell der „Vorfahrt für Vernunft“: Christian Lindner wäre wohl begeistert, wenn er die Anzeige heute sehen würde.

Besonders interessant findet Bonacker anhand der Anzeigen-Motive zu schauen, auf welche Weise die Werbebotschaften zu den Menschen transportiert werden sollten. Es gehe vor allem um zwei entscheidende Fragen: „Wie funktionieren die Bilder? Wie funktioniert die Sprache?“ Zudem sei es auch spannend, wie Werbung gesellschaftliche Zeitströmungen in konzentrierter Form auf den Punkt brachte.

Mobiles Reklame-Museum

Mit ihrem „Mobilen Reklame-Museum“ plant die Marburger Kulturwissenschaftlerin Dr. Kathrin Bonacker im aktuellen Schuljahr, Unterrichtsbesuche in heimischen Schulen anzubieten. Zu diesem Zweck informieren sich bereits an diesem Samstag Lehrer unterschiedlicher Schulen über die Ausstellungsstücke und das dahinterstehende Konzept. Das Museum wurde im Mai mit Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung aus der Taufe gehoben und soll zukünftig vor allem in den Schulen der Region Mittelhessen als Kultur- und Bildungseinrichtung zum Einsatz kommen.

Die Idee für ein „mobiles Museum“ entstand mitten in der Corona-Pandemie. Bonackers Teilsammlung aus ihrem umfangreichen kulturhistorischen Archiv zum Thema Geschichte der Anzeigenwerbung passt in vier Koffer und vier Taschen und zwei Kartons. Der Vorteil des Museums: Die Schulen können den Museumsbesuch flexibel in den Terminplan einbauen. Denn das mobile Museum kommt in die Schule. Dabei könnten sich auch zwei oder drei Klassen einen Unterrichts-Aufbau teilen.

Eine Werbeseite aus der Zeitschrift „Jugend“ von 1899 kann ebenso bestaunt werden wie Reklamemarken, Verpackungsdesign, Werbeaufkleber, Anzeigenreklame und vieles mehr.
Neben Themen wie stereotypen Darstellungen oder zeitgenössischen Themen im Wandel gibt es Ausstellungs-Tools zu Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Krieg oder der Gender-Debatte.

Bonacker bietet eine viertelstündige Einführung in das Thema ein und kann auch ausleihbares Arbeits- und Infomaterial liefern. Ansonsten würde sie gerne den Lehrern möglichst viel Freiheiten bei der Gestaltung ihres Unterrichts zum Thema „Reklame“ lassen.

  • Information: Dr. Kathrin Bonacker, Homepage: https:// mobilesreklamemuseum. wordpress.com; E-Mail: mobilesreklamemuseum @web.de

Von Manfred Hitzeroth