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Marburg Unterschlagung in Post-Partner-Filiale
Marburg Unterschlagung in Post-Partner-Filiale
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20:26 27.07.2022
Eine 70-Cent- und eine 20-Cent-Briefmarke kleben auf einen Briefumschlag. Den Verkauf von Briefmarken und sogenannten Labels soll der Angeklagte nach dem Kassieren des Betrags im Abrechnungssystem der Post wieder storniert haben.
Eine 70-Cent- und eine 20-Cent-Briefmarke kleben auf einen Briefumschlag. Den Verkauf von Briefmarken und sogenannten Labels soll der Angeklagte nach dem Kassieren des Betrags im Abrechnungssystem der Post wieder storniert haben. Quelle: Oliver Berg/dpa/Themenfoto
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Marburg

Dieses Mal kam der Angeklagte in den Gerichtssaal in Handschellen, von Justizangestellten begleitet. Nach dem Fortbleiben in der vorigen Woche erließ der Vorsitzende Richter Dominik Best gegen den 29-Jährigen einen Sitzungshaftbefehl, der offensichtlich vollstreckt wurde.

Dem ehemaligen Mitarbeiter einer Post-Partner-Filiale im Hinterland wirft Staatsanwalt Dr. Buß vor, von Arbeitgeber und Kunden insgesamt rund 71.000 Euro unterschlagen und zum Abwenden einer Hausdurchsuchung eine gefälschte Urkunde vorgelegt zu haben.

Die insgesamt 190 Taten sollen in den Jahren 2017 bis 2019 erfolgt sein. Der Angeklagte äußerte sich am Mittwoch nicht zu den Vorwürfen.

Auffälligkeiten eher zufällig bemerkt

Ausführlich sprachen dagegen der Inhaber der Post-Filiale sowie der Syndikus und der Ermittler der Deutschen Post. Dabei wurde geäußert, dass die mittlerweile behobenen Lücken in den Sicherungssystemen der Post geradezu zu den Taten einluden. Auch aus diesem Grunde sei ein Vergleich zustande gekommen, berichtete der Geschäftsinhaber, sodass er für den Schaden von 54.000 Euro nur für 26.000 Euro aufkommen musste.

Der Syndikus der Deutschen Post begründete den Vergleich dagegen damit, dass der Inhaber ein „toller Partner“ sei, denn eigentlich seien Kassenprüfungen eine Angelegenheit der Geschäftsinhaber. Die Deutsche Post bemerke Auffälligkeiten eher zufällig, da dafür bundesweit nur drei Mitarbeiter solche Vorgänge einsehen könnten. Die traten im Hinterland offensichtlich derart massiv auf, dass der beauftragte Post-Ermittler von einem „Festival von Unregelmäßigkeiten“ sprach.

Immer die gleiche Masche

Über solche sei er im Jahr 2019 von Kollegen informiert worden, seine ersten Nachforschungen ergaben sofort 90 ähnliche Vorgänge bis zum Jahr 2017, weiter zurück habe er gar nicht mehr geforscht. Manipulationen gab es sowohl beim Paketversand ins Ausland als auch bei der Abgabe von Nachnahmepaketen, dem sogenannten Labelausdruck, also Postwertzeichen, und Abhebungen von Sparbüchern. Die Masche sei immer gleich gewesen:

Die Beträge für die Leistungen wurden kassiert und anschließend wieder storniert. Dabei soll der Angeklagte riesige Mengen produziert haben, zum Beispiel habe der Ermittler bei den Labeldrucken dies „noch nie in dieser Form gesehen“ und „bei 1.000 habe ich aufgehört zu zählen“. Die Stornierungen ließen sich mittels eines Zwischenabschlusses der Kasse leicht kaschieren, da dessen Inhalte im Tagesabschluss nicht mehr auftauchten. 

Absolutes Vertrauen des Chefs

Auch bei den Abhebungen von zwei Sparbüchern von Postbankkunden seien die fünf Sicherungskriterien der Software leicht zu umgehen gewesen, zum Beispiel, indem statt der mittlerweile zwingend erforderlichen Vorlage eines Ausweisdokumentes einfach in der EDV-Maske das Kästchen „persönlich bekannt“ angeklickt wurde. Die Anzahl der Stornobuchungen wie auch die Schadenshöhe – rund 20.000 durch Stornierungen und rund 51.000 von den Sparbüchern – bezeichnete der Postermittler als einen seiner schwerwiegendsten Fälle.

Dies habe nur geschehen können, weil der Angeklagte sich zu 100 Prozent im System auskannte und der Geschäftsinhaber seiner einzigen Vollzeitkraft 100-prozentig vertraute.

Die Verhandlungwird am 15. August um 11 Uhr im Raum 159 des Amtsgerichts fortgesetzt. Der Angeklagte bleibt bis dahin in Haft.

Von Gianfranco Fain