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Marburg Mit dem Telefon gegen die Einsamkeit
Marburg Mit dem Telefon gegen die Einsamkeit
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19:32 04.02.2021
Ganz einfach mit einem ganz normalen Telefon können sich Interessierte in die Gesprächsrunden der Marburger Altenhilfe einwählen. Wer will, kann auch Bingo spielen.
Ganz einfach mit einem ganz normalen Telefon können sich Interessierte in die Gesprächsrunden der Marburger Altenhilfe einwählen. Wer will, kann auch Bingo spielen. Quelle: Foto: dpa
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Marburg

Auch sozial besonders betroffen sind alte Menschen, die zur höchsten Risikogruppe zählen. Alte Menschen sind weniger mobil als junge. Das Corona-Virus schränkt ihren Bewegungsspielraum nun zusätzlich erheblich ein. Besuche werden seltener, Treffen mit Freundinnen, Freunden und selbst der eigenen Familie sind eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. Die Folgen sind oft Isolation und Einsamkeit.

Der Marburger Filipp Bezold (32), der gerade am Fachbereich Chemie promoviert, hat nun eine ebenso einfache wie bestechende Idee nach Marburg gebracht, die er in Wetzlar in Altenpflegeeinrichtungen gemeinsam mit der Gruppe „Wetzlar hilft“ schon erfolgreich umgesetzt hat: telefonische und geschützte „Gesprächsräume“, die sogar „Bingo“-Spiele erlauben. Sie sind eine optimale Möglichkeit, um Kontakte zu halten, sagt auch Sylvia Temme, die Leiterin des Marburger Begegnungszentrums Auf der Weide.

It’s Tea Time

Bezold ist Mitglied des Marburger Nachbarschaftshilfe-Vereins Solidarburg. Der Verein arbeitet schon seit mehreren Monaten mit dem Begegnungszentrum Auf der Weide zusammen, um auch unter Corona-Bedingungen Gruppenaktivitäten für Seniorinnen und Senioren zu ermöglichen. Wegen der Kontakteinschränkungen aufgrund der Pandemie war es dort nicht mehr möglich, Angebote vor Ort zu machen. Alle Gruppenaktivitäten mussten wegen des Ansteckungsrisikos eingestellt werden. Besucherinnen und Besucher des Begegnungszentrums konnten bislang nur einzeln per Post oder Telefon erreicht werden. Der Verein Solidarburg hat nun telefonische „Gesprächsräume“ eingerichtet, die zumindest einige Gruppenaktivitäten des Begegnungszentrums wieder möglich machen. Das Besondere: Die Idee kann im Grunde in jeder Altenhilfeeinrichtung relativ einfach umgesetzt werden. „Der Zugang zum Gesprächsraum erfolgt über das Telefon. Anders als bei den meisten Konferenzsystemen sind Erfahrungen mit Computern oder einem Smartphone nicht nötig“, erklärt Bezold.

„Während des ersten Lockdowns haben wir mit dem telefonischen Gesprächsraum bereits Seniorinnen und Senioren in Wetzlar vernetzt. Ich freue mich riesig, dass die Idee jetzt auch in Marburg angekommen ist“, erklärt Filipp Bezold, der sich mit diesem Projekt bei Solidarburg engagiert. Der neue „Gesprächsraum“ werde vom Begegnungszentrum Auf der Weide schon für einige Angebote genutzt und von den meist über 80-jährigen Nutzerinnen und Nutzern sehr gut angenommen.

So findet etwa die vom Begegnungszentrum angebotene Englisch-Konversationsrunde „Tea Time“ nach längerer Pause wieder regelmäßig statt. „Die Motivation der Teilnehmer ist sehr groß und sie sind sehr glücklich, so gut mit der Technik zurechtzukommen. Die moderierte Konversation klappt überraschend gut, die Konzentration auf die Sprache ist noch einmal besser als bei mancher Videokonferenz“, sagt Fabienne Quennet, die die „Tea Time“-Gruppe leitet.

Eine weitere Attraktion im Programm des Begegnungszentrums sind telefonische Bingo-Nachmittage. Allen angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden die Bingokarten im Vorfeld zugeschickt. Kleine Preise, die man bei dem Spiel gewinnen kann, kommen im Anschluss ebenfalls per Post. Gespielt wird per Telefon.

Unkompliziertes System

Auch für Treffen von größeren Gruppen habe sich der Gesprächsraum bewährt, so Sylvia Temme, Leiterin des Begegnungszentrums Auf der Weide. Gefeiert worden seien auf diese Weise unter anderem das 20-jährige Jubiläum der Seniorentanzleiterin mit ihrer Gruppe sowie Geburtstage mit Ständchen – etwa bei dem Shanty-Chor. „Vom telefonischen Gesprächsraum können auch weniger mobile oder anderweitig eingeschränkte Seniorinnen und Senioren profitieren, für die eine Teilnahme am Angebot des Begegnungszentrums auch unter Normalbedingungen nur schwer möglich wäre“, betont Sylvia Temme. Sie betont: „Es ist ein unkompliziertes System. Ich bin sehr froh, dass wir den telefonischen Gesprächsraum haben.“

Die Probephase im Begegnungszentrum Auf der Weide ist inzwischen abgeschlossen. Jetzt bietet der Verein Solidarburg auch anderen Einrichtungen oder Vereinen an, derartige Gesprächsräume einzurichten. „Das ist ein sehr einfaches System. Wir richten die Räume ein, zeigen, wie es geht und was geht“, sagt Filipp Bezold. Der Verein leistet also Starthilfe. Später können die Gesprächsräume von den jeweiligen Einrichtungen selbst betreut werden. Die Möglichkeiten sind vielfältig. So können sich in einem dieser telefonischen Gesprächsräume auch mehrere Familienmitglieder aus unterschiedlichen Städten gleichzeitig mit ihren Angehörigen in einem Pflegeheim unterhalten.

Rätsel und Vorlesen

In Wetzlar hat man sehr positive Erfahrungen mit dieser Art der Vernetzung gemacht, die zwar persönliche Kontakte von Mensch zu Mensch nicht ersetzen kann, aber dennoch ein sehr probates Mittel gegen die Corona-Isolation sein kann. „Wir erstellen die Gesprächsräume für regelmäßige Bingo-Spiele mittlerweile selbstständig und können uns gut vorstellen, auf mehreren Wohnbereichen auch Angebote wie Rätseln und Vorlesen anzubieten. Das ist großartig“, wird Michael Jahn, Leiter des Altenzentrums Wetzlar, in einem Artikel der Wetzlarer Zeitung zitiert.

Für Anfragen: Zu erreichen ist Solidarburg e.V. auf facebook oder per E-Mail unter kontakt@solidarburg.de. Interessenten für die Telefonangebote des Begegnungszentrums Auf der Weide können sich bei Sylvia Temme unter der Rufnummer 06421/1714222 oder per E-Mail unter temme@marburger-altenhilfe.de melden und sich das „Daheim-Programm“ zuschicken lassen.

Von Uwe Badouin

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