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Marburg Mit Spezialmikroskop Erreger entdeckt
Marburg Mit Spezialmikroskop Erreger entdeckt
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22:26 22.08.2017
Der Marburger Virologe Professor Werner Slenczka steht vor dem Gebäude des Hochsicherheitslabors.
Der Marburger Virologe Professor Werner Slenczka steht vor dem Gebäude des Hochsicherheitslabors. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Er gilt als Entdecker des Marburg-Virus‘: Der heute 82-jährige Wissenschaftler Werner Slenczka war im Jahr 1967 als Forscher am Uni-Institut für Virologie beschäftigt. Dass das Marburg-Virus – der Verursacher der erstmals vor 50 Jahren in Marburg aufgetretenen hochgefährlichen Krankheit – so schnell identifiziert worden sei, sei auch das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit gewesen, sagte Slenczka am Freitag vergangener Woche im Gespräch mit der OP.

Doch Slenczka hatte damals eine ganze Menge mit dem ­Erfolg zu tun. Als Ende August 1967 die ersten Zeitungsberichte über die Erkrankungen von mehreren Mitarbeitern der Marburger Behring-Werke ­veröffentlicht wurden, befand sich der damals 33-Jährige zusammen mit seiner Familie im Urlaub auf der Nordseeinsel Baltrum, den er auch regulär Anfang September beendete.

Als Slenczka wieder nach Marburg zurückgekehrt war, herrschte dort Ausnahmezustand, und es hatte eine fieberhafte Suche nach dem Auslöser für die bisher völlig unbekannte Krankheit begonnen, die neben vielen weiteren Symptomen mit hämorraghischem Fieber und damit verbundenen starken äußeren Blutungen einherging. „Die Leute waren alle­ bedrückt. Zwei Patienten waren­ schon gestorben. Bereits beim Frühstück hörten wir Martinshörner und dachten, dass schon wieder neue Patienten eingeliefert werden“, erinnert sich Slenczka.

Die Suche nach dem Erreger war zunächst nicht Slenczkas Aufgabe gewesen. Denn nominell war er im Virologie-Institut im Lahntal als Forscher beschäftigt, und zunächst waren die Mediziner aus der Krankenversorgung dafür zuständig.

Slenczka hatte mitbekommen, dass sich die Wissenschaftler bisher vergeblich um eine Identifikation des Erregers bemüht hatten. Sie hatten versucht, Meerschweinchen mit dem potenziellen Erreger zu infizieren und damit zu Ergebnissen zu kommen.

Doch die damals herkömmlichen Methoden führten in die Sackgasse, und so schlug Slenczka den Einsatz der Immunfluoreszenz vor, bei der unter dem UV-Mikroskop kleinste­ Zellstrukturen mit leuchtender­ grüner Farbe markiert wurden. Er erhielt von seinem Chef Professor Rudolf Siegert die Genehmigung zu Untersuchungen von unterschiedlichen Blutproben (Seren).

Am 20. Oktober 1967 kam der Durchbruch

Schließlich gelang es Slenczka  am 20. Oktober, in der Blutprobe eines der infizierten Tiere ­einen Einschlusskörper in einer Zelle nachzuweisen, der seiner Einschätzung zufolge eindeutig auf einen Virus hindeutete. Er war sich ganz sicher, dass er bei der Suche nach dem Erreger erfolgreich gewesen war, wie er 50 Jahre später im Gespräch mit der OP erzählt. Die endgültige Bestätigung kam kurze Zeit später: Eingesandt wurde die fixierte Blutprobe an das Tropeninstitut in Hamburg, das über ein deutlich besseres Elektronenmikroskop und größeres Know-how in der Analyse verfügte. Drei Tage später wurde dann das Marburg-Virus in Hamburg unter dem Mikroskop von dem dortigen Institut-Mitarbeiter, Dr. Günther Müller, zum ersten Mal weltweit beobachtet und dokumentiert.

Offiziell als Marburg-Virus benannt wurde das Virus dann nach einem wissenschaftlichen Symposium in Marburg im Jahr 1970. Somit waren die Marburger Forscher um Werner Slenczka schneller und erfolgreicher als die Kollegen aus Frankfurt, Freiburg, Salis­bury (England), Atlanta (USA) und Belgrad.

Für Slenczka beeinflusste das Marburg-Virus auch seinen weiteren akademischen Karriereweg. Er habilitierte sich und wurde Professor.

Von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2000 war er stellvertretender Leiter des Marburger Uni-Institutes für Virologie. ­Obwohl der Mitentdecker des Marburg-Virus‘ bis heute als ­einer der gefragtesten Experten zum Thema gilt, hatte dieser Erfolg auch seine Schattenseiten, auch weil Slenczka es beispielsweise schwer hatte, weil die ­Arbeit mit dem Marburg-Virus ab 1980 teilweise verboten war, weil es in Marburg kein Hochsicherheitslabor gab.

von Manfred Hitzeroth

Wieso irritiert Virus das Immunsystem?

Das Marburg-Virus wird auch heute noch an der Marburger Universität ­erforscht.

Die großen Schlagzeilen von einst über die tödlichen Auswirkungen der durch den Marburg-Virus ausgelösten hochgefährlichen Erkrankung mitten in Marburg sind längst Vergangenheit. Doch auch 50 Jahre später beschäftigt das Marburg-Virus die Virologen an der Marburger Universität immer noch.

„Die Geschichte des Marburg-Virus‘ ist total wichtig und hat die Forschungs-Ausrichtung unseres Institutes entscheidend  geprägt“, erläutert Professor Stephan Becker, der derzeitige Instituts-Direktor, im ­Gespräch mit der OP. Auch der Bau des BSL-4Hochsicherheitslabors auf den Lahnbergen geht letztendlich zurück auf die Beschäftigung der Marburger Wissenschaftler mit dem Marburg-Virus und verwandten ­Filoviren wie dem Ebola-Virus. Die dadurch gewonnene Expertise trug dazu bei, dass Forscher um Professor Becker entscheidend mithalfen, dass in den vergangenen Monaten nach der Ausrufung des weltweiten Gesundheitsnotstands in Sachen Ebola-Epidemie ein wirksamer Impfstoff gefunden und getestet wurde. Schon früh hat sich Stephan Becker wissenschaftlich mit dem Marburg-Virus beschäftigt.

Auch in seiner Habilitationsarbeit ging es um den Marburg-Virus. „Wir haben noch immer nicht den Mechanismus verstanden, der das Immunsystem außer Rand und Band geraten lässt“, sagt Becker. Nach wie vor will der Marburger Virologe die Frage klären, wie es dazu kommt, dass die Viren so gefährlich sind. So viel weiß die Forschung heutzutage, dass wahrscheinlich vor allem die überschießende Immunantwort der Zellen auf die Virus-Angriffe zu der Erkrankung führt. Neben der Grundlagenforschung konzentrieren sich die Marburger Virologen aber auch darauf, einen in klinischen Studien getesteten „Marburg Virus“-Impfstoff bis zur Einsatzfähigkeit am Menschen zu entwickeln.  Als einen Baustein auf diesem Weg sieht Becker die Gründung der Sektion „Emerging Infec­tions“ im 2011 gegründeten deutschen Zentrum für Infektionsforschung. Als Assistent von Professor Werner Slenczka, dem Mitentdecker des Marburg-Virus‘, hat Becker überlebende Patienten daraufhin untersucht, wie ihr Immunsystem funktioniert. In Gesprächen mit ihnen bekam er ein Gefühl dafür, wie sich die Erkrankung damals auf ihr Umfeld auswirkte und es bei ihnen zu sozialer Isolation kam. „Sie haben erzählt, dass sie keinen Kontakt mehr zu den Nachbarn gehabt hatten und mit ihren Kindern niemand mehr spielen wollte“, berichtet Becker.

Die Erinnerung an den Ausbruch des Marburg-Virus‘ wollen die Forscher auch durch die künstlerische Gestaltung der Fassade des Hochsicherheitslabors auf den Lahnbergen hochhalten, dessen Außenhaut  mit vergrößerten und künstlerisch verfremdeten Marburg-Viren verziert ist.

von Manfred Hitzeroth

Erste Berichte über Virus am 24. August 1967

In diesen Tagen jährt sich die Erstbeschreibung des Marburg-Virus zum 50. Mal: Am 24. August 1967 gab es in der „Oberhessischen Presse“ und bundesweit die ersten Berichte über Krankheitsfälle im Umfeld der Marburger Behringwerke. Schon am 20. November 1967 identifizierten Experten des Ins­tituts für Virologie der Philipps-Universität gemeinsam mit Kollegen aus Hamburg den Erreger. Das Marburger Virologie-Ins­titut veranstaltet im September eine Fachtagung zur Struktur und Wirkungsweise von Filoviren. Professor Werner Slenczka gehörte zu den Forschern, die an der Identifizierung des Erregers beteiligt waren (siehe Artikel rechts oben). Am 15. September berichtet er bei einem Abendvortrag in englischer Sprache in der Aula der Alten Universität in Marburg über die Umstände, die zur ersten Beschreibung des Virus‘ führten.

Fünf Todesopfer in Marburg im Sommer 1967

Als die tückische Seuche im Sommer 1967 in Marburg erstmals auftrat, kündigte sich die Infektion zunächst mit typischen Grippesymptomen an, mit hohem Fieber, Kopfweh und Gliederschmerzen. Aber schon nach kurzer Zeit erlitten die Betroffenen innere Blutungen. Binnen weniger Tage forderte die Krankheit in Marburg fünf Todesopfer von 24 Infizierten, am Ende waren von 31 Infizierten in Marburg, Frankfurt und Belgrad  sieben Patienten gestorben.

Den Forschern des Marburger Virologie-Instituts war schnell klar, dass es sich um einen noch unbekannten Erreger handeln musste. Bald stellte sich heraus: Alle Verstorbenen waren bei den Marburger Behringwerken beschäftigt und hatten Kontakt zu inneren Organen oder zum Blut von afrikanischen Meerkatzen, die dem Pharmaunternehmen zur Herstellung eines Impfstoffs diente. Heute weiß man, dass es sich um das erste Auftreten einer neuen, fadenförmigen ­Virusfamilie handelte, der ­Filoviren. Zu den tödlichen Vertretern der Virusfamilie zählt ­neben dem Marburg-Virus auch das Ebola-Virus.

Nilflughund gilt als das Wirtstier für Marburg-Virus

Nach dem erstmaligen Auftreten des Marburg-Virus in Europa ereigneten sich in den weiteren Jahrzehnten weitere Marburg-Virus-Ausbrüche vor allem in Afrika. Die meisten Todesfälle bei diesen Epidemien gab es dabei mit 154 Toten im Kongo (1998 bis 2000) sowie mit 252 Toten in Angola (2004 bis 2005).   Nach dem Ausbruch in der angolanischen Stadt Uige, bei dem auch ein populärer Musiker aus Angola am Marburg-Virus starb, gründete sich ein „Trio ­gegen Marburg“, das einen Song gegen die Krankheit verfasste.­ Vor zehn Jahren entdeckten US-Forscher, dass der Nilflughund, eine afrikanische Fledermausart, höchstwahrscheinlich das Wirtstier für den Marburg-­Virus war. Die hochgefährliche Krankheit ist seit der offiziellen Benennung bei einem Kongress 1970 mit dem Namen der Stadt Marburg verbunden. Ähnliche Benennungen nach einer Stadt oder Region gibt es beispielsweise im Fall des krebsverursachenden Phildalephia-Chromosoms oder des Toskana-Virus‘.

von Manfred Hitzeroth