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Marburg Mit Sehbeeinträchtigung zum Meisterschüler und Trainer
Marburg Mit Sehbeeinträchtigung zum Meisterschüler und Trainer
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11:58 20.09.2021
Quelle: Lucas Heinisch Marco Beyer (links) und sein Trainerkollege William Herndon zeigen den Schülerinnen und Schülern Selbstverteidigungstechniken.
Quelle: Lucas Heinisch Marco Beyer (links) und sein Trainerkollege William Herndon zeigen den Schülerinnen und Schülern Selbstverteidigungstechniken.
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Marburg

Es herrscht Ruhe in den Räumlichkeiten der Initiative für Kinder-, Jugend- und Gemeinwesenarbeit (IKJG). Drei Jugendliche und zwei Trainer stehen im Kreis und verbeugen sich. Dann kann das Training beginnen. Aber es handelt sich dabei nicht um irgendeine Sportart. Es ist ein inklusives Selbstverteidigungstraining für Kinder und Jugendliche im Blindai Dô, das auf der japanischen Selbstverteidigungskunst Taidô Ryû Jû Jûtsu basiert. Marco Beyer aus Marburg unterrichtet diese Verteidigungstechnik. Das Besondere am Blindai Dô ist, dass es auf Menschen mit Sehschädigung abgestimmt ist.

„Es ist eine waffenlose Kriegskunst“, sagt der 46-jährige Marco Beyer, der im Alter von 27 Jahren erblindete. „Wir arbeiten mit Hebeln. Man braucht wenig Kraft – und muss nicht sehen können. Die Stilrichtung beruht zu 80 Prozent auf Kontakt“, erzählt er. Genau das bringt er auch seinen Schülerinnen und Schülern bei, die an seinem inklusiven Selbstverteidigungskurs teilnehmen.

In schwarze Kampfanzüge gekleidet, stehen er und sein Trainerkollege William Herndon in der Mitte des Raumes. Die Schülerinnen und Schüler hören konzentriert zu, während Beyer die Techniken erklärt.

Trainer und Schüler zugleich

„Ich habe die Ehre, mein Wissen an Leute, die ein Handicap haben, weiterzugeben“, sagt Beyer. Dabei sind die Beeinträchtigungen ganz unterschiedlich. Es sind Menschen „mit Sehschädigungen, mit kognitiven Beeinträchtigungen oder im Rollstuhl“, erklärt der 46-Jährige. Aber auch Menschen ohne Beeinträchtigung können mitmachen. „Das ist der integrative Gedanke“, so Beyer. Immer beim Training mit dabei ist Ringo: Sein Blindenführhund, der ruhig und entspannt wenige Meter entfernt auf dem Fußboden liegt.

Eine Schülerin erzählte kurz vor Trainingsbeginn, dass sie aufgeregt sei. Doch die Nervosität scheint schnell verflogen. Sie und die anderen Schüler setzen die Anweisungen Beyers schnell um und befreien sich aus den verschiedensten Griffen.

Was sonst gezeigt wird, muss Marco Beyer „erfühlen“

Der blinde Selbstverteidigungstrainer gibt während des Trainings routiniert Anweisungen. „Ich mache das seit zwölf Jahren und habe den ersten Dan“, erzählt Beyer selbstbewusst.

Mit dem ersten Dan, oder dem ersten schwarzen Gürtel, hat er auch die Trainerlizenz erlangt. „Ich bin der einzige blinde Kampfkunstmeister“, erklärt er. Doch auch er bleibt ein Schüler. Mit dem ersten Dan „ist man Meisterschüler. Das Lernen ist voranschreitend und lebenslang“, sagt Beyer.

Dass er das Taidô Ryû Jû Jûtsu beziehungsweise das Blindai Dô mit seiner Sehschädigung erlernen konnte, verdanke er seinen Lehrmeistern und Trainingspartnern. „Normalerweise wird alles gezeigt und nicht gesprochen. Aber ich kann es ja nicht sehen“, erklärt Beyer. „Ich muss die Möglichkeit bekommen, es zu erfühlen. Derjenige, der die Techniken zeigt, muss es verbalisieren. Dann kann ich es üben. Man braucht Menschen, die einen unterstützen. Das Glück hatte ich“, sagt der 46-Jährige fröhlich.

Das Ziel:Ein selbstbestimmtes Leben

Aber auch dem Sport hat er vieles zu verdanken. „Die Selbstverteidigung hat mich ein ganzes Stück geformt. Ich habe ein anderes Körpergefühl“ und er wisse, dass er sich auch mit seiner Sehschädigung in gefährlichen Situationen verteidigen könne. Mit dem integrativen Selbstverteidigungstraining versucht Beyer eine Botschaft zu vermitteln. „Es geht darum, den Menschen sagen zu können, dass es durch die Selbstverteidigung möglich ist, etwas zu erreichen“, erklärt Beyer. „Ich versuche zu zeigen, dass man ein zufriedenes, glückliches und selbstbestimmtes Leben leben kann, wenn man ein Handicap hat. Das liegt mir am Herzen.“

Am Ende der Trainingsstunde verbeugen sich wieder alle. Den Schülerinnen und Schülern scheint das Training Spaß gemacht zu haben, denn sie wollen wiederkommen. „Tschüss, bis nächste Woche“ hört man durch die Räume der IKJG schallen. Mit Ringo an der Hand verabschiedet sich auch Marco Beyer und verlässt in seinem schwarzen Kampfanzug den Raum.

Von Lucas Heinisch