Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Mit Maske im Bus durch Marburg
Marburg Mit Maske im Bus durch Marburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 05.05.2020
OP-Redakteurin Katja Peters beim Selbsttest im Bus der Linie 6. Quelle: Katja Peters
Anzeige
Marburg

Marburg, Südbahnhof, Linie 6 fährt in zehn Minuten ein. Ich stehe mit meiner Tasche neben der Bushaltestelle und warte. Ein Ticket hab ich nicht, hab keinen Automaten gefunden. Später erfahre ich, dass dieser an den Bahngleisen steht, einen Hinweis gibt es dafür aber nicht. Fahrkartenkauf am Südbahnhof ist also ein Insider-Geschäft. Oder Fahrgäste wie ich sind einfach zu selten. Als Dorfkind wird das Bus fahren mit der Ausstellung des Autoführerscheins quasi eingestellt. Aber besondere Zeiten erfordern eben auch mal Bus fahren als Dorfkind.

Mein Mund-Nasen-Schutz hängt über einen Finger an der Seite. Ich versuche, dass er frei hängt, nicht meine Jacke oder Hose berührt. Laut Vorschrift hätte ich mir, bevor ich die Maske anfasse, die Hände waschen und desinfizieren sollen. Nur wo? Auf der öffentlichen Toilette? Soll ich da die Maske neben dem Waschbecken ablegen? Oder einfach in meine Tasche stopfen wo vielleicht auch noch ein Taschentuch rumirrt? Ich halte sie einfach in der Hand und ignoriere die Vorschrift. Was bleibt mir auch anderes übrig.

Anzeige

Der Bus fährt ein. Ein langer Gelenkbus. Fünf Fahrgäste steigen aus, drei ein. Darunter ich. Bevor ich die Treppen hochgehe lese ich noch den Hinweis an der Fahrertür: hinten einsteigen, kein Fahrscheinverkauf, bitte Abstand halten. Schnell lege ich die Maske an, übrigens selbst genäht von Mutti, scheinbar aus irgendeiner alten Tischdecke aus Baumwolle. Sie ist weiß und hat so ein kleines unauffälliges Muster. Sie passt perfekt, das Gummi hinter den Ohren ist trotzdem unangenehm. Mehrfach muss ich es korrigieren, damit die Ohren nicht wie bei Dumbo aussehen. Noch schnell die Haare, die auch schon vier Wochen überfällig sind, hingewurschtelt – fertig. Endlich kann ich einsteigen und setze mich genau hinter die vorletzte Tür. Hinter mir, gegenüber in der anderen Sitzreihe, quatschen zwei Frauen über Gott und die Welt. Ich schiele kurz rüber. Okay, Masken haben sie auf, Sicherheitsabstand – naja, da müssen wir wohl alle Augen zudrücken.

An der Frauenbergstraße halten wir das erste Mal an. Draußen sitzt ein älterer Mann mit einem Koffer und einer Zigarette. Einen Mund-Nasen-Schutz kann ich nicht sehen, aber er trägt Handschuhe und hustet mehrmals kräftig. Ich vermute Raucherhusten, aber wer weiß das schon so genau. Zum Glück ist ja die Scheibe dazwischen, mein Schutz aus der alten Tischdecke hätte den Tröpfchen sicher nicht standgehalten. Am Kreishaus steigen ein paar Fahrgäste aus. Der erste Griff draußen geht sofort an die Maske. Alle nehmen sie wieder ab, stecken sie in die Tasche oder in den Rucksack. Ist das eigentlich gewollt?

Am Pommernweg steigt eine Frau mit einer OP-Maske ein. Sie trägt sie nur über dem Mund, telefoniert dabei. Später, beim Aussteigen trägt sie die Maske korrekt. Ein junges Mädchen will an der Potsdamer Straße aussteigen. Noch weit bevor der Bus anhält nimmt sie ihre Maske ab und lacht. Sie steigt aus und wird mit großer Freude und einer Umarmung von einem anderen Mädchen begrüßt. Sind die lebensmüde oder ist das Familie? Ich weiß es nicht, finde es aber mutig. Kein Mundschutz und dann noch umarmen. Die trauen sich was. Vor zehn Wochen hätte ich keinen Gedanken daran verschwendet, hätte selbst noch umarmt. Komische Zeiten.

Die Luft unter der Maske wird warm, die Nase kitzelt, das Gummi hinter den Ohren drückt. Es sitzt nur noch ein weiterer Fahrgast im Bus, vorne im anderen Teil des Gelenkbusses. Ob ich die Maske einfach abnehme? Mehr Abstand geht ja eigentlich nicht, ich kann also niemanden schaden. Ob dann der Busfahrer kommt und mich ermahnt? Ich probiere es nicht aus, halte mich an die Regeln, auch als ich später ganz allein über den Richtsberg fahre. 

Busfahrer Roland Becker macht Pause nach der Endstation Hölderlinstraße. Ich frage ihn, ob die Maskenpflicht eingehalten wird. „Vier bis fünf Leute am Tag tragen keine Masken“, berichtet er von seinem Sitzplatz hinter dem Lenkrad. Ich sitze hinter der Absperrung mit dem Netz, gute zwei Meter sind zwischen uns. Selbstjustiz gab es bisher noch nicht, dafür aber ein neues Phänomen: „Im Moment treffen sich einige sogar zum Quatschen im Bus. Die fahren einfach ein paar Stationen mit, um sich auszutauschen“, hat er festgestellt. Und viele Fahrgäste würden öfter mitfahren. „Die haben, glaub ich, gar kein Ziel, sondern sind froh, dass sie mal raus aus ihren vier Wänden sind“, meint Roland Becker, der schon zwölf Jahre Bus fährt und wohl nie so pünktlich war. „Weniger Autos, weniger Staus, weniger Fahrgäste – es war noch nie einfacher, den Fahrplan einzuhalten.“

Ab 19 Uhr wird es merklich voller, hat er festgestellt, morgens sei er auch schon mal komplett leer zum Hauptbahnhof gefahren. Die Schüler fehlen und der ständige Fahrplanwechsel würde wohl verunsichern. Das Netz mit dem großen Schild gibt ihm Sicherheit, wenn ihm auch manche Gespräche mit den Fahrgästen fehlen. Das Ansprechen, wenn die Maske fehlt, geht nur noch über das Bordmikro. „Da die meisten sowieso die Knöpfe im Ohr haben, also Kopfhörer tragen, erreicht man selten den Richtigen“, hat er festgestellt. Und außerdem will er auch niemanden mobben.

Die Pause ist vorbei, wir fahren weiter. Ich setze mich wieder hinten auf meinen Platz. An der Sonnenblickallee steigt eine Frau ein. Sie drückt den Türöffner mit dem Ellenbogen, die Tür öffnet sich. Sie setzt sich auf die Sitzreihe neben mich, aber ans Fenster. Was macht sie denn nun? Sie zieht ihre Maske runter und isst eine Möhre. Darf sie das, frage ich mich? Ich glaube nicht. Aber soll ich sie jetzt darauf aufmerksam machen? Soll ich die sein, die sie später bei ihren Freunden als blöde Kuh darstellt, die sie im Bus angemacht hat? Nein, das will ich nicht. Ich kontrolliere, ob meine Maske sitzt und drehe den Kopf einfach weg, schaue aus dem Fenster. So haben es die Viren gegebenenfalls noch etwas schwieriger, zu mir zu gelangen.

Am Südbahnhof steige ich wieder aus. Meine Hand geht wie automatisch an mein linkes Ohr und streift den Gummizug ab. Die Maske fällt auf den Finger, ich trage sie so zum Auto. Endlich frische Luft, endlich kann ich meine Nase jucken und das Drücken hinter den Ohren ist weg. Jetzt müsste ich mir eigentlich wieder die Hände waschen und desinfizieren. Es klappt wieder nicht. Ich werde es machen, wenn ich zu Hause bin.

04.05.2020
Marburg Polizeibericht - Diebe hatten viel Zeit
04.05.2020
Anzeige