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Marburg Mit Herz und Leidenschaft für die Frauen
Marburg Mit Herz und Leidenschaft für die Frauen
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09:03 02.10.2020
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey überreichte Manuela Stock (links) eine Medaille als Anerkennung für ihre Arbeit als Frauenbeauftragte in den Rehawerkstätten. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Als Manuela Stock als frisch gewählte Vorstandsfrau eine Medaille von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey überreicht bekam, „hat mich das umgehauen. Mit so einer Anerkennung habe ich nicht gerechnet. Das hat mir gutgetan.“ Manuela Stock hat kognitive Einschränkungen und arbeitet in der Wäscherei der Rehawerkstätten in Marburg. Seit etwa drei Jahren ist sie dort die Frauenbeauftragte.

Von den Mitarbeiterinnen wurde sie gewählt, es gab nur eine Gegenkandidatin. „2017 wussten wir doch gar nicht, was auf uns zukommt, was es bedeutet Frauenbeauftragte zu sein“, berichtet sie beim OP-Besuch. Aber sie wurschtelt sich durch, informiert sich, reist viel, wird Gründungsmitglied von „Starke.Frauen.Machen“, dem Bundesnetzwerk der Frauenbeauftragten in Einrichtungen, wie beispielsweise der Lebenshilfe. Auch eine Schulung hat sie besucht, um die korrekte Gesprächsführung zu lernen, richtige Beratungsangebote zu geben, aber auch, um sich weiter zu vernetzen. „Das ist sehr, sehr wichtig. So können wir voneinander lernen und uns austauschen“, erklärt Manuela Stock.

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Unterstützung erhält sie von Stephanie Rinke. Sie ist Gruppenleiterin im Bistro. Manuela Stock hätte auch eine externe Unterstützerin wählen können. „Auch ich wusste nicht, was auf mich zukommt“, gibt Stephanie Rinke zu. Für sie ist es eine zusätzliche Verpflichtung, eine Freistellung bekommt sie für die Arbeit nicht. Dennoch entschied sie sich dafür. Wenn die Frauenbeauftragte Hilfe bei Gesprächen oder Entscheidungen braucht, dann ist Stephanie Rinke da. „Aber Manuela arbeitet schon sehr selbständig“, zollt sie der Mitarbeiterin viel Respekt.

Denn die Themen, mit der sich die Frauenbeauftragte auseinandersetzen muss, sind nicht immer einfach. Vereinbarkeit von Job und Familie, gleiche Löhne, Mutterschutz, Mobbing, Unterdrückung, unerwünschte Berührungen, seelische oder körperliche Gewalt – das Spektrum ist breit gefächert. Für Stephanie Rinke ein wichtiger Grund, „dass die Frauenbeauftragte mehr gefördert werden muss. Stattdessen muss sie sich oft rechtfertigen für ihre Arbeit. Ihr Amt ist meiner Meinung nach gleichzustellen mit denen in den Arbeitsbereichen“, fordert sie.

In einer wöchentlichen Sprechstunde können sich die Frauen bei Manuela Stock aussprechen. Sie vermittelt dann Hilfs- oder auch Gesprächsangebote. „Oft ist es wichtig, sich beide Seiten anzuhören, um sich ein Bild machen zu können. Aber das bedarf viel Fingerspitzengefühl“, berichtet sie und betont: „Was in diesen Raum besprochen wird, das bleibt auch in diesem Raum.“ Sie will Vertrauen aufbauen, ist an die Schweigepflicht gebunden.

Mehr Gespräche und mehr Vertrauen wünscht sie sich sowohl von der Werkstattleitung als auch vom Werkstattrat, an dessen Sitzungen sie regelmäßig teilnimmt, allerdings ohne Mitbestimmungsrecht. „Ich möchte die Zusammenarbeit noch weiter aus- und das Konkurrenzdenken abbauen“, sagt die 44-Jährige, die gebürtig aus Gießen stammt. „Denn letztlich wollen wir doch beide dasselbe: das Beste für die Mitarbeiter. Dafür müssen wir aber an einem Strang ziehen.“ Sie und ihre Unterstützerin sehen die Schwierigkeiten in den unklaren Zuständigkeiten. „Aber auch die können nur gemeinsam geklärt werden“, wünschen sie sich eine konstruktive Zusammenarbeit. Denn eines hat Manuela Stock in den drei Jahren Frauenbeauftragten-Dasein schon gelernt: „Ich habe mich sehr weiter entwickelt und bin immer wieder überrascht, was in mir steckt und wozu ich fähig bin“, sagt sie nicht ganz ohne Stolz und schaut auf die Medaille von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey.

Von Katja Peters

01.10.2020
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