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Marburg Ein Häufchen Mensch mit ganz viel Glück
Marburg Ein Häufchen Mensch mit ganz viel Glück
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12:41 20.05.2020
Geburtstag im Miro-Heim in Kenia: Da bei den meisten nicht klar ist, wann sie geboren wurden, feiern die momentan 40 Kinder einmal im Jahr gemeinsam Geburtstag. Quelle: Privatfoto
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Mombasa

Dass sie noch lebt, grenzt an ein Wunder. Als Bahati ins Miro-Heim gebracht wurde, war sie mehr tot als lebendig. Mit ihren zwei, drei Wochen wog sie gerade einmal 1,1 Kilo. „Ich habe geweint, als ich sie ­gesehen habe“, erinnert sich Miro-Heimleiterin Josephine Mutisya. Zwei Wochen ist das jetzt her. Seitdem kämpfen Josephine und die Hausmütter jeden Tag um das Leben des Babys, das von seiner Mutter einfach kurz nach der Geburt in einem Buschkrankenhaus zurückgelassen wurde.

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Noch immer hat das Baby spindeldürre Ärmchen und ein ausgemergeltes Gesichtchen. Ich traue mich kaum, das winzige Häufchen Mensch anzufassen, aus Angst, ich könnte mit einer einzigen falschen Bewegung ihr kurzes Leben auslöschen. Doch Josephine ist guter Dinge. Sie glaubt fest daran, dass sie das Baby durchbringen werden. Deshalb haben sie es Bahati getauft. Es bedeutet Glück auf Suaheli.

Säuglingsnahrung ist unheimlich teuer

Ich schaue mich im Babyzimmer um. Sonnenstrahlen fallen auf die dicken Gesichter von ­Elijah und Pendo. Der vier Monate alte Junge und das fünf Monate alte Mädchen waren in kaum einem besseren Zustand als Bahati, als sie vom Jugendamt ins Miro gebracht wurden. Heute sind beide wohlgenährt. Das kostet viel Geld. Säuglingsnahrung ist unheimlich teuer.­ Deshalb lehnen die meisten Waisenhäuser Babys ab. Doch ich kann Heimleiterin Josephine verstehen, auch ich könnte so einem armseligen Würmchen nicht einfach die Chance auf ein bisschen Leben verweigern.

In den sieben Jahren, in denen das Heim vornehmlich aus Deutschland unterstützt wird, konnten insgesamt mehr als 100 Kindern geholfen werden. Viele dieser Kinder wurden als Babys ausgesetzt. Manche zum Sterben auf den Müll geworfen. Andere haben ihre Eltern verloren, haben gehungert oder wurden missbraucht. „Manche Babys bleiben nur ein paar Monate zum Aufpeppeln, bis sie in Pflegefamilien untergebracht werden können“, erklärt Josephine.

3000 Euro überweist der in Marburg ansässige Verein monatlich ans Miro-Heim. Mindestens zwei Mal im Jahr überprüfen Dr. Vera Fleig, ihr Mann, Dr. Stefan Blaser, und ich den Einsatz der Spendengelder. Davon wird eine medizinische Versorgung sowie die ausgewogene Ernährung garantiert, die Schule, die Miete für das Haus, der Koch und die Hausmütter werden bezahlt.

Blutigen Auseinandersetzungen fordern 60 Tote

Momentan leben 40 Kinder im Heim. Bahati, Pendo, Seth, Elijah und Gift sind unter einem Jahr alt. Weil man von den meisten das Geburtsdatum nicht kennt, feiert das Miro ein Mal im Jahr ein gemeinsames Geburtstagsfest. Seit Wochen freuen sich die Kinder auf diesen Tag. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Der Koch bereitet mit Hilfe der Hausmütter Reis, Chapati (würzige Pfannkuchen), Pilau (Gemüseeintopf) und zur Feier des Tages auch Fleisch vor. Die großen Kinder helfen fleißig mit. Gemeinsam sitzen sie im Schatten hinter dem Haus, waschen Tomaten und zupfen Salat. Es dauert ewig. Bei 35 Grad im Schatten geht eben alles etwas langsamer.

„Es wird aber eine kleine Party, viele Freunde von uns sind aufgrund der politischen Lage nicht an der Küste“, erklärt Josephine und blättert besorgt in der Tageszeitung „Daily Nation“. Vor wenigen Tagen wurde Uhuru Kenyatta als Kenias alter und neuer Präsident im Amt vereidigt. Seine Wiederwahl ist umstritten.

Mehr als 60 Tote forderten die blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem Herausforderer Raila Odinga und der Polizei.  Momentan ist in der Küstenstadt Mombasa trügerische ­Ruhe eingekehrt. Nur vermehrte Straßenkontrollen von schwer bewaffneten Polizisten zeugen von der instabilen politischen Lage in Kenia.

Glaubt man politischen Beobachtern, wird es in dem tief gespaltenen Land weiterhin zu Spannungen kommen.  Ein anderer Grund, warum die Geburtstagsparty der Miro-­Kinder klein wird, sind die Windpocken. Fast alle Jungen und Mädchen hatten oder haben mit der hoch ansteckenden Kinderkrankheit zu kämpfen. Vor allem für meine Schwester Johanna ist das eine schlimme Nachricht. Da sie als Kind keine Windpocken hatte, ist sie dazu verdammt, den Kindern fern zu bleiben. „Das ist echt übel, weil ich extra für den Geburtstag nach Kenia geflogen bin, um mit den Kindern zu feiern“, sagt sie traurig.

„Oiiijooo das sind tolle Schuhe“

Dank Johanna, meiner Mutter Marita und meiner Freundin Miriam konnten wir insgesamt 80 Kilogramm an Spenden mitnehmen. Freunde, Verwandte und Bekannte haben seit Monaten Stifte, Rucksäcke, Federmäppchen und Schuhe bei uns abgegeben, die nun in fünf vollgepackten Koffern im kleinen, mit Luftballons und ­bemalten Wimpeln geschmückten Garten des Miro-Heims liegen. Zuerst werden die Schuhe ausgepackt. „Oiiijooo das sind tolle Schuhe“, ruft die achtjährige Blessing und klatscht in die Hände. Geduldig probieren die Jungen und Mädchen so lange Schuhe an, bis alle ein passendes Paar haben.

Nach dem Festmahl geht‘s Auspacken weiter: „Jay... wow!“ Erfreute Rufe begleiten das Öffnen der Koffer. Für jedes Kind haben wir einen passenden Rucksack samt Stiften, Radiergummis, Linealen und Spitzern gefüllten Federmäppchen vorbereitet. Die Kinder strahlen übers ganze Gesicht. „Wonderful, wonderful, wonderful“, ruft Blessing und hüpft mit Abby um die Wette.  Den gesamten Abend sind die Kinder damit beschäftigt sich lauthals lachend ihre Geschenke zu zeigen.

Auch die Hausmütter bekommen Taschen und Rucksäcke, denn im August trat ein Gesetz in Kraft, das Plastiktüten verbietet. Wer in Kenia mit Plastiktüte erwischt wird, muss mit bis zu vier Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 32.000 Euro rechnen. 

von Nadine Weigel

HINTERGRUND

Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer Orpha­nage (Miro-Kinderheim) in Kenia. 2014 gründeten sie den gemeinnützigen Verein Help for Miro, der Spenden sammelt. Die finanzielle Hilfe zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf garantiert die Versorgung von mittlerweile 40 Kindern im Alter von wenigen Wochen bis 17 Jahren.

Mit Hilfe von 3000 Euro im Monat werden das Haus, drei Hausmütter, ein Koch, ein Wachmann bezahlt sowie die medizinische Versorgung und die Schulausbildung finanziert. 100 Prozent der Spenden kommen direkt den Kindern zugute.

Fleig und Weigel sind 2017 insgesamt vier Mal unangemeldet und auf eigene Kosten nach Kenia geflogen, um sich vom Wohlbefinden der Kinder zu überzeugen. Nächstes Ziel des Vereins ist es, in der Nähe ein 1.500 Quadratmeter großes Grundstück  zu erwerben. Dort soll ein eigenes Haus gebaut werden.

Mehr Infos zum Projekt im Internet:
www.help-for-miro.de

Estador spendet 3.000 Euro

Der 2014 von Dr. Vera Fleig und Nadine Weigel gegründete Verein Help-for-Miro ist auf regel­mäßige Spenden angewiesen, um die laufenden Kosten des Kinderheims zu decken. Bereits zum wiederholten Mal überreichte die Marburger Immobilienagentur Estador dem Verein einen Scheck. „Wir freuen uns, dass wir das Projekt noch einmal unterstützen können“, betont Geschäftsführer Waldemar Wiora, der das Miro-Kinderheim 2014 selbst besuchte.

Das in Cappel ansässige Unternehmen, das deutschlandweit Immobilienprojekte­ vermittelt, spendete diesmal 3 000 Euro an das Kinderhilfsprojekt. Damit hat die Estador das Kinderheim insgesamt bereits mit 19 000 Euro unterstützt. „Estador ist ein zuverlässiger Partner, dessen kontinuierliche Hilfe maßgeblich zum Wohl der Kinder beiträgt“, erklärt Nadine Weigel, Vorsitzende des Vereins.

Ohne die Spenden des Marburger Familienunternehmens bestünde kaum die Möglichkeit, Babys aufzupeppeln, da Babynahrung so teuer sei. „Zustande gekommen ist der Betrag durch die tolle Leistung der Estador-Vermittler“, erläutert Mandana Warsideh, zuständig für das Vertriebsmanagement der Estador GmbH. Pro verkauftem Objekt geht ein gewisser Anteil an das Kinderhilfsprojekt. „Das gesamte 30-köpfige Estador-Team freut sich zu
sehen, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird“, so Gesellschafter Berthold Wiora.