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Marburg Der Spagat zwischen Schutz und Spaß
Marburg Der Spagat zwischen Schutz und Spaß
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19:02 30.11.2020
Strahlendes Rathaus, Müllberge am Marktbrunnen: Das erste Corona-Advents-Wochenende hat wohl mehr Marburger in die Oberstadt gelockt, als viele glaubten.
Strahlendes Rathaus, Müllberge am Marktbrunnen: Das erste Corona-Advents-Wochenende hat wohl mehr Marburger in die Oberstadt gelockt, als viele glaubten. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

„Glühwein für Schneewittchen“ steht auf der Abdeckung des Marktbrunnens, der von mehreren kindshohen Weihnachtsbäumen umstellt ist. Mittendrin, wie auf dem ganzen Marktplatz, verlieren sich Grüppchen von mal drei, mal vier, mal fünf Marburgern mit Bratwurst oder Bechern, eben mit Glühwein in der Hand.

Eines der Schneewittchen ist Franziska Junghans (23), die „an Abwechslung nimmt, was ich kriegen kann“ und sogleich ein randvolles Warmgetränk für sich und ihren Freund zur nahen Bushaltestellen-Bank balanciert. Sie blickt die Barfüßerstraße runter und sieht eine meterlange Warteschlange vor einem Restaurant. „Schön, dass ein bisschen was los ist“, sagt sie und nippt an ihrem Becher.

Wenn Warteschlangen ein Sinnbild von Disziplin sein sollten, finden sich in der Oberstadt an diesem Wochenende Dutzender solcher Symbole: Wo auch immer am ersten Corona-Advent Glühwein ausgeschenkt wird, stehen die Marburger in Reih und Glied. Im Freien, brav runde eineinhalb Meter voneinander entfernt, mal mit, meist ohne Maske über Mund und Nase. Die meisten haben den Schutz entweder am Handgelenk baumeln oder am Kinn kleben. Sobald es ans Abholen der Ware – meist Getränke, manchmal auch Speisen – und ans Bezahlen und somit näher an die Verkäufer geht, ziehen sie Maske kurz hoch, kurz später baumelt sie wieder. Freunde wollen einander lächeln sehen.

In Marburg gibt es wegen der Corona-Pandemie im Jahr 2020 nur ein "Weihnachtsmärktchen" - aber Glühwein und Bratwurst finden am einzigen Verkaufsstand auf dem Marktplatz trotzdem einige Abnehmer Quelle: Björn Wisker

Die Stadt ist nun also mittendrin im Spagat zwischen einem Funken öffentlichen Weihnachtszeitleben und den Kontaktbeschränkungs-Zwängen der Corona-Bekämpfungspolitik. Man wolle, so heißt es in Bezug auf die paar vereinzelten Verkaufsbuden auf dem Marktplatz oder oberhalb des Hofstatt-Rondels, „keine Aufenthaltsqualität schaffen“. Also: Wenige Verkaufsstände, schmales Angebot, außer Bäumchen und bunt angestrahltem Rathaus wenig Deko, so dass sich ein paar Quadratmeter Kopfsteinpflaster nur 50 statt wie sonst üblich 500 teilen.

Die Qualität des Ortes, wo sie sich die kalten Hände am Becher wärmen, scheint vielen vor allem jungen Marburgern an diesem ersten Mini-Weihnachtsmarkt zu Corona-Zeiten aber ziemlich egal zu sein. Überall sitzen an den Abenden mal zwei, mal drei Menschen auf den vereinzelten Bänken, auf Treppenstufen und in den dunklen Seitengassen, dort nur vom fahlen Handylicht angestrahlt. „Wenn die Zeit nicht schön ist, muss man sie sich eben schön machen. Genau das tun wir“, sagt Adrienne Ferber mit einem Lächeln im von einem Schal halb verdeckten Gesicht.

Weihnachtsmarkt-Absage hin oder her: Adrienne Ferber (rechts) und Leonie Busch haben sich zum Glühwein-Trinken in der Oberstadt getroffen. Denn: Verkauft wird das Getränk, wenn auch "ohne Schuss", also ohne Schnaps-Zusatz. Quelle: Björn Wisker

Die 22-jährige Studentin hat es sich mit vier Freundinnen – mit zweien wohnt sie in einer WG, die anderen beiden gelten aus demselben Grund auch als ein Haushalt – am Hirschberg gemütlich gemacht. Eine Kolter liegt auf dem Erdboden, in den vollen Pappbechern findet sich eine Flüssigkeit, die genauso gut Wein, Wodka oder Wasser sein könnte. „Wir müssen keine WG-Party mit 20, 30 Leuten feiern, um Spaß zu haben. Hier sitzen, reden und andere Leute beobachten, ist eben so viel Klub-Feeling, wie es gerade gibt“, sagt Leonie Busch (21), eine aus der Vierer-Studi-Clique.

So empfinden das viele der auffallend vielen Oberstadt-Besucher, die an diesem Samstagabend die Barfüßerstraße oder ihre Nebengassen bevölkern. „Ich bin hier, um sprichwörtlich raus zu kommen und Menschen, ein bisschen Lebendigkeit zu sehen“, sagt Ingmar Brücker (27), der als Software-Entwickler arbeitet. Sein Kumpel Erol Ercan (24) nickt: „Jeden Tag fürs Studium stundenlang vor dem Computer, mir fällt zuhause die Decke auf den Kopf. Da nehme ich so eine Gelegenheit gerne wahr“, sagt er und prostet mit dem Punsch.

In verschiedenen Kneipen und Restaurants, die Abhol- oder Lieferspeisen zubereiten, wird immer mal wieder nach Glühwein mit Schuss – also mit Schnaps- oder Likörzusatz – gefragt. Vergeblich, weil verboten. Oder doch nicht? Wie die Stadtverwaltung gestern auf OP-Anfrage mitteilt, gebe es das „Schuss-Verbot“ nicht mehr. Dieses wäre nur umgesetzt worden, wenn es zu einer tatsächlichen Weihnachtsmarkt-Ausführung gekommen wäre. Fakt ist: Ab 23 Uhr ist es mit Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit wegen der Corona-Politik vorbei.

Mal mit, mal ohne Maske - aber auf Abstand bedacht: Andrang herrschte zwischen den beiden "Weihnachtsmarkt"-Ständen am Marktplatz und der oberen Hofstatt am Advents-Wochenende trotz Corona-Pandemie Quelle: Björn Wisker

von Björn Wisker