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Marburg Militär-Werbung soll verbannt werden
Marburg Militär-Werbung soll verbannt werden
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18:00 27.08.2019
Die Bundeswehr wirbt auch auf Stadtbussen um Rekruten. Das kritisieren die Linken. Quelle: Björn Wisker
Marburg

„Bei uns geht es ums Weiterkommen nicht nur ums Stillstehen“: Mit einer flächendeckenden Werbeaktion will die Bundeswehr seit einigen Wochen neue Rekruten gewinnen. In der Universitätsstadt ist daher ein Stadtbus, der auf wechselnden Streckenabschnitten auf der Innenstadtachse oder in Außenstadtteile fährt, im Sinne der Militär-Kampagne umgestaltet, in sogenanntem Camouflage – also Tarnfarbe – beklebt worden.

Das sorgt vor allem in linkspolitischen Kreisen für Kritik. „Solche Werbung der Bundeswehr im öffentlichen Raum ist oft verharmlosend und einseitig“, heißt es in einem Antrag der Linken, der heute erstmals im Haupt- und Finanzausschuss des Stadtparlaments diskutiert wird. Auf emotionaler Ebene durch Abenteuer, Technik, Korpsgeist und Karriereperspektiven sollen so vor allem junge, oft minderjährige Menschen angesprochen werden, „während die realen Gefahren, traumatisiert, verletzt oder sogar getötet zu werden und in Kriegseinsätzen auch selbst töten zu müssen, absichtlich ausgeblendet werden“.

Linke: Stadtwerke sollen Vertrag kündigen

Diese Strategie der Bundeswehr, Nachwuchs zu rekrutieren, sei „nicht akzeptabel“. Vor allem dürfe keine öffentliche Infrastruktur – etwa Stadtbusse – für solche Werbezwecke zur Verfügung gestellt werden. Die Stadtwerke hätten als städtisches Tochterunternehmen eine „ganz besondere­ Verantwortung“ und dürften nicht zum Partner für Werbung „für den gefährlichen militärischen Dienst“ werden.

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Mit dem Anbringen sogenannter Gelber Schleifen an Ortseingangsschildern und am Rathaus solle „die Arbeit von Soldaten gewürdigt werden“, hieß es im Jahr 2017 seitens der FDP/MBL-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung.

Das Bündnis „Nein zum Krieg“  kritisierte das damals umgehend: „So eine Wertschätzung, so ein Zeichen muss jeden alarmieren.“ Der Einsatz von Soldaten, „deren besondere Kompetenz darin besteht, mit der Waffe effizient zu töten“, dürfe keine Wertschätzung erfahren. „Soldat sein ist keine normale Arbeit“. Die Marburger Pazifisten fürchten auch durch Symbolik eine „immer weiter fortschreitende Normalisierung der Militarisierung“, die von Sympathiewerbung unterstützt werde. Mit solchen Würdigungen würden „Freunde für etwas gesucht, was niemand will: Krieg.“ Auch die in Stadtallendorf beheimatete „Division Schnelle Kräfte“ (DSK) zeichne sich mit ihrem Motto „Einsatzbereit. ­Jederzeit. Weltweit“ durch eine offensiv propagierte Kampfbereitschaft aus.

Das Friedensbündnis – das hingegen das Aufstellen von Schildern mit der Aufschrift „Atomwaffenfreie Zone“ verlangte – schickte während der öffentlichen Diskussion Protestbriefe an alle Parlamentarier. Die Stadtverordnetenversammlung lehnte daraufhin die Gelben Schleifen mehrheitlich (32 von 59) ab.

Dabei hat Marburg eine jahrhundertelange Militärstandorts-Geschichte. So diente ­etwa die ab 1868 gebaute Jägerkaserne im Südviertel, die bis zum Ersten Weltkrieg und auch in den 1930er-Jahren aus- und umgebaut wurde, zuerst preußischen Truppen (Jägerbataillon) und danach der Reichswehr (Ausbildungsbataillon eines Infanterieregiments). 1938 wurde die Tannenbergkaserne im Stadtwald errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Kasernen Standorte für US-Truppen und die französische Armee. Die Bundeswehr übernahm später die Kasernen, bis in die 1990er-Jahre waren dort verschiedene Truppenteile – etwa Jägerdivision, Feldjäger, Fernmelde- und Sanitätsbataillon – stationiert.

Vielmehr müsste sich das kommunale Versorgungsunternehmen „geeignete Werbepartner suchen“, wozu die Bundeswehr „sicherlich nicht gehört“.
Bisher ist das Feld der Außenwerbung an eine international tätige Privatfirma ausgelagert. Nach eigenen Angaben vermarktet dieses Unternehmen mehr als 280.000 Außenwerbeflächen.

Die Linken fordern angesichts der Bundeswehr-Werbung, dass die Stadtwerke den Vertrag mit der Privatfirma zum nächstmöglichen Zeitpunkt kündigen und stattdessen den Reklame-Bereich „in eigener Regie übernehmen“.

Schwieriges Verhältnis zur Bundeswehr

Wie die Stadtwerke gestern auf OP-Anfrage mitteilten sei der Inhalt der Reklame bereits geregelt. Die Werbung dürfe laut Vertrag „nicht gegen gesetzliche Bestimmungen, behördliche Vorschriften oder die guten Sitten verstoßen oder den Belangen der Stadtwerke zuwiderlaufen. Plakate mit sexistischem, gewaltverherrlichendem oder politisch extremistischem Inhalt werden nicht vorgeführt“. Der Vertrag mit der Firma laufe bis zum 31. Dezember 2022, ein Jahr vorher müsste gekündigt werden.

Wie schwierig das Verhältnis von Marburg zur Bundeswehr ist, zeigte sich zuletzt Ende 2017 bei einer „Gelbe-Schleifen-Diskussion“ in- und außerhalb des Stadtparlaments, als es um eine mögliche Soldaten-Würdigung ging (siehe Kasten).

Der Haupt- und Finanzausschuss diskutiert darüber am Dienstag ab 17 Uhr im Sitzungssaal „Hohe Kante“ (Barfüßerstraße 50).

von Björn Wisker