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Marburg Wer lebt in Marburg eigentlich wo?
Marburg Wer lebt in Marburg eigentlich wo?
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08:43 23.06.2022
Wehrshausen ist einer der Marburger Stadtteile, deren Bewohner sich auf der Sonnenseite des Lebens befinden.
Wehrshausen ist einer der Marburger Stadtteile, deren Bewohner sich auf der Sonnenseite des Lebens befinden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Stadtverordneten der Universitätsstadt nehmen am Freitag den Bericht zur „Marburger Milieustudie“ zur Kenntnis. Davon ist auszugehen, denn die in der Milieustudie zur sozialen Lage der Marburger aufgeführten Ergebnisse und Empfehlungen sollen zur Grundlage für das Planen von Stadtentwicklungsprojekten werden. Die Studie erstellten die Stadt Marburg und der vhw-Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung.

Doch was steht in dem 180 Seiten umfassenden Werk?

Marburg verfügt über eine sogenannte Milieulandschaft, die in sechs Verbünden unterschieden wird, wobei die jüngeren und kreativen die Stadt prägen. Dies sind die drei Milieus der „individualistisch geprägten digitalen Avantgarde“, die „mobile, zielstrebige junge Mitte mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus“ und die „multi-optionale, effizienzorientierte Leistungselite mit global-ökonomischem Denken und stilistischem Avantgarde-Anspruch“. Diese drei Milieus sind im Vergleich zu Deutschland in Marburg „deutlich überrepräsentiert“, heißt es in der Studie.

Grundsätzlich werde eine Zunahme dieser drei Milieus erwartet, wobei an der jungen Avantgarde der – leicht rückläufige – Anteil von Studenten einen großen Teil beiträgt. Dieser führt auch dazu, dass dieser Verbund in der Altstadt dominiert, während in den Außenstadtteilen das „klassische Establishment“ sowie die „aufgeklärte Bildungselite“ und „Leistungselite“ stark vertreten sind.

Dann gibt es noch die vier Verbünde mit „besonderem Förderbedarf“, in denen es hohe Anteile an „hedonistischen Milieus“ gebe, was als „junges freizeitorientiertes Unterschichtmilieu mit defizitärer Identität und Underdog-Bewusstsein“ umschrieben wird, das „auf der Suche nach Spaß, Unterhaltung und Konsum“ sei und sich „Leistungs- und Anpassungserwartungen der Mehrheitsgesellschaft verweigert“.

Höchste Kaufkraft in Dagobertshausen und Wehrshausen

Die mit Abstand höchste Kaufkraft und den höchsten Anteil an Senioren ohne Anzeichen für Altersarmut weisen die Stadtteile Wehrshausen und Dagobertshausen auf. Dort dominieren die Leitmilieus der Konservativ-Etablierten und Liberal-Intellektuellen, wo zugleich der Anteil von Haushalten mit Migrationshintergrund am geringsten ist. Insgesamt entspreche die Milieuverteilung aber der in den ähnlich großen Universitätsstädten Gießen und Tübingen, allerdings mit einem deutlich geringeren Anteil an Migrantenmilieus und einem geringen an EU-Ausländern. Die Hauptaufgabe der Planung bleibe, die Mischung in den Milieus zu erhalten und diese zu verbreitern.

Wie sich die Struktur der Bevölkerung entwickelt, hänge eng mit der sozialen Lage sowie der Zahl der Studenten ab. So sind in der Altstadt rund zwei Drittel der Bewohner im Alter von 16 bis 29 Jahren. Während die Kernstadt Menschen im Alter von 21 bis 30 Jahren verliert, liege der Anteil der Senioren in den Außenstadtteilen deutlich über dem Kernstadt-Niveau. Während in allen Stadtteilen die Zahl deutscher Staatsbürger abnehme, verzeichne Marburg einen vergleichsweise geringen Anteil an Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, wobei EU-Bürger gering vertreten seien.

55 Prozent der Sozialwohnungen verteilen sich auf vier Stadtteile

An Sozialwohnungen ist der Teil in Marburg im Vergleich mit anderen Städten etwas höher. Allerdings fallen viele Wohneinheiten in diesem Jahrzehnt aus der Bindung, weshalb eine Kompensation erforderlich sei. Der Sozialwohnungsbestand verteilt sich zu mehr als 55 Prozent auf vier Stadtteile, davon allein gut 30 Prozent auf den Oberen Richtsberg. Dort leben 27 Prozent der Bewohner in preisgebundenen Wohnungen.

Ein Blick auf die Wirtschaft zeigt ein „erhebliches Strukturgefälle“ zwischen Oberzentrum und Umland. Während Marburg als wissenschaftlich angebundener Pharmastandort glänzt, verbleibt dem Restkreis die relevante Rolle des verarbeitenden Gewerbes. Allerdings wird ein vermehrtes Abkoppeln von Arbeits- und Wohnort durch ein verstärktes Homeoffice-Angebot erwartet, wofür es in Landkreis Marburg-Biedenkopf ein hohes Potenzial gebe, was auch Folgen für die Wohnungsnachfrage haben könne.

Insgesamt zeige die Studie, dass ein integriertes Vorgehen sinnvoll ist, um Wirtschaftsförderung, demografische Verschiebungen, Wohnungsbau und Infrastruktur zielgruppengerecht aufeinander abzustimmen. Dabei sei der mittelfristig erwartete Rückgang der Studienanfänger zu beachten. Ferner seien der Abbau von sozialbedingten Konzentrationstendenzen anzustreben und die gestiegene Wohnkostenbelastung zu mindern.

Von Gianfranco Fain