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Marburg Mikrochips unter der Haut
Marburg Mikrochips unter der Haut
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08:00 02.08.2022
Eine Mitarbeiterin wendet ihren implantierten Chip in der Hand an, um ihren Spind zu öffnen. Der Chip ist zwischen Daumen und Zeigefinger unter die Haut implantiert.
Eine Mitarbeiterin wendet ihren implantierten Chip in der Hand an, um ihren Spind zu öffnen. Der Chip ist zwischen Daumen und Zeigefinger unter die Haut implantiert. Quelle: Christian Wyrwa
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Können Sie sich vorstellen, mit ihre Hand die Haustür zu öffnen, die Autotür aufzuschließen oder im Café nebenan Ihren Latte Macchiato zu bezahlen? Gibt es alles schon. Man muss lediglich seine Hand auf ein Kontaktfeld legen, statt einen Schlüssel zu nutzen oder mit Geld oder Karte zu zahlen. Und bald soll sogar ein Mikrochip im Körper helfen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen.

Ein kleiner Mikrochip unter der Haut verleiht uns also Superkräfte. Zu futuristisch? Nein. Ein Chip unter der Haut macht unseren Alltag einfacher. Allerdings hinkt Deutschland hinter der Entwicklung etwas hinterher. Die Skandinavier sind uns mal wieder einen Schritt voraus. Nicht nur, dass in Schweden Bargeld als Zahlungsmittel fast komplett verschwunden ist, tausende Schweden haben sich bereits einen reiskorngroßen Chip unter die Haut in der Hand implantieren lassen. Es gibt sogar Implantierpartys. Zwischen Bier und Wein wird den Partygästen von einem Piercer ein Mikrochip implantiert.

Auch hierzulande nimmt die neue Technologie langsam Fahrt auf. Im September 2020 bewarb die Sparda Bank mit einem Youtube-Video eine Baufinanzierung mit einem Chip-Implantat. Es gab einen Mikrochip gratis bei einem Kredit von 50 .000 Euro. Der Clip wurde fast 600. 000 Mal geklickt.

IT-Experte über Chip-Implantate

Skeptisch äußert sich Thomas Winzer, Vorstand der Marburger Firma Inosoft AG, über die Zukunft der Chip-Implementierung im privaten Sektor. Technisch sei viel möglich. Jeder, der sich einen Chip implantieren lässt, errege Aufmerksamkeit. Für Winzer kann das nicht der Grund sein, warum Menschen dies tun sollten. Denn: Der Vorstand des Marburger IT-Unternehmens hinterfragt den Zweck der Chip-Implantate, mit denen man zum Beispiel Türen öffnen oder das Smartphone steuern kann. Wenn der Chip erst einmal einpflanzt ist, sei er immer parat. Man habe nicht mehr die Freiheit, sich problemlos davon zu trennen. Ein Handy könne man einfach zu Seite legen oder auch mal zu Hause liegen lassen. Dennoch ist Winzer von der Zukunftsfähigkeit der künstlichen Intelligenz überzeugt. „In der Zukunft wird die künstliche Intelligenz viel Potenzial bieten. Die Frage, die man sich aber immer stellen sollte, lautet: Ist das hilfreich?“ Winzer glaubt nicht, dass sich alles, was technisch möglich ist, auch durchsetzen wird. 

Schätzungsweise 3 .500 Menschen tragen in Deutschland bereits einen Chip unter der Haut – Tendenz steigend. Die Methode ist nicht neu, sie existiert bereits seit 40 Jahren. Die Technik dahinter basiert auf der RFID-Technologie. Es ist ein Sender-Empfänger-System zum automatischen und berührungslosen Identifizieren und Lokalisieren von Objekten und Lebewesen mit Radiowellen.

Mikrochip-Implantate gibt es bereits ab 39 Euro. Die Hamburger Firma „Digiwell“ vertreibt über einen Online-Shop Chip-Implantate in unterschiedlichen Preisklassen. Das Starterkit ist für 79 Euro zu haben. Lieferzeit 1-3 Tage. Geschäftsführer Dr. Patrick Kramer trägt stolz sechs Mikrochips unter seiner Haut. Es sind winzigen Plättchen, die unter die Haut gespritzt werden. Auf die Hightech-Technik möchte er nie mehr verzichten. Bei Haustieren ist das Chippen eine beliebte Methode und löst mehr und mehr das Tätowieren als Kennzeichnung ab.

Die Technologie macht allerdings nicht am Handrücken halt. Erste Versuche mit Chip-Implantaten im Gehirn gibt es bereits. Dadurch können Krankheiten früher entdeckt werden. Es gibt aber auch Schattenseiten: die Furcht davor, unsere Menschlichkeit zu verlieren. Mindestens 30 Menschen sollen bereits mit einem Chip im Gehirn leben. Die Ziele: auswerten und Daten verarbeiten, Muster erkennen und durch energetische Impulse beeinflussen. Es geht zunächst darum, Krankheiten wie Alzheimer und motorische oder sensorische Schäden zu bekämpfen. Aber es kann noch viel weiter gehen. Tesla-Chef Elon Musk ist davon überzeugt, dass die Menschheit mit künstlicher Intelligenz verschmelzen muss, um zu überleben.

KI verändert die medizinische Versorgung

Das interdisziplinäre Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin wurde 2020 als Gemeinschaftsinstitution von Universität und Universitätsklinikum mit dem Ziel gegründet, die gesellschaftlich, ökonomisch und medizinisch notwendige digitale Transformation im Gesundheitswesen zu erforschen und aktiv mit zu gestalten. Das IKI.med ist das erste von mehreren Instituten, die zusammen das Zentrum für digitale Medizin an der Grenzfläche der Fachbereiche Medizin und Informatik bilden.

Mit Professor Martin Christian Hirsch wurde einer der international führenden Experten im Bereich der künstlichen Intelligenz auf die neu eingerichtete Professur „Künstliche Intelligenz in der Medizin“ am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg sowie des Universitätsklinikums Marburg berufen. Der Professur kommt eine zentrale Rolle bei der weiteren Konzeption und dem Aufbau des „Zentrums für Digitale Medizin“ der Universität Marburg zu. Es wurde in Marburg ein interdisziplinäres Zentrum an den Fachbereichen Medizin und Mathematik und Informatik eingerichtet. Professor Hirsch und sein Team aus Wissenschaftlern und Ärzten entwickeln konkrete Lösungen zu Verbesserung der Krankenversorgung, indem Apps und Systeme zum Wohl der Patientinnen und Patienten beitragen sollen, also dazu, die Gesundheit zu erhalten.

Künstliche Intelligenz werde laut Hirsch die Gesundheitsversorgung grundlegend verändern, indem sie Erkrankte bereits zu Hause ohne Zeitdruck und mit viel Hintergrundwissen personalisiert berät und danach in Praxen und Kliniken Ärzte bei Diagnose und Therapie aktiv unterstützt. Dabei gehe es in hohem Maße um Ethik und Vertrauenswürdigkeit, Verantwortungs- und Zulassungsfragen sowie um das Bild des Arztes in der Gesellschaft und die Ausbildung zukünftiger Ärzte. „Die Debatte um KI in der Medizin darf nicht nur eine technologische sein, sondern muss alle Facetten ärztlichen Handelns einschließen“, sagt Hirsch.

Von Silke Pfeifer-Sternke

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