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Marburg Mietnomaden stressen 89-Jährige
Marburg Mietnomaden stressen 89-Jährige
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00:17 16.05.2019
Erika Herrmann hat Probleme mit ihren Ex-Mietern. Nachdem diese keine Miete gezahlt hatten und die Wohnung vermüllten, sind sie einfach abgehauen. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Idyllisch liegt das Haus von Erika Herrmann im Hansenhausviertel, umringt von einem Blumenmeer, das sie mit ihren 89 Jahren noch immer alleine hegt und pflegt. Aber so richtig daran erfreuen kann sie sich derzeit nicht.

Die Vermieterin kämpft mit den Tränen, wenn sie von der Wohnung im Obergeschoss ihres Hauses erzählt. Im November vergangenen Jahres sind dort drei Männer eingezogen, haben in einer Wohngemeinschaft gelebt. „Die Miete wurde nur sporadisch gezahlt, einer hat mir manchmal etwas Bargeld gegeben“, erzählt sie. Mittlerweile sind tausende Euro Mietschulden aufgelaufen – ob sie die jemals bekommt, weiß sie nicht.

Zum 30. April kündigte sie der Dreier-WG fristlos. Eine Reaktion gab es darauf nicht, die Schlüssel wurden nicht abgegeben. Als sie vor ein paar Tagen einen fürchterlichen Gestank aus der Wohnung bemerkte und tagelang keine Bewegung zu hören war, verschaffte sie sich Zutritt – und ist noch immer geschockt. „Die Toilette wurde wohl das letzte halbe Jahr nie gereinigt. Und schauen Sie hier“, zeigt sie auf den verkokelten Löffel und die Fliese auf dem Waschbecken. „Das sieht nach Heroinutensilien aus“, befürchtet sie.

Im Zimmer gegenüber steht eine Wasserpfeife für das Rauchen von Cannabis. Der Papierkorb quillt über mit Mahnungen versäumter Zahlungen, Briefe von der Krankenkasse, überall Dreck. In der Küche steht unbenutztes Geschirr mit Schimmel, zahlreiche Papierbeutel voller Müll, in der Ecke gelbe Säcke. Der Fußboden ist klebrig, im Kühlschrank stehen gammlige Lebensmittel. An der Tür hängt ein Zettel: „Küche musst Du aufräumen. Bin in Therapie.“

Erika Herrmann ist fassungslos und hilflos. Mehrere Anrufe bei der Polizei haben nichts gebracht. Dort wurde sie ans Ordnungsamt verwiesen. Die fühlten sich nicht zuständig, verwiesen ans Gesundheitsamt, die wiederum zurück ans Ordnungsamt. „Geholfen hat mir keiner. Der Ordnungsamtsmitarbeiter hat sich die Wohnung gar nicht angesehen“, berichtet die Seniorin, die nicht mehr weiter weiß.
Einen Anwalt hat sie jetzt eingeschaltet. Der hat ihr mitgeteilt: „Eine Räumungsklage muss aus rechtlicher Sicht erhoben werden, um die Wohnung durch einen Gerichtsvollzieher räumen zu lassen.“ Ob diese Klage überhaupt zugestellt werden kann, weiß die Vermieterin nicht. „Ich weiß doch gar nicht, wo die sich aufhalten.“

Nach OP-Recherche gibt es in solchen Fällen die Möglichkeit der „öffentlichen Zustellung“, auch wenn in Deutschland jeder verpflichtet ist, postalisch erreichbar zu sein. Beispielsweise kann ein Gerichtsvollzieher den Beklagten auch in der Lieblingskneipe aufsuchen, wenn diese bekannt ist. Meldet sich der Angeschriebene binnen einer bestimmten Frist nicht oder erscheint nicht bei Gericht, wird ein Versäumnisurteil gesprochen, später im Verfahren ein Kostenfestsetzungsbeschluss.

„Diese rechtliche Odyssee kann über ein Jahr dauern und verursacht natürlich auch Kosten. Das ist für den Vermieter eine riesige Katastrophe“, weiß Ralf Luthe, Leiter der Rechtsberatungsstelle des „Haus & Grund Vereins Ohmtal/Wohra“ mit Sitz in Kirchhain. Bis zu 10 000 Euro kann beispielsweise eine

Räumungsklage mit anschließender Zwangsräumung einer Dreizimmerwohnung verschlingen. Danach kommen noch die Kosten für die Sanierung der Wohnung.

„Ich kann nicht mehr“, sagt Erika Herrmann und gräbt das Gesicht in ihre Hände. „Man kann mich doch hier nicht alleine lassen“, ist sie völlig verzweifelt und sagt achselzuckend: „Ich darf ja noch nicht mal den Müll entsorgen.“ Zumindest stehen seit ein paar Tagen die Fenster offen, damit der Gestank abziehen kann. Die Klingel haben die Mieter zerstört, der Briefkasten wurde seit Wochen nicht geleert.

Sie fühlt sich ausgenutzt, weiß nicht, wie es weiter gehen soll, ob und wann sie die Wohnung wieder vermieten kann. Denn wenn diese mal geräumt sein sollte, dann muss sie komplett renoviert werden. „Bei dieser Rechtssprechung kann man nur mit dem Kopf schütteln.“

von Katja Peters