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Marburg Mieter kämpfen um Existenz
Marburg Mieter kämpfen um Existenz
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14:00 25.03.2020
Corona in Marburg: Auf dem Marktplatz herrscht in den Nachmittagsstunden gähnende Leere. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Kulanz in der Krise: In einem offenen Brief ruft das Marburger Stadtmarketing alle Vermieter von gewerblichen Immobilien zur Nachsicht bei den Mieten auf – vom individuellen Entgegenkommen bis zum Verzicht. Denn sich nur auf staatliche Hilfen zu verlassen, reiche nicht aus. Im Rahmen der auf den Weg gebrachten Corona-Hilfehabe die Bundesregierung zwar ein milliardenschweres Paket geschnürt, auch um Unternehmer und Mieter von Gewerbeimmobilien finanziell zu entlasten, das reiche aber voraussichtlich nicht aus.

Der am Montag vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzesentwurf soll Mieter (Wohn- wie Gewerberaum sowie Pachtverhältnisse) vor Kündigungen in Folge der Corona-Pandemie schützen. Sollten Mieter bislang zwischen dem 1. April und 30. Juni 2020 nachweislich wegen der Corona-Krise nicht zahlen können, dürfen sie nicht gekündigt werden.

Das Stadtmarketing wertet das als „gut und richtig“, doch sei die Gesetzesänderung noch nicht genug. Ein Grund: Die Zahlungspflicht bleibt bestehen, die Mieten werden „nur“ gestundet. Das bedeutet, dass der vereinbarte Zahlungstermin auf einen späteren Zeitpunkt nach hinten geschoben wird.

Eben dadurch werde das Problem lediglich zeitversetzt, nicht gelöst, es drohen unzählige hoch verschuldete Gewerbemieter, auch da vielen, gerade kleineren Unternehmen jetzt die Einnahmen wegbrechen würden, während sich die Mietschulden weiter anhäufen: „Eine Stundung der Mieten würde aus diesem Grund bei vielen Mietern lediglich das geschäftliche Aus nach hinten verschieben, da auch die angekündigten Hilfsprogramme von Bund, Ländern und Kommunen die auftretenden Löcher nur zum Teil stopfen können oder zu spät kommen werden“, heißt es in dem Brief.

Stadtmarketing-Geschäftsführer Jan-Bernd Röllmann warnt vor den Auswirkungen, vor künftig wachsendem Leerstand, „die Rückstände sind ja nicht schnell wieder erledigt, Mieter und auch Vermieter müssen jetzt gemeinsam etwas machen“, betont er. Sehr viele Marburger Geschäftsleute, die nun ihre Läden vorerst schließen mussten, haben die Ladenfläche angemietet, kämpfen nun ohne Einnahmen mit den Mietforderungen.

Mietverzicht soll Mieter entlasten

Daher richtet das Stadtmarketing in dem Brief eine „große Bitte“ an alle Vermieter, die folgendes beinhaltet:

Durch individuelle Absprachen Unternehmen in Krisenzeiten mehr Luft und Liquidität verschaffen – etwa durch zeitlich begrenzte verminderte Mietzahlungen oder Mietverzicht.

Auch dauerhafte Senkungen des Mietpreises sollten „kein Tabu sein“, da die Folgen der Corona-Krise noch lange Zeit anhalten dürften. „Nutzen Sie Ihre Handlungsspielräume, damit später nicht beide Seiten mit leeren Händen dastehen.“

Das persönliche Gespräch mit den Mietern suchen. „Gehen Sie aufeinander zu, um kreativ im Rahmen Ihrer Möglichkeiten Wege zu finden, gemeinsam diese Herausforderungen zu bewältigen“, heißt es in dem Brief.

Vermieterin geht auf Unternehmerin zu

Genau das hat etwa Vermieterin Angelika Jähn bereits getan, noch vor Veröffentlichung des Appells. Sie hat ihre Ladenfläche in der Barfüßerstraße seit März an das Unternehmen „Living & Home“ vermietet, hält wegen der Krise Rücksprache mit ihrer neuen Mieterin. Diese habe es besonders schwer getroffen, wenige Tage nach Eröffnung musste sie Corona-bedingt ihr Geschäft schon wieder schließen. Ihre Vermieterin zeigt Verständnis. Sollte es nun zu finanziellen Engpässen kommen, dann komme sie der Unternehmerin entgegen, auch über einen Mietnachlass lasse sich sprechen, „ich bin für alles offen, es ist doch klar, dass vor allem kleine Läden jetzt noch mehr Probleme haben als vorher schon“, berichtet Jähn im OP-Gespräch. Darauf mit eigenem Verzicht zu reagieren, sei für beide Seiten, für beide Existenzen, sinnvoll: „Ich möchte meine Mieterin ja nicht verlieren und eine Konstanz ist doch auch für die Vermieter wichtig.“

Was Mietminderungen in der Corona-Krise angeht, ist die Geschäftswelt geteilter Meinung; manche Eigentümer von Immobilien wollen oder können nichts mit den „Rabatten“ anfangen. Das Thema wird etwa in den sozialen Medien diskutiert, wo einige Vermieter Kritik äußern, vor allem auf die eigenen Zahlungsverpflichtung verweisen, die von vollen Mieteinnahmen gedeckt werden müssten. Die eigene Absicherung stünde dabei einer Minderung der Mieten entgegen. Andere sehen keine andere Möglichkeit, als auf einen Teil der Miete zu verzichten, auch um langfristig das Mietverhältnis überhaupt aufrechterhalten zu können.

Dieses Argument sieht auch Röllmann als tragend. „Ich will nicht die Vermieter verteufeln, aber am Ende sitzt man in einem Boot“, betont er. Ein Vermieter, der auf die seiner Meinung nach sowieso schon längst nicht mehr zeitgemäßen Miethöhen bestehe – etwa mit dem Ziel der eigenen Rentensicherung –, der „braucht sich nicht wundern, wenn er bald Leerstand hat“.

Die „gemeinsame Bewältigung der Krise“ könne gerade jetzt – und vor dem bereits bestehenden Druck von Laden-Leerstand und Online-Konkurrenz – ein „starkes Zeichen nicht nur an die Amazons dieser Welt“ sein. Um auch langfristig die Krise zu überstehen, spielen „Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Solidarität und Empathie“ nun erst recht eine „sehr wesentliche Rolle“.

Von Ina Tannert