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Marburg Mieter beklagen Trampelpfad und ungebetene Gäste
Marburg Mieter beklagen Trampelpfad und ungebetene Gäste
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11:58 14.05.2021
Eng auf eng: Großseelheimer Straße 44/46 (hinten) und Kantstraße 5-7.
Eng auf eng: Großseelheimer Straße 44/46 (hinten) und Kantstraße 5-7. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Lange Jahre, teils Jahrzehnte, lebten die Mieter des Hauses Großseelheimer Straße 44/46 innenstadtnah und doch im Grünen: Hinter dem Haus in Richtung Kantstraße erstreckte sich eine große, leicht abfallende Wiese mit Spielmöglichkeiten für Kinder, einem Wäscheplatz und viel Platz bis zur nächsten Bebauung. Anwohner berichten davon, dass dort in den Sommermonaten gegrillt wurde.

Dann setzte die Unternehmensgruppe Hessische Heimstätte Wohnstadt ein Mehrfamilienhaus auf die Wiese. Der Bau sei seit Jahren geplant gewesen, sagt Patrick Brückel vom Fachbereich Kommunikation der Hessischen Heimstätte, man habe eine existierende „Baulücke“ geschlossen.

Aus Grünflächen werden bebaute Flächen

Den Mieterinnen und Mietern in der Großseelheimer Straße 44/46 ist das widerfahren, was auch an anderen Stellen der Innenstadt – Friedrich-Ebert-Straße oder Damaschkeweg etwa – geschehen ist und gerne mit dem Wort „nachträgliche Verdichtung“ umschrieben wird. Die Folgen sind im Prinzip überall ähnlich: Aus Grünflächen oder Parkplätzen werden bebaute Flächen.

In der Großseelheimer Straße 44/46 führt dies zu Konflikten. Mieter beschweren sich zumindest öffentlich nicht darüber, dass die Baulücke geschlossen wurde. „Natürlich muss man mit Veränderungen rechnen und auch das freie Grundstück bebaut werden“, sagen Detlev Mündel und drei seiner Mitmieter, aber: Der „Durchgangsverkehr“, der zwischen Kantstraße und der Bushaltestelle Großseelheimer Straße herrscht, sei nicht hinnehmbar. Anders formuliert: Die neuen Nachbarn überqueren das Grundstück, um ein paar Meter abzukürzen. Das war wohl schon immer so, aber der Verkehr über das Grundstück hat seit dem Bezug der Wohnungen in der Kantstraße zugenommen. Mündel und seine Mitstreiter fordern deswegen, dass das Grundstück zur Kantstraße hin eingezäunt wird. Sie berichten auch von dunklen Gestalten, die sich vorzugsweise nachts in Kellerräumen und Treppenhaus des Gebäudes aufhalten.

Die Mieter finden kein Gehör

Bei der Wohnungsbaugesellschaft finden die Mieter kein Gehör: „Die Bebauung mit großzügigen, offenen Grünflächen zwischen unseren Häusern setzen wir seit Jahrzehnten in ganz Hessen um, Zäune kommen dabei so gut wie nie zum Einsatz“, sagt Brückel auf OP-Anfrage. Das geschehe nicht nur, weil „wir Offenheit, Gemeinschaft und Gleichberechtigung aller Mieterinnen und Mietern auch baulich verdeutlichen wollen, sondern auch, weil sich durch die Zäune und deren Erhalt die Grünflächenpflege erheblich verteuern würde und dies auch zu höheren Nebenkosten für unsere Mieterinnen und Mieter führen würde“.

Die Mieter hingegen fühlen sich in ihrer Privatsphäre verletzt. Sie finden es „sehr wichtig, nachts halbwegs ruhig schlafen zu können, das beruhigende Gefühl zu haben, dass einem kein Fremder im Treppenhaus begegnet oder die Wäsche draußen aufhängen zu können. Die Ankündigung der Hessischen Heimstätte, ein Schild mit der Aufschrift „Privatweg“ anbringen zu lassen, lässt sie nur abwinken: Das sei vergebliche Liebesmüh’, sagen sie im Gespräch mit der OP.

Eine weitere Folge des Neubaus ist das Entstehen eines Parkplatzes, der an der Grundstücksgrenze zur Kantstraße hin entsteht. Die Mieter befürchten zusätzlichen, vor allem nächtlichen Lärm. Und sie beschweren sich über helle Strahler, die dazu führten, dass sich die Mieter in ihren Wohnungen nicht mehr unbeobachtet bewegen könnten, weil es dort viel zu hell sei.

Ob Konflikte gelöst werden können, bleibt offen

„Sobald die Arbeiten an den Freiflächen abgeschlossen sind, wird sich durch neu angepflanzte Bäume zudem ein Sichtschutz ergeben“, versucht die Wohnungsbaugesellschaft zu beruhigen. Und: „Ein unbefugtes Aufhalten in Kellerräumen ist immer dann nahezu ausgeschlossen, wenn die Mieterinnen und Mieter sich an die bekannten Regelungen halten, nach denen Keller- und Außentüren geschlossen zu halten sind.“

Bereits weit vor dem Baubeginn seien alle Anliegerinnen und Anlieger zu einer Infoveranstaltung in die Räumlichkeiten der Hansenhaus-Gemeinde eingeladen worden, bei der das Projekt umfassend vorgestellt wurde, berichtet Brückel. „Gerne hätten wir dies für unsere Bestandsmieterinnen und -mieter nach Abschluss der Freiflächenplanung in vergleichbarer Weise durchgeführt, leider war das aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen nicht möglich.“

Wenn es die Rahmenbedingungen wieder erlauben, kann sich die Hessische Heimstätte ein Mieterfest zum gegenseitigen Kennenlernen sehr gut vorstellen. „Die überwiegende Zahl unserer Bestandsmieterinnen und -mieter scheint sich gut mit der neuen Situation zu arrangieren und wir hoffen, auf diesem Wege auch die weiteren Mieterinnen und Mieter erreichen zu können“, sagte Brückel der OP.

Ob die Konflikte zwischen den Mietern, die zum Teil seit Jahrzehnten hier wohnen, auf der einen Seite, den Neumietern der Kantstraße auf der anderen Seite und der Wohnungsbaugesellschaft damit gelöst werden können, bleibt offen.

Von Till Conrad

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