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Marburg Michelbacher wollen weniger Durchgangsverkehr
Marburg Michelbacher wollen weniger Durchgangsverkehr
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13:58 06.08.2021
Der Pharmastandort am Görzhäuser Hof.
Der Pharmastandort am Görzhäuser Hof. Quelle: Archivfoto: Tobias Hirsch
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Michelbach

Weniger Durchgangsverkehr in Michelbach, der Erhalt von Lebensqualität und ein offener Dialog aller Beteiligten bei der Erweiterung des Pharma-Standorts Görzhäuser Hof: Das fordern Mitglieder des Ortsbeirats Michelbach und einer Arbeitsgruppe in einem Positionspapier.

Sie wollen beim Ausbau des Pharmastandorts frühzeitig die Michelbacher Interessen einbringen und mit den Standortfirmen, der Stadtverwaltung und den Stadtverordneten gemeinsame Lösungen finden. Das Positionspapier stellte die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Görzhausen, Agnes Kaminski, am Mittwochabend in der Ortsbeiratssitzung im Bürgerhaus vor. Das Papier richtet sich aber ausdrücklich nicht gegen die geplante Erweiterung des Standorts, an dem auch viele Menschen aus Michelbach arbeiten.

„Der Ortsbeirat Michelbach möchte den prosperierenden Pharmastandort erhalten“, heißt es in dem Papier. Zugleich müsse aber auch der Anspruch der Michelbacherinnen und Michelbacher „auf gesundes Leben und Wohnen“ gesichert werden. Man wolle mit den Stadtverordneten, der Stadtverwaltung und den Standortfirmen sachlich Argumente austauschen, sagte Ortsvorsteher Peter Aab (SPD).

Ortsbeirat fordert

regelmäßige Information

Das Stadtparlament hatte beim Beschluss des Masterplans Behringwerke im März 2020 zugesichert, den Ortsbeirat und die Arbeitsgruppen regelmäßig zu informieren. „Bislang erfolgte keine aktive Information oder Beteiligung“, kritisierte Kaminski. Einige Forderungen aus dem Positionspapier:

Der Durchgangsverkehr durch Michelbach soll reduziert werden. „Das würde die Lebensqualität und Sicherheit in Michelbach deutlich verbessern, denn wir haben hier eine Grundschule“, sagte Kaminski. Die Zufahrt zu Parkflächen solle deshalb bei einem Ausbau des Standorts Görzhausen III nur über die Landesstraße L 3092 erfolgen. Die Ortsdurchfahrt soll für den Durchgangsverkehr gesperrt werden, an den Ortseinfahrten sollen entsprechende Schilder mit dem Hinweis „Anlieger und Fahrrad frei“ stehen. „Die Navis zeigen weiterhin die Ortsdurchfahrt als kürzesten Weg an“, nannte Ortsvorsteher Aab ein Argument dafür. Felix Quast (Grüne) sagte in Richtung von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), dieser Punkt lasse sich schnell erledigen: „Ein Anlieger-frei-Schild schraube ich in zwei Stunden dran.“ Spies erwiderte, er wisse nicht, ob diese Beschilderung an dieser Stelle rechtlich zulässig sei und ob sie Auswirkungen auf Fördermittel für Straßensanierungen habe. Er versprach aber: „Ich kläre das mit der Straßenverkehrsbehörde.“ Manuela Klug vom Fachdienst Stadtplanung wies mit Blick auf die Forderung nach einem Verkehrskonzept darauf hin, dass im Mobilitätskonzept Move35, das derzeit entsteht, die Anbindung des Pharmastandorts eine wesentliche Rolle spielen werde.

Den Pharmafirmen schlagen Arbeitsgruppe und Ortsbeirat zur Reduzierung des Autoverkehrs Jobtickets für die Beschäftigten, Ladestationen für Elektroautos und einen Werksbus-Verkehr vor.

Die Gebäude sollen so geplant werden, dass Frischluftschneisen für den Ort erhalten bleiben. Ausgleichsflächen sollen ortsnah entstehen. Günter Neunziger von der AG Görzhausen fragte den Oberbürgermeister, ob die Stadt der Arbeitsgruppe bei dem komplizierten Thema Frischluftzufuhr finanzielle Unterstützung für die Konsultation eines unabhängigen Experten zukommen lassen könne. Spies antwortete, für die vorbereitende Bauleitplanung müsse sowieso ein unabhängiges Gutachten über die Kaltluftströme erstellt werden. „Es wäre am einfachsten, wenn das der Gutachter hier mal vorstellen würde“, sagte er. Zudem habe aber auch die Stadtverordnetenversammlung Mittel für die Stadtteile zur Verfügung gestellt.

Die Gebäude sollen umweltfreundlich geplant werden – mit Begrünung, Photovoltaik, Zisternen. Die Höhe soll sich an den Höhenlinien der Landschaft orientieren.

Nachts sollen Gebäude und Parkplätze nur soweit beleuchtet sein, wie es notwendig ist. „Wir brauchen unbedingt – Mensch und Natur – nachts unsere Ruhepause“, sagte Kaminski. „Dazu muss es dunkel sein.“ Sie appellierte an die Unternehmen, mit Jalousien und Baumreihen für einen Sichtschutz zu sorgen.

Die Auswirkungen von Trinkwasser-Bedarf und Abwasser-Infrastruktur auf Michelbach sollen transparent gemacht werden. Dazu hat der Standort-Betreiber Pharmaserv für den 16. September bereits eine Präsentation im Bürgerhaus Michelbach zugesagt.

Pharmaserv, SEG und Stadt versprechen Dialog

Das Positionspapier war von der Arbeitsgruppe erarbeitet und vom Ortsbeirat ergänzt und beschlossen worden. Kaminski, die als CDU-Vertreterin im Ortsbeirat sitzt, betonte, dass es nicht um Parteipolitik gehe und alle hinter dem Papier stünden. Gemeinsam mit Ortsvorsteher Aab überreichte die Arbeitsgruppen-Vorsitzende ein Exemplar an Oberbürgermeister Spies. Dieser betonte, die Stadt wolle die Menschen in Michelbach frühzeitig beteiligen. „Wir gehen davon aus, dass im Laufe dieses Jahres die Vorschläge für die Bauleitplanung so weit sind, dass wir darüber reden können“, sagte Spies. Auch Jürgen Rausch, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG), und Thomas Görge, Geschäftsführer des Standortbetreibers Pharmaserv, versicherten, dass sie einen Dialog mit den Ortsansässigen führen wollen.

An der Sitzung nahmen neben Mitgliedern der Arbeitsgruppe und Bürgern auch Stadtverordnete mehrerer Parteien teil. Spies hob die Bedeutung des Pharmastandorts hervor: „Wir haben hier einen Standort, von dem nach 100 Jahren zum zweiten Mal vielleicht nicht die Rettung der Welt, aber doch die Rettung einer großen Zahl von Menschen ausgeht, nämlich mit dem Impfstoff von Biontech“, sagte er. Er sei froh, dass auch in Michelbach Einigkeit darüber bestehe, dass dieser Standort so gut wie möglich weiterentwickelt werden müsse. „Es kann aber auch keine Frage sein, bei der Entwicklung die Belastungen und Beeinträchtigungen für die Nachbarn, die betroffen sind, so klein wie möglich zu halten“, versicherte er.

Von Stefan Dietrich

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