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Marburg Der Tausendsassa
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00:00 06.02.2021
Michael Selinka (FDP) will Oberbürgermeister werden.
Michael Selinka (FDP) will Oberbürgermeister werden. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Sein Longboard hat er nicht dabei. Hat er irgendwie vergessen. Dementsprechend sehnsüchtig wandert sein Blick zu dem jungen Skater, der sich im Georg-Gaßmann-Stadion in die Halfpipe wirft. Leidenschaftlicher Skateboard- und Snowboardfahrer, Mountainbiker, Ruderer, Dressurreiter bis zur Klasse M, Kampfsportler bis zur Weltmeisterschaft. Sport gehört zu Michael Selinka wie das Schloss zu Marburg.

Doch, was macht ihn noch aus? Vieles, was auf den ersten Blick weder zusammen- noch zur FDP passt. Früher: langhaariger Electronic-Body-Music-Fan mit weiß geschminktem Gesicht und Kajal um die Augen, der in linken Szenekneipen die Nacht zum Tag macht.

Gescheiterter Zahnmediziner, der seine wahre Berufung über ein „sehr schnell und sehr gut abgeschlossenes Philosophiestudium“ – wie er selber sagt – im Lehrerdasein findet. Vom düsteren Romantiker hin zum Minimalisten mit Faible für Bauhaus-Stil, der sein eigenes Haus selbst gezeichnet und gebaut hat. Verheiratet (mit einer Zahnärztin), Vater von zwei Jungs (4 und 7 Jahre). Lokalpolitiker, seit Jahren ehrenamtlich im Magistrat als Stadtrat aktiv. Und jetzt auch noch: Kandidat der FDP für die Oberbürgermeisterwahl.

Wenn Michael Selinka über sich selbst erzählt, könnte man meinen, er hat schon zig Leben gelebt. Ein sportverrückter Tausendsassa. Ehrgeizig, ehrlich, unkonventionell. Ein Mann der tausend Brüche, der irgendwie in keine Schublade passt. Der sagt: „Unser Klima wird im Amazonas gemacht“ und dennoch einen Drei-Liter-Lupo fährt, eine Pelletheizung im Keller und eine Solaranlage auf dem Dach hat. Einer, der „Marburgs links-kulturelle Szene liebt“, bei der Bundeswehr war, in München und New York gelebt und ein Sportgeschäft geführt hat.

„Ja, das war schon immer so. Ich stelle den Status quo infrage. Auch bei mir selbst“, sagt der 51-Jährige und lacht. Aufgewachsen in Marburg macht er sein Abitur an der Steinmühle. Das Faible fürs Reiten kommt auch durch die Eltern, die als Angestellte bei den Behringwerken in der betriebseigenen Reitsportgruppe aktiv waren. So wird er schon früh zum Voltigieren geschickt. Als einziger Junge inmitten von Mädchen.

„Fand ich eigentlich ganz gut“, sagt er und lacht wieder. Die Falten um seine Augen verraten: Lachen tut er wohl öfter. Auch über sich selbst. Darüber, dass ihn seine erste Freundin davon abgebracht hat, Veterinärmedizin zu studieren, weil in ihrer Familie „selbst schon so viele Tierärzte“ waren.

Stattdessen beginnt er mit Zahnmedizin, bis er merkt, „das ist es nicht“, sein Scheitern akzeptiert und das Studium abbricht. Die Philosophie hat es dem jungen Freigeist angetan, der in bierseligen Momenten nach dem Snowboardfahren über Kant und die Hermeneutik sinniert. Fasziniert ist er, der es im Kampfsport bis zur Weltmeisterschaft gebracht hat, vom Lernen. „Da schließt sich für mich der Kreis“, erklärt er.

Sport offenbare die ehrlichste Form des Lernens. „Mathe oder so kannst du auswendig lernen, aber Snowboardfahren zum Beispiel musst du fühlen.“ Er will dahintersteigen, wie „Lernen funktioniert, wie man Lernen organisieren kann“. Deshalb wird er schließlich Lehrer. Arbeitet lange an der Blista, unterrichtet heute Sport, Politik und Wirtschaft sowie Ethik und Philosophie an der Elisabethschule.

Das Sportlerdasein hat ihn geprägt fürs Leben: „Ich vertraue in die Zukunft und gebe nicht auf“, betont er. Politik sei stets allgegenwärtig gewesen, habe ihn schon von klein auf begleitet. Sein Vater: Ehrenvorsitzender der Marburger FDP. „Ich kann mich noch erinnern, wie er mit seinem gelben Schal und seinem selbstgezimmerten Wahlstand in die Kommunalwahl gezogen ist, das war schon cool“, sagt Selinka schmunzelnd. Doch es war nicht das Vater-Vorbild, das ihn zu den Liberalen gespült hat.

„Ich hab mich vorher schon immer für Dinge eingesetzt“, betont er. Er war Klassensprecher, Mitglied der Schülervertretung, später im Studium in der Fachschaft engagiert. Sowohl bei der Jungen Union als auch bei den Grünen habe er mal „reingeschnuppert“, aber bei der FDP habe er sich einfach „aufgehoben“ gefühlt. „Das war offen, ungezwungen, völlig unhierarchisch, absolut basisdemokratisch, und das hat mir gut gefallen.“

Die politischen Inhalte sind ihm dann erst während des Philosophiestudiums aufgefallen. „Es gibt in der FDP nicht nur neoliberale Wirtschaftsdenker. Für mich ist die Gesellschaft das Ziel und nicht die Wirtschaft“, sagt er und betont: „Ich bin kein Missionar und habe kein Sendungsbewusstsein, Ideologie verärgert mich, es geht mir darum, Argumente auszutauschen und zu prüfen.“

Darum geht es ihm auch in der Lokalpolitik. Er liebt Marburg, weil es idyllisch ist, aber international, eine überschaubare Größe hat, ohne kleinstädtisch zu sein. „Deshalb auch die Überlegung, einen kleinen Tick weiter – in die 100 000er zu gehen, indem man Cölbe noch mit hinzunimmt zu Marburg.“

Er hat das Gefühl, Marburg sei „so in seiner Historie und in der Gegenwart gefangen und gehe nicht genügend nach vorne“. Für Selinka – den Leistungssportler – sind aber eben Ziele wichtig. „Stillstand ist für mich immer auch ein Rückschritt.“ Auf seine Wahlkampffahne hat er sich deshalb Bildung, Sport und Stadtentwicklung geschrieben. „Investitionen in Schulen und Kitas haben Vorrang vor anderen Großprojekten im freiwilligen Bereich.“ Vor allem die Corona-Pandemie zeige, dass in Schulen die digitale Infrastruktur dringend ausgebaut werden müsse. Selinka setzt sich für den Neubau einer barrierefreien 4-Felder-Sporthalle ein und möchte Marburg zur „Heimat der Special Olympics“ machen. „Wir müssen den Standort Behringwerke so anschließen, dass die Anwohner möglichst nicht vom Verkehr gestört werden“, betont der Marbacher, der auch die Stadtautobahn in einen Tunnel legen will. Aber kann man wirklich etwas bewegen, wenn man in der Oppositionspartei FDP ist? Ja, sagt Selinka. Natürlich könne es sein, dass die Partei, die er scherzhaft „kleine Sekte“ nennt, eine „Eingangshürde“ darstelle, aber die OB-Wahl sei letztlich eine Personenwahl. „Und darauf setze ich.“

Von Nadine Weigel

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