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Marburg Immer den "Lump" im Blick
Marburg Immer den "Lump" im Blick
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08:00 26.07.2019
Auf seiner Laufstrecke zwischen dem Stadtwald und Cyriaxweimar hat Michael Alexowski den Himmel immer im Blick. Kürzlich ­wurde er von einem Bussard beim Joggen angegriffen.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Der Blick von Michael Alexowski schweift immer hin und her. Vor allem der Blick nach oben ist immer sehr konzentriert. Der 58-jährige Marburger bereitet sich gerade auf seinen ersten Transalpin-Lauf vor und ist deshalb täglich viele Stunden am Laufen. Am liebsten auf der Strecke zwischen dem Stadtwald und Cyriaxweimar.

Allerdings wurde ihm das kürzlich fast zum Verhängnis. Als er auf Höhe einer Baumreihe war, sah er dort einen Bussard sitzen. Schon im Vorbeilaufen bemerkte er, wie dieser sich auf einmal in die Luft begibt. „Dann habe­ ich ihn nicht mehr aus den ­Augen gelassen, den Lump“, erinnert sich Michael Alexowski.

Der Vogel flog zuerst in die entgegengesetzte Richtung – etwa 70 Meter –, machte um 180 Grad kehrt und kam dann im Sturzflug auf den Marburger zu. „Ich bin stehengeblieben, habe mich ganz groß gemacht und ihn angemeckert“, erzählt der leidenschaftliche Läufer. Erst als er laut in die Hände klatschte, drehte der Vogel und ließ ihn in Ruhe.

"Angriffe auf Menschen sind keine Seltenheit."

Für den Marburger war es nicht die erste Attacke. Auf dem Fahrrad hatte er im Allnatal eine ähnliche Begegnung. „Da hatte­ ich aber einen Helm auf, sodass er mich mit seinen Krallen nicht verletzen konnte“, erzählt Michael Alexowski. „Dieses Mal wäre es sicher anders ausgegangen, wenn er mich gekriegt hätte“, ist er sich sicher. Nur seiner Vorsicht und dem Beobachten ist es zu verdanken, dass ihm nichts passiert ist.

Seitdem schaut er immer über sich und checkt am Himmel, ob ein Tier über ihm fliegt. Für Ornithologe Gerhard Wagner von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz ist das Verhalten des Bussardes nichts Untypisches. „Angriffe auf Menschen sind keine Seltenheit.Bussarde sind jetzt in der Brutzeit extrem territorial und verteidigen ihr Revier mit ganz starkem Feindverhalten“, erklärt der Wohrataler und fügt noch hinzu: „Alles was Feind ist oder was Feind sein könnte, wird attackiert. Dabei spielt die Größe keine Rolle.“

Wanderer seien für den Vogel ungefährlich, Jogger oder Radfahrer scheinbar nicht. „Fußgänger bewegen sich mit einer ungefährlichen Geschwindigkeit für den Bussard, sind kalkulierbarer. Läufer zeigen dagegen auffällige rhythmische Bewegungen, der Kopf bewegt sich, die Arme, die Beine. All das sind für den Vogel anscheinend Schlüsselreize, um zu attackieren“, vermutet der Fachmann, der davor warnt vor den Vögel davonlaufen zu wollen.

Hintergrund

Bussarde sind mittelgroße Greifvögel aus der Familie der Habichtartigen. Sie sind breitflügelige, kurzschwänzige Schwebeflieger. Der Schnabel ist vergleichsweise kurz und von Anfang an gebogen. Nur drei bis vier der äußeren Handschwingen haben an der Innenfahne eine deutliche Verengung. Die Beine sind beim Großteil der Arten unbefiedert, vier Arten weisen eine Befiederung der Rückseite auf. Das Gefieder ist oft auf der Unterseite quergebändert. Die Weibchen sind meist etwas größer als die Männchen. Bis auf wenige Ausnahmen sind Bussarde wenig spezialisierte Jäger von Kleinsäugern (besonders Mäuse) und Vögeln. Bussarde fressen aber auch Regenwürmer, Insekten, Reptilien und Aas. Ihre Beute schlagen sie fast immer am Boden. Entweder stürzen sie sich von einem Ansitz auf sie, oder sie gehen vom Segelflug (bei dem sie wie Segelflugzeuge die Thermik nutzen) und kurzem Rüttelflug (bei Mäuse- und Raufußbussard) in den Sturzflug über.
Quelle: Wikipedia

„Das würde ihn in seiner Verfolgung nur noch weiter motivieren.“ Gerhard Wagner rät stehenzubleiben, mit einem Stock oder Zweig über den Kopf zu schwingen, laut zu rufen oder in die Hände zu klatschen. Gerade jetzt verlassen die Jungvögel die Horste und werden noch bis in den August hinein im Familienverbund betreut.

„Die lernen jetzt, Beute zu greifen, werden sozusagen auf das Leben vorbereitet“, erklärt der Ornithologe, der sich schon fast 60 Jahre mit Vögeln aller Art beschäftigt. Er selbst hat so eine Attacke noch nicht erlebt, hat aber einen Bekannten, der bei einem Angriff eines Waldkauz das Augenlicht verloren hat. „Vorsicht ist schon geboten. Die Krallen sind gefährlich.“

Michael Alexowski überlässt dem Bussard nicht das Feld, joggt weiter auf dem Radweg gen Südwesten, aber immer den Blick nach oben. Und er verfolgt neben dem Transalpin noch einen großen Traum. „Ich möchte gerne mal einem Wolf in freier Wildbahn begegnen“, sagt er ­lachend und läuft weiter.

von Katja Peters