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Marburg Mers-Impfstoffentwicklung schreitet voran
Marburg Mers-Impfstoffentwicklung schreitet voran
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12:00 06.05.2021
Marylyn Addo bei einer Virologie-Tagung im Audimax an der Uni Marburg.
Marylyn Addo bei einer Virologie-Tagung im Audimax an der Uni Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Neben dem in der aktuellen Pandemie weltweit verbreiteten SARS-Coronavirus-2 haben Forscher auch das verwandte MERS-Coronavirus im Blick, weil es ebenso potenziell zu einer überregionalen Gesundheitsgefahr werden könnte. In einer Kooperation des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und der IDT Biologika GmbH wird bereits seit einigen Jahren ein MERS-Corona-Impfstoff entwickelt, für den nun am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf eine internationale Phase-Ib-Studie beginnen kann.

Das Team um den Marburger Virologen Professor Stephan Becker hatte den Impfstoff im Jahr 2014 zusammen mit dem Team um Professor Gerd Sutter (Ludwig-Maximilians-Universität München) entwickelt. Zwischenzeitlich war die Weiterentwicklung bis zur Marktreife auch wegen der Corona-Pandemie gestoppt worden. Die Wissenschaftler nutzten aber zwischenzeitlich den gleichen viralen Impfvektor für die Entwicklung eines neuen SARS-CoV-2-Impfstoffs, der ebenfalls in Zusammenarbeit zwischen dem DZIF und IDT-Biologika auf dem Weg ist und voraussichtlich zum Jahresende zulassungsreif ist (die OP berichtet).

Die Marburger Uni-Pressestelle teilte mit, dass jetzt die MERS-Impfstoffentwicklung mit einer weiteren Studie fortgesetzt wird, an deren Auswertung Professor Stephan Becker am Virologie-Standort ebenfalls wieder beteiligt ist. Werden ausreichend Antikörper und T-Zellen gebildet, um vor einer Infektion gegen das MERS-Coronavirus zu schützen und den Krankheitsverlauf zu bremsen? Um diese Frage zu klären, werden Tests an der Universität Marburg beim Virologen Professor Stephan Becker durchgeführt, der im DZIF den Forschungsbereich „Neu auftretende Infektionskrankheiten“ koordiniert und an allen Impfstoffprojekten maßgeblich beteiligt ist.

Die nun beginnende Impfstoffstudie wird in Hamburg in Zusammenarbeit mit dem Clinical Trial Center North (CTC North) und am Erasmus Medical Center in Rotterdam durchgeführt. Insgesamt erhalten in einer ersten Studienphase zehn Probanden die Impfstoffe, anschließend werden 135 weitere Personen geimpft. Die Studie soll zum einen Auskunft über die Verträglichkeit und Sicherheit geben, zum anderen wird die Immunantwort bestimmt.

„Die Fortsetzung der MERS-Impfstoffentwicklung ist ein wichtiger Schritt, auch in Zeiten von SARS-COV-2“, erklärt Studienleiterin Professorin Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie im Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf. „Wenn wir etwas aus der gegenwärtigen Pandemie gelernt haben, ist es, dass wir uns nicht früh genug auf neu auftretende Viren vorbereiten können.“

Der Impfstoff hatte sich bereits in einer ersten klinischen Pilotstudie mit 23 Probandinnen und Probanden im vergangenen Jahr als gut verträglich erwiesen und eine anhaltende Bildung von Antikörpern ausgelöst. Nun beginnt die randomisierte, Placebo-kontrollierte Phase-Ib-Studie, in der der Impfstoff an insgesamt 145 Personen getestet werden soll.

Das MERS-Coronavirus, das 2012 zum ersten Mal nachgewiesen wurde, gehört zu einer Liste von Krankheitserregern, die von der Weltgesundheitsorganisation als besonders gefährlich für die öffentliche Gesundheit eingestuft wurden. Es wird von Dromedaren (einhöckrigen Kamelen) auf den Menschen übertragen und kann von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Die Infektion verursacht eine Atemwegserkrankung, die in bis zu 35 Prozent der Fälle tödlich verläuft. Weltweit sind bis heute etwa 2 500 MERS-Fälle in 27 Ländern bestätigt worden, mit Schwerpunkt in Saudi-Arabien, wo die Überträgertiere zu den Haustieren gehören. Bislang gibt es gegen das MERS-Coronavirus keinen wirksamen zugelassenen Impfstoff und kein spezifisch wirkendes Medikament. In Europa wurden laut der Homepage des Robert Koch-Instituts bislang nur einzelne importierte Fälle oder Sekundärfälle von importierten Fällen gemeldet, darunter in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich und der Türkei. In Afrika, Nordamerika und anderen asiatischen Ländern traten ebenfalls importierte Fälle auf. Im Rahmen der weltweit intensivierten Überwachung aufgrund der Pilgerfahrten nach Saudi-Arabien wurden allenfalls einzelne laborbestätigte MERS-Fälle identifiziert.

Wichtig für die globale Risikoeinschätzung – auch für Deutschland − ist laut RKI, dass es bislang keine Hinweise auf eine anhaltende, unkontrollierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt. Importierte Krankheitsfälle sind jedoch jederzeit möglich und könnten, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt werden, im Krankenhaus zu weiteren Ansteckungen führen. Von der arabischen Halbinsel reisen allein nach Deutschland jedes Jahr eine Million Menschen.

Die internationale Impfstoff-Initiative CEPI fördert die Entwicklung des Impfstoffs gegen das MERS-Coronavirus mit bis zu 36 Millionen US-Dollar. IDT Biologika hat diesen Auftrag übernommen und mit einem Konsortium aus Wissenschaft und Klinik die Entwicklung vorangetrieben. Das Unternehmen entwickelte eine eigene Zelllinie und Technologie für die großtechnische Produktion des Impfstoffs.

Von Manfred Hitzeroth