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Marburg Mentoren sind für den Anfang hilfreich
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00:18 26.10.2018
Studentin Lisa Schmidt überprüft ihre E-Mails mithilfe einer sogenannten Brailletastatur in einer Kabine für Blinde und Sehbehinderte in der Universitätsbibliothek Marburg.  Quelle: Tim Goldau
Marburg

Wenn Lisa Schmidt  in die Universitätsbibliothek geht, nimmt sie manchmal einen Hilfsdienst in Anspruch, bei der speziell geschulte studentische Hilfskräfte ihr beim Lesen oder Kopieren helfen. Denn die Marburger Studentin ist blind. Häufiger setzt sie sich an PC-Arbeitsplätze für Blinde und Sehbehinderte in der Bibliothek. „Diese Hilfestellungen nutze ich schon seit Beginn meines Studiums“, sagt die 25-jährige gebürtige Thüringerin, die Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert.

Die wohl wichtigste Anlaufstelle für Studierende wie Lisa Schmidt ist die Servicestelle für behinderte Studierende (SBS). Deren Leiter, Franz-Josef Visse­ (rundes Foto, rechts), erklärt: „Obwohl der Schwerpunkt der Hilfsangebote bei blinden und sehbehinderten Studierenden sowie bei Rollstuhlfahrern liegt, bieten wir natürlich auch allen anderen körperlich oder psychisch beeinträchtigten Studierenden Hilfe im Studium an.“

So habe sich insbesondere die Anzahl der Studierenden mit psychischer Beeinträchtigung, die bei der Servicestelle Beratung suchen, in den letzten Jahren stark vermehrt. Studierende, die etwa unter Depressionen leiden oder autistisch sind, erhalten bei der SBS vor allem Beratung hinsichtlich spezifischer Nachteilsausgleiche.

Neben Hilfsangeboten auch Nachteilsausgleiche

Elf Prozent aller deutschen Studierenden haben laut einer Studie des Deutschen Studentenwerks und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung. 90 Prozent dieser Studierenden haben aufgrund ihrer Beeinträchtigungen Schwierigkeiten mit der Organisation ihres Studiums. Für die Erhebung wurden 21 000 Studierende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen von 153 Hochschulen befragt.

Neben speziellen Hilfsangeboten, die auf die jeweiligen Handicaps zugeschnitten sind, gibt es etwa auch die sogenannten Nachteilsausgleiche. Damit­ wird Studierenden mit Behinderung und sonstigen Beeinträchtigungen beispielsweise­ die Möglichkeit gegeben, einen­ individuellen Stundenplan zu erstellen oder die Prüfungsbedingungen auf ihre spezifischen Bedürfnisse anzupassen.

Neben den Arbeitsplätzen in der Universitätsbibliothek für blinde und sehbehinderte­ Studierende sowie geschulte­ Helfer, gibt es auch das Konrad-Biesalski-Haus. Dies ist ein spezielles Wohnhaus, in dem beeinträchtigte Studierende, vor allem solche, die auf tägliche Pflege angewiesen sind, zusammen mit nicht Beeinträchtigten leben­ und in dem jederzeit Betreuung zur Verfügung steht. „Auch ein Fahrdienst steht dort zur Verfügung“, sagt Visse.

Damit sich die beeinträchtigten Studierenden auch in der Mensa zurechtfinden, gibt es dafür am Erlenring studentische Hilfskräfte, die zur Mittagszeit am Eingang bereitstehen, um diese bei der Orientierung im Gebäude zu unterstützen. Doch laut der Studie verzichten Zehntausende Betroffene auf Hilfe, sei es, weil sie gehemmt sind oder weil sie gar nicht erst über entsprechende Angebote informiert werden. Für Marburg trifft das, laut Visse, nicht zu: „Allen Erstsemestern wird anfangs eine Rundmail geschickt, um betroffene Studenten auf unser Angebot aufmerksam zu machen.“

Eine direkte Ansprache könne aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht erfolgen. So dürfe man die Studenten im Immatrikulationsverfahren nicht dazu befragen, ob sie in irgendeiner Weise beeinträchtigt sind.

Vernetzung untereinander wäre vorteilhaft

Auch Lisa Schmidt kennt viele Studierende in Marburg, die Hilfe in Anspruch nähmen. Doch sie meint auch: „Es sollten noch mehr Studierende von den Hilfsangeboten erfahren. Vor allem sollten auch diejenigen ermutigt werden, Hilfe zu suchen, die keine sichtbaren Beeinträchtigungen haben.“ Visse meint, es sei oftmals schwierig, solche Angebote im Programm der Erstsemester-Einführungen zu platzieren. Es gäbe keine flächendeckende Aufklärung in der Orientierungszeit. 

Vor allem, dass die studentischen Helfer mehr mit dieser Thematik vertraut wären, hätte sich Lisa Schmidt in der Einführungswoche ihres Studiums ­gewünscht: „Bei der Erstellung des Stundenplans hat man versucht, mir zu erklären, in welche Richtung ich meine Maus bewegen soll. Stattdessen hätte man mich besser direkt an die entsprechenden Stellen verwiesen, die mir dabei hätten gezielter helfen können.“

Schön fände Lisa Schmidt auch eine bessere Vernetzung der beeinträchtigten Studierenden untereinander, etwa in der Form eines Mentoring-Programms, bei dem Studenten, die schon länger an der Uni sind, die „Frischlinge“ beraten könnten.

Obwohl Visse froh wäre, wenn etwas mehr Geld zur Verfügung stünde, etwa für weitere studentische Arbeitskräfte, ist er dennoch zufrieden mit der ­Situation. „Die Universität Marburg hat schon sehr früh zielgerichtete Hilfen für beeinträchtigte Studierende angeboten und hält ein, im Vergleich zu manch anderen Universitäten, großes Angebot an Hilfen parat.“ Auch sorge das offene ­Klima in Marburg bezüglich ­Behinderungen sowie die ­enge Verzahnung zwischen Stadt und Universität dafür, dass ­betroffene Studierende hier gut aufgehoben sind.

von Tim Goldau