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Marburg „Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert“
Marburg „Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert“
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18:57 18.09.2021
Von links: Patrick Temmesfeld, Ute Mölter, Silke Fischer-Stamm, Verena Hofmann, Sven Jerschow, Dr. Thomas Spies, Volker Breustedt.
Von links: Patrick Temmesfeld, Ute Mölter, Silke Fischer-Stamm, Verena Hofmann, Sven Jerschow, Dr. Thomas Spies, Volker Breustedt. Quelle: Larissa Pitzen
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Marburg

Schon während ihres Studiums an der Philipps-Universität Marburg weiß Verena Hofmann, dass sie ihr Jurastudium abbrechen möchte: „Ich wusste, ich will das nicht so weitermachen. Viele sehbehinderte Menschen finden auch nach dem Studium schwer einen Job.“ Ein Freund rät ihr daraufhin, sich bei der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. (Blista) zu melden und da einmal nach Angeboten zu schauen. „Ich habe dann dort angerufen, woraufhin mir Ute Mölter dann von PROJob erzählt hat“, sagt Hofmann.

Als die finanzielle Förderung seitens der Arbeitsagentur zugesichert wurde, startete sie ab August 2020 als Teilnehmerin von PROJob. Ihr Ziel: eine Ausbildungsstelle finden. Unter Berücksichtigung der Fertigkeiten, die Hofmann während ihres Jura-Studiums bereits erlangt hatte, wurden weitere Fachkompetenzen Sehbehinderten-gerecht erarbeitet. Die Bemühungen führten letztendlich zum angestrebten Ziel: Seit Anfang September hat Verena Hofmann eine Ausbildungsstelle als Verwaltungsfachangestellte der Stadt Marburg angetreten. Die ersten Tage waren „sehr aufregend, vor allem weil das Haus vier Stockwerke hat, die alle sehr ähnlich sind. Aber es ist toll“, sagt Hofmann mit einem Lächeln auf den Lippen.

Vom „Profiling“ zum Jobangebot

„Die Inklusionsmaßnahme wurde als Projekt 2019 gestartet, nun ist es ein festes Angebot der Blista in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und der Stadt Marburg“, erzählt Leiterin Ute Mölter. Es sei wichtig, sehbehinderte Menschen vor Ort zu fördern und zu vermitteln, sagt Mölter weiter, „das ist natürlich für Teilnehmende von PROJob unkomplizierter, als zu verschiedenen Bildungseinrichtungen für Sehbehinderte kilometerweit fahren zu müssen.“ Auch die Einstellungstests der Betriebe sind nicht immer barrierefrei. „Bei den Behörden klappt das ganz gut, in der freien Wirtschaft ist es dagegen schwieriger“, weiß Mölter.

Sehbehinderte Menschen, die in ihrem erlernten Beruf eine neue Perspektive für sich schaffen wollen oder auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung sind, werden bei PROJob unterstützt. Dabei wird im sogenannten „Profiling“ ermittelt, wo die Stärken und Kompetenzen der Teilnehmenden liegen. Danach werden sie in Schulungen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und bei der Arbeitssuche unterstützt.

Eine neue Chance

Auf dem Weg dahin musste Hofmann Hindernisse überwinden: Sie wurde zu dem Einstellungstest nach Düsseldorf eingeladen, doch „dann kam Corona“, wie die frischgebackene Azubine erzählt. „Der Termin wurde dann verschoben. Schließlich hatte ich die Möglichkeit, meinen Einstellungstest in den Räumen der Blista vor Ort zu machen“, sagt sie. Als dann das Jobangebot kam, hat sich Verena Hofmann sehr gefreut: „PROJob war eine große Chance für mich, denn jetzt habe ich eine neue berufliche Alternative“

Das sei ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Menschen nicht behindert sind, sondern oftmals nur von Hindernissen behindert würden, erklärt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies: „Wenn alle Barrieren und Hindernisse beseitigt oder überwunden sind, dann waren wir erfolgreich bei der Inklusion“, sagt er. Auch Verena Hofmann möchte anderen Mut machen: „Probiert einfach neue Dinge aus, traut euch, tretet mit den Menschen in Kontakt, das ist das Wichtigste.“

Von Larissa Pitzen

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