Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Menschen fordern: „Frieden schaffen ohne Waffen“
Marburg Menschen fordern: „Frieden schaffen ohne Waffen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:59 19.04.2022
Mit Plakaten zogen die Friedensaktivisten durch Marburg.
Mit Plakaten zogen die Friedensaktivisten durch Marburg. Quelle:  Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Startpunkt des Marburger Ostermarsches war das Deserteursdenkmal in der Frankfurter Straße. „Im Bewusstsein, dass alle Kriegsabenteuer nur Opfer und unsägliches Leid bewirkt haben, dass nur die wenigen profitiert und die ganz vielen geblutet haben, sagen wir heute angesichts des völkerrechtswidrigen Überfalls russischer Truppen auf die Ukraine: Die Waffen nieder! Stoppt den Krieg in der Ukraine! Stoppt alle Aufrüstungsprojekte“, betonte Ralf Schrader vom Marburger Bündnis „Nein zum Krieg“, das zum traditionellen Ostermarsch aufgerufen hatte.

Schrader forderte die Politik dazu auf, Sicherheit neu zu denken. „Setzt nicht schon wieder den kollektiven Stahlhelm auf, benutzt eure Köpfe zum Kopfschütteln und zum Gebrauch der Vernunft! Schwere Waffen? Seid ihr verrückt“, rief Schrader und erntete Applaus der Zuhörenden.

Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne) erinnerte an das Leid der Kinder in der Ukraine und plädierte für eine diplomatische Lösung des Krieges.

Stefan Diefenbach-Trommer machte deutlich, dass seiner Meinung nach eine Pflicht zum Kriegsdienst mit Demokratie und Zivilgesellschaft nicht vereinbar sei. Gerade der Krieg in der Ukraine zeige, dass es „sehr viele Männer und Frauen gebe, die freiwillig bereit seien, mit der Waffe in der Hand ihr Land zu verteidigen“.

Umso absurder sei es, „Menschen dazu zu zwingen, die das nicht wollen oder können“, so Diefenbach-Trommer, der seine Forderung an Bundestag und Bundesregierung unterstrich, sowohl russischen und belarussischen als auch ukrainischen Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren Schutz und Asyl zu gewähren. Deutschland und alle EU-Länder müssten Menschen, die vor dem Kriegseinsatz fliehen, unbürokratisch aufnehmen und ihnen ein dauerhaftes Bleiberecht ermöglichen, so der Friedensaktivist.

Anna Günter von „Fridays for Future“ verurteilte, dass Deutschland täglich 600 Millionen Euro an Russland für fossile Energien überweise. „An ein Land, das einen Angriffskrieg führt“, empörte sich die junge Umweltschützerin und forderte einen sofortigen Import-Stopp von russischem Gas und Öl. „Für echte Solidarität müssen wir Stromeinsparungen machen. Jede Kilowattstunde, die für Rüstungsproduktion verwendet wird, ist eine zu viel“, betonte Günter und verwies auf eine „verquere Prioritätensetzung“, wie von der Bundesregierung angekündigt 100 Milliarden Euro nun in Aufrüstung zu stecken.

Kritik an Ostermärschen

Bereits im Vorfeld zu dendiesjährigen Ostermärschen sorgten einige Forderungen für Diskussionen. Das Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ sei aktuell eine Arroganz gegenüber den Menschen in der Ukraine, sagte zum Beispiel der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) dem Bayerischen Rundfunk. „Pazifismus auf Kosten anderer ist zynisch.“

Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, Pazifismus sei im Moment „ein ferner Traum“. Russlands Präsident Wladimir Putin habe mit allen Regeln des Völkerrechts gebrochen. Wenn die Idee der Ostermärsche Frieden sei, müsse man sich klar machen: „Frieden kann und wird es nur geben, wenn Putin seinen Angriffskrieg stoppt.“

Und auch in Marburg gab es prompt Kritik, nachdem die OP in einem Live-Video vom Ostermarsch berichtet hatte. Viele Kommentatoren zeigten kein Verständnis angesichts des Leids der ukrainischen Zivilbevölkerung und kritisierten die Demo zum Teil scharf: „Gegen Aufrüstung, also für Putin, wie zynisch! Extrem menschenverachtend gegenüber den Ukraine-Flüchtlingen“, kommentierte zum Beispiel Walter Jugel. Ein anderer OP-Facebook-User befand, er habe lieber „eine starke und einsatzbereite eigene Armee im Land als eine fremde. Langsam müssten doch alle gemerkt haben, dass man mit Pazifismus nicht weit kommt auf dieser Welt. Es ist und bleibt eine schöne, aber nicht umsetzbare Vorstellung.“

Die Klimakrise fordere schon heute massiv Todesopfer, trotzdem sei jahrelang gesagt worden, für sozial gerechten Klimaschutz sei kein Geld da. „Statt jetzt 100 Milliarden in Panzern zu versenken, brauchen wir mehr Geld für Pflege, Bildung, erneuerbare Energien und einen kostenlosen ÖPNV“, sagte Günter, bevor die rund 250 Menschen mit Transparenten und Sprechchören zu ihrem „Ostermarsch“ durch die Stadt aufbrachen und sich anschließend zur Abschlusskundgebung im Schülerpark vor der Gedenkinstallation für die Opfer der „Marburger Jäger“ versammelten.

Auch Thomas Carl Schwörer von der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ kritisierte, dass die 100 Milliarden für Aufrüstung selbst als „militärische Abschreckungslogik nicht nachvollziehbar“ seien. Militärische Scheinlösungen hätten schon in Afghanistan, Mali, Libyen und gegen den Terror versagt. Friedenspolitik und politischer Pazifismus seien realistischer und weniger naiv als die sogenannte Realpolitik, so Schwörer, der auch die Waffenlieferungen an die Ukraine verurteilte.

Diese seien zwar als solidarische Tat gemeint, die Zeit kaufe, damit die Sanktionen gegen Russland greifen und eine Verhandlungslösung wahrscheinlicher werde. Aber: „Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass Waffenlieferungen den Krieg in die Länge ziehen und dieser mit zunehmender Dauer immer brutaler wird“, betonte Schwörer und erinnerte daran, dass Waffen letztlich immer in die falschen Hände fielen.

Doch was sind die Alternativen? Bei dieser Frage war sich Schwörer sicher: „Ein Öl- und Gas-Embargo würde den Ukraine-Krieg schneller beenden als Waffenlieferungen.“ Um das große Leid der Menschen in der Ukraine zu beenden, komme es auf diplomatische Lösungen an. „Es führt – leider – kein Weg vorbei an Verhandlungen mit Präsident Putin“, so Schwörer. Außerdem plädierte er dafür, dass „die Nato Präsident Selenskyjs Angebot der Neutralität der Ukraine in Verbindung mit internationalen Sicherheitsgarantien unterstützt und einen Nato-Beitritt ausschließt.“

Von Nadine Weigel