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Marburg Von wegen Gaffer: Marburger retten Menschen
Marburg Von wegen Gaffer: Marburger retten Menschen
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19:56 18.02.2020
Nadine Lemke und ihr Hund Aiden am Südbahnhof, wo sich vor kurzem ein medizinischer Notfall ereignete, zu dem sie als Ersthelferin dazustieß. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Acht Uhr morgens am Südbahnhof. Es regnet wie aus Eimern und ist dunkel. Nadine Lemke hat sich vor ihrem Weg an die Arbeit ein Brötchen in der Bäckerei gekauft. Als sie ins Freie tritt, bemerkt sie eine Menschentraube auf der Straße kurz vor der Brücke zur Bahnhaltestelle. Die 30-Jährige nähert sich und sieht, dass die Menschen um eine am Boden liegende Person herumstehen. Ein medizinischer Notfall. Das erkennt Nadine Lemke als ausgebildete Rettungssanitäterin sofort.

Sie zögert nicht, bahnt sich ihren Weg durch die Menge. „Ich hab‘ erst einmal die Menschen ein bisschen beiseite geschickt“, erinnert sich die Cappelerin ein paar Tage nach dem Vorfall im Gespräch mit der OP. Noch immer ist sie ganz ergriffen: Nicht, weil sie die Notsituation des Menschen so mitgenommen hat. Vielmehr ist sie berührt von der Reaktion der Menschen. „Alle wollten helfen und haben sich sehr gut verhalten“, freut sich die junge Frau, die erst einmal etwas ganz anderes erwartet hatte. Denn viele der rund 15 meist jungen Leute hatten ihre Handys in der Hand, als sie um die am Boden liegende Person herumstanden. „Aber keiner hat gefilmt oder so, mehrere Personen waren damit beschäftigt, den Notruf zu alarmieren“, betont sie.

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Nadine Lemke ist Stadtkinderfeuerwehrwartin und aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Cappel. Sie weiß, dass dieses respektvolle Verhalten heutzutage nicht selbstverständlich ist. Während ihrer Zeit im Rettungsdienst und auch als Feuerwehrfrau musste sie mehrmals erleben, dass Gaffer den Einsatz behinderten. „Es kam auch schon vor, dass Schaulustige richtig dreist und aggressiv wurden, als man sie weggeschickt hat.“

Am Südbahnhof ist an diesem Tag Ende Januar alles anders. Der Notruf wird alarmiert, Menschen knien neben der hilflosen Person, die offensichtlich einen Krampfanfall hat. „Da kann man erst einmal gar nicht viel machen, außer Beistand zu leisten, bis der Krampfanfall vorüber ist“, erklärt die 30-Jährige und erinnert sich, dass dann sogar noch mehrere Schirme organisiert wurden, damit der Patient am Boden vom Regen geschützt ist. „Die Jungs, die den Notruf gewählt haben und die Menschen, die schützend die Regenschirme gehalten haben, waren echt klasse, haben prima mitgearbeitet und geholfen“, lobt Lemke.

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Keine Gewalt gegen Retter! OP-Aktion für mehr Respekt

Sie ist so beeindruckt von der Hilfsbereitschaft, dass sie auf ihrer Facebookseite einen Dank an die Helfer veröffentlicht. Ihr ist es eine Herzensangelegenheit, auf diese positiven Reaktionen hinzuweisen. „Vor allem, weil es eben in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich ist. Überall liest und hört man nur von Gaffern und Pöblern, da ist es wichtig, drauf hinzuweisen, dass es auch positive Beispiele gibt.“

von Nadine Weigel

Hintergrund

Muss ich helfen?

Ja. Wer im Notfall keine Hilfe leistet, obwohl es erforderlich und gefahrlos möglich wäre, macht sich laut §323c Strafgesetzbuch wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. Es drohen Geld- und sogar Freiheitsstrafen.
Allerdings: Falls sich Laien für die Hilfeleistung in erhebliche Gefahr begeben müssten, ist die Pflicht zu helfen mit dem Absetzen eines Notrufs erfüllt. (Quelle: Stiftung Gesundheitswissen)

Wie verhalten?

Das Wichtigste: alles ist besser, als gar nichts zu tun! Aber manchmal kommt‘s auf jede Sekunde an. In einem Erste-Hilfe-Kurs kann man am besten lernen, in welcher Reihenfolge man vorgehen muss. In Notfällen sollten Erste-Hilfe-Leistende die Unfallstelle absichern. Das heißt das Gefahrenpotenzial eliminieren, sich und, wenn möglich, Verletzte aus der Gefahrenzone bringen und einen Notruf über 112 absetzen. Danach Ersthelfer rufen und so gut es geht mit der Lebensrettung beginnen.

Erste-Hilfe-Notruf: Die 5 Ws:

  1. Wo ist es passiert?
  2. Was ist geschehen?
  3. Wie viele Betroffene?
  4. Welche Verletzungen liegen vor?
  5. Warten auf Rückfragen.

So geht die Lebensrettung:

  • Prüfen Sie Verletzte auf ­Lebenszeichen!
  • Suchen Sie nach Verletzungen!
  • Reanimieren Sie Personen mit Kreislaufstillstand durch Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung!
  • Stillen Sie Blutungen!
  • Bekämpfen Sie Schocks!
  • Bringen Sie Verletzte in die stabile Seitenlage!
  • Versorgen Sie dann nicht lebensbedrohliche Verletzungen!
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