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Marburg Menschen nicht einfach als Spinner abtun
Marburg Menschen nicht einfach als Spinner abtun
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08:00 11.05.2020
Demo gegen die Corona-Maßnahmen am Samstag auf dem Marburger Marktplatz Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

250 Menschen kamen auf dem Marktplatz zusammen, um sich unter dem Motto „Zusammen für unser Grundgesetz“ den Frust von der Seele zu klatschen, der sich durch die Corona-Einschränkungen bei ihnen aufgebaut hatte. Die Versammlung war Teil einer deutschlandweit angelegten Kampagne, die binnen kurzer Zeit seit den ersten Lockerungen massiven Zulauf gefunden hat. Die großen Medien des Landes haben ihr Urteil schon gefällt, und nennen diese „Nicht ohne uns“-Bewegung oder „Hygiene-Demos“ zum Beispiel „Die Allianz des Unsinns“ (Süddeutsche Zeitung) oder „Eine seltsame Mischung aus Verschwörungstheoretikern, Rechtsextremen und Zweiflern“ (taz) oder titeln „Neonazis und Impfgegner vereint bei Corona-Demo“ (Der Spiegel). Das mag auch zutreffend sein, wenn man sich anschaut, wer so alles bundesweit ganz vorne dabei ist. Aber eben nur „auch zutreffend“. Keinesfalls völlig treffend. Es sind nämlich ganz viele Menschen dabei, die nur verstehen wollen, warum man ihnen wochenlang Grundrechte entzog, sie sozial isoliert in einem noch nie dagewesenen Ausmaß an den Rand einer Klippe stellte und ihre berufliche Existenz bis aufs Äußerste belastete.

Und hier ist es sehr wichtig, genau hinzusehen und genau zuzuhören und einzuordnen. Das, was man zuerst wahrnimmt, jedenfalls war es so am Samstag in Marburg, war eine absolut friedliche, entspannte Atmosphäre, so friedlich, dass nach einiger Zeit noch nicht einmal mehr eine Polizeipräsenz zu sehen war. Die Redner schworen einem politischen Kampf zwischen rechts und links ab, nannten sich einfach nur Menschen, die selbstbestimmt denken und leben wollen. Und das, obgleich der eine oder andere Teilnehmer schon über seine Kleidung bestimmte extreme Strömungen signalisierte.

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Das, was gesagt wurde, traf gezielt den Nerv vieler vom Staat geschockter Menschen. Wenn mal grob geschätzt 200 Menschen wie du und ich mitklatschen, wenn die Sprache auf geheime Machteliten kommt, dann kann einem Angst und Bange werden, wie leicht man Menschen tatsächlich abholen kann. Bei Corona gibt es nicht die Strategie, die alle akzeptieren können. Jeder Weg wird auch Menschenleben kosten. Der Lockdown trifft auch gesunde Menschen. Menschen, die mit der Isolation nicht zurecht kamen, die häusliche Gewalt erdulden mussten oder die ihren beruflichen Ruin nicht verkraften werden. Wer so etwas in seinem Umfeld erlebt, wird sicher eine andere Meinung zum Lockdown haben und sich fragen, wo seine Stimme bleibt. Auf der anderen Seite zeigt Corona, was es kann. Allein in Großbritannien starben mehr als 150 Mitarbeiter des National Health Service durch eine Corona-Ansteckung. Von wegen nur alte Menschen, die sowieso bald sterben, Herr Palmer aus Tübingen. Zu Corona gibt es keine einfachen Antworten. Indem der Staat versucht zu schützen, macht er sich zu Schützende plötzlich zu Gegnern. Menschen, die sich dieser Bewegung oder auch „Widerstand 2020“ hingezogen fühlen, pauschal mehr oder weniger zu beleidigen und als Spinner abzutun, beweist diesen nur, dass sie für sich die richtige Richtung gefunden haben. Da sollte man vernünftig gegenhalten, um eine Spaltung in der Gesellschaft zu vermeiden, denn diese Bewegung ist genauso gekommen, um zu bleiben wie zuletzt die AfD.

Von Götz Schaub

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