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Marburg Kein einheitlicher Weg
Marburg Kein einheitlicher Weg
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20:49 01.07.2020
Seit 1. Juli beträgt die Mehrwertsteuer 16 statt 19 Prozent. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Seit Mittwoch nimmt der Staat weniger, wenn Kunden etwas konsumieren. Der reguläre Mehrwertsteuersatz ist zum 1. Juli von 19 auf 16 Prozent gesenkt worden, der ermäßigte Satz von 7 auf 5 Prozent – befristet für ein halbes Jahr. Ziel der Politik: Den Konsum ankurbeln, die negativen Folgen der Corona-Krise auf Händler, Gastronomen und andere Gewerbetreibende damit abmildern. Ob’s gelingt? Bei einer Umfrage der OP in Marburg hat am ersten Tag der Änderung eher Skepsis geherrscht.

Patrick Peckmann ist Mitarbeiter des Einzelhandelsverbands Hessen-Nord und betreut die Marburger Geschäftsstelle. Er sieht es zwar an sich positiv, dass die Mehrwertsteuer gesenkt wird, erwartet aber einen geringeren Effekt als viele Politiker: „Letztlich geht es in den meisten Fällen um Centbeträge. Dass es dadurch einen großen Ansturm auf die Geschäfte gibt, ist eher unwahrscheinlich.“ Der Aufwand für die Händler sei hingegen enorm, zumal nach einem halben Jahr zu den vorherigen Steuersätzen zurückgekehrt werden soll: „Es sind nicht nur die Kassensysteme, die umgestellt werden müssen. Für die Händler bedeutet es auch einen riesigen Aufwand, Preisauszeichnungen zu ändern.“

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Peckmann erwartet, dass viele Händler den Vorteil durch die Mehrwertsteuersenkung „eins zu eins“ an ihre Kunden weitergeben, denn: „Überall wird kommuniziert, dass die Verbraucher sparen und deshalb mehr ausgeben können, deshalb erwarten sie es auch.“ Würden die Preise nicht angepasst, könnte das „bei den Kunden für Verdruss sorgen“.

Kunden wollen Preissenkung direkt sehen

Aus Sicht des Verbands wäre es zwar legitim, alte Preisauszeichnungen zu belassen, die Differenz erst an der Kasse abzuziehen und darauf beispielsweise mit Aushängen hinzuweisen. „Kunden wollen aber gleich sehen, was sie die Ware kostet“, meint Peckmann und glaubt daher, dass sich viele mittelständische Händler – wie es große Supermarkt- und Discounterketten betreiben und offensiv bewerben – die Mühe der Umettikettierung machen werden. „Zudem sparen sie sich dann die Erklärungen, warum ein Artikel eben nicht drei, sondern nur rund zweieinhalb Prozent weniger kostet“, sagt er (siehe dazu Beispiele in der Infobox).

Lucas Wahl, der in seinem Geschäft „Lucki Lucki“ in der Marburger Oberstadt vor allem Sneaker verkauft, geht einen anderen Weg. „Ich bin ein Freund runder Beträge“, erklärt der Inhaber, verspricht eine „faire Kalkulation“. Er macht deutlich, kein Freund der temporären Mehrwertsteuersenkung zu sein: „Das verursacht viel Aufwand für einen relativ kurzen Zeitraum.“

Jutta Meise sieht es ähnlich: „Das lockt keinen hinter dem Ofen hervor“, sagt die Inhaberin des Geschäfts „Cocon“, in dem sie seit 30 Jahren Schmuck sowie Schals und Taschen anbietet. An den Preisauszeichnungen hat sie nichts verändert, zieht aber nun an der Kasse etwa drei Prozent ab, wie sie erklärt: „Wir runden das so, dass keine Centbeträge dabei herauskommen.“

Mehrwertsteuersenkung in Marburg - Agnes Bötticher von der Buchhandlung am Markt Quelle: Thorsten Richter

In der „Buchhandlung am Markt“ haben die Bücher, für die der ermäßigte Steuersatz fällig wird, die gleichen Endpreise wie vorgestern – allein schon wegen der Buchpreisbindung, an die sich die Händler halten müssen, wie Geschäftsführerin Agnes Bötticher erklärt. Der Verlag legt dabei den Verkaufspreis fest, in der Regel ist er auf der Rückseite des jeweiligen Buchs aufgedruckt.

Die Kasse ist über ein Warenwirtschaftssystem über Nacht automatisch umgestellt worden, weist nun den neuen Steuersatz aus. Kurzfristig profitiere die Buchhandlung davon, statt sieben nun fünf Prozent an den Staat abführen zu müssen. „Die Verluste, die wir durch die lange Schließung zu Beginn der Corona-Pandemie hatten, wird das aber kaum ausgleichen können“, meint Bötticher.

Doppelte Senkung in der Gastronomie

Im Bereich der Gastronomie hat es zum gestrigen 1. Juli gleich eine doppelte Mehrwertsteuersenkung gegeben. Die Mehrwertsteuer auf Speisen, die im Restaurant verzehrt werden, ist vom regulären – bisher 19 und jetzt temporär für sechs Monate 16 Prozent – auf den reduzierten Steuersatz gesenkt worden, befristet auf ein Jahr. Speisen, die mitgenommen oder geliefert werden, sind bereits zuvor mit dem reduzierten Satz besteuert worden.

Gastronom Thomas Edlund findet es „immer schön, wenn wir weniger Abgaben bezahlen müssen“. Vor allem die generelle Anwendung des reduzierten Steuersatzes auf Speisen ist für ihn „der richtige Schritt“, denn: „Es ergibt keinen Sinn, dass wir mehr Steuern abführen müssen, wenn unsere Gäste bei uns essen, obwohl wir dafür ja mehr Aufwand und damit auch Kosten haben.“ Die Umstellung der Kasse war für ihn kein Problem: Er sei dafür eine Stunde früher gekommen, „es ging aber viel schneller“.

Der Inhaber des Restaurants „Edlunds“ am Marburger Marktplatz plant nicht, die Preise zu reduzieren: „Wir haben zwei Monate fast keinen Umsatz gehabt, auch jetzt noch haben wir weniger Gäste als vor der Pandemie. Für uns ist es eine Chance, uns zu erholen, wenn wir von unseren Einnahmen weniger abgeben müssen.“ Er hofft dafür auf Verständnis seiner Kunden: „Wenn mich jemand deshalb nicht mehr mag, dann muss ich das aushalten. Ich hoffe aber, dass es dazu nicht kommt.“ Gestern bis zum Mittag habe kein Gast gefragt, ob er nun einen geringeren Preis zahlen müsse.

So setzt sich der Preis zusammen

Der reguläre Mehrwertsteuersatzbeträgt seit gestern für ein halbes Jahr nur noch 16 statt 19 Prozent, der reduzierte – etwa auf viele Lebensmittel – 5 statt 7 Prozent. Das bedeutet aber nicht, dass Waren dadurch drei beziehungsweise zwei Prozent günstiger werden. Es muss anders gerechnet werden, da es sich bei der Mehrwertsteuer um einen Aufschlag auf den Nettopreis handelt. Beispiel: Eine Hose wurde bis vorgestern für 100 Euro angeboten. Dann betrug der Nettopreis 84,03 Euro, die Mehrwertsteuer machte bislang bei einem Satz von 19 Prozent 15,97 Euro aus. Wird der Nettopreis beibehalten, beträgt die Mehrwertsteuer nun 13,44 Euro, die Hose kostet den Verbraucher also 97,47 Euro. Tatsächliche Erspanis: gut 2,5 Prozent.

Wurden beim Metzger vier Bratwürste und zwei Steaks für zusammen 10 Euro angeboten, entfielen davon 0,65 Euro auf die Mehrwertsteuer. Bei stabilem Nettopreis müssen bei 5 statt 7 Prozent Mehrwertsteuer nun 0,47 Euro an den Staat abgeführt werden und der Verkaufspreis sinkt auf 9,82 Euro. Tatsächliche Ersparnis: 1,8 Prozent.

von Stefan Weisbrod

01.07.2020
01.07.2020