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Marburg Mehr Frauen für die Politik
Marburg Mehr Frauen für die Politik
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15:55 16.06.2020
Stadtverordnetenvorsteherin Marianne Wölk war einst Teilnehmerin und ist nun Mentorin. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Warum Süßigkeiten für Politiker wichtig sind, wie viel Zeit sie investieren, und dass deren Arbeit bürgernaher ist, als vermutet, das erfuhren die Teilnehmerinnen des Mentoring-Programms „Frauen in die Politik“ des Gleichberechtigungsreferats der Stadt Marburg. Es war Teil des Zweiten Aktionsplans für die EU-Charta. Dieser Aktionsplan umfasst zehn Schwerpunkte, einer davon ist die gleichberechtigte politische Beteiligung.

Nicht nur in den Aufsichtsräten und Vorstandsetagen sind Frauen unterrepräsentiert, auch in der Politik sind noch immer zu wenig von ihnen engagiert. Und das liegt nicht an mangelndem Interesse, wie das Gleichberechtigungsreferat der Stadt Marburg festgestellt hat. Auf den Aufruf zum Mentoring-Programm haben sich 40 Frauen gemeldet. „Wir hatten gerade mal mit 15 Teilnehmerinnen geplant“, gab Laura Griese, Referentin EU-Charta, im OP-Gespräch zu.

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Neben einem VHS-Kurs mit einer Einführung in die Grundlagen der Kommunalverwaltung und -politik im Vorfeld des Mentoring-Programms, gab es außerdem zwei Workshops zu den Themen Kommunikation und Rhetorik sowie politische Netzwerkarbeit. Alle Teilnehmerinnen bekamen eine Mentorin an die Seite gestellt und besuchten eine Stadtverordnetenversammlung sowie eine Fraktions- und Ausschusssitzung.

„Dieses Komplettpaket war ein ganz tolles Angebot“, lobte Mentee Lisa Konur das Programm. Die Mischung habe bei ihr eine große Neugier geweckt und ihre Mentorin Alev Laßmann hat sie als wirkliches Brückenglied zwischen den Mentees und der Politik erlebt. Von den Workshops hat sie „persönlich sehr viel profitiert“. Vor allem das Rollenspiel, wie man sich als Frau behaupten kann, wenn man verbal angegriffen wird, war für sie sehr lehrreich. Die Sukkulente, die es zu Beginn des Mentoring-Programms als Geschenk gab, wäre mittlerweile schon um die Hälfte gewachsen. „Die Pflanze soll eine erfolgreiche Politikerin symbolisieren. Eine Sukkulente ist sehr robust, kommt mit wenig Wasser aus und wächst trotz ungünstiger äußerer Bedingungen immer weiter“, erklärte Laura Griese.

Lisa Konur ist noch immer kein Parteimitglied, hält aber weiterhin Kontakt zu den anderen Mentees, wie Anja Kerstin Lercher. Die hatte den Aufruf in der Zeitung gelesen und trug sich schon zwei Jahre mit der Idee in die Politik zu gehen. Durch das Mentoring-Programm sammelte sie noch mehr Mut. „Ich bin wie entbrannt und total begeistert und werde im März kommenden Jahres für Die Linke kandidieren“, sagte sie im OP-Gespräch. Ihre Mentorinnen waren Inge Sturm und Renate Bastian. Anja Kerstin Lercher war während des Programms überrascht, „wie bürgernah Marburger Politik ist. Ich hatte immer gedacht, dass das alles in einer Blase abläuft“. Ebenfalls verwundert war sie über die umfangreiche Bündnis-Arbeit. „Mir war nicht bewusst, wie viel Zusammenarbeit es unter den Parteien gibt, auch wenn die mit viel Animositäten abläuft“, berichtete sie.

Lisa Konur hingegen war über den Zeitaufwand und von den „Bergen an Süßigkeiten“ überrascht. „Es wurden sehr viele Tüten Gummibärchen angeschleppt, die danach alle weg waren“, sagte sie lachend und fügte noch hinzu: „Wie zeitintensiv politische Arbeit ist und wie lange die Sitzungen dauern können, das war mir wirklich nicht bewusst.“

Während sich die eine Hälfte der Teilnehmerinnen vorstellen kann, sich zukünftig politisch oder auch zivilgesellschaftlich zu engagieren, ist es für die andere Hälfte zeitlich unmöglich Familie, Job und Politik unter einen Hut zu bringen. Mentorin Marianne Wölk berichtete: „Die Frauen haben sehr schnell mitbekommen, dass politisches Engagement als Mama mit Vollzeitjob nicht möglich ist. Da ist die Politik gefragt, hier bessere Bedingungen zu schaffen, damit Frauen sich mehr einmischen können. Denn Politik verändert sich, wenn Frauen sich einmischen. Sie haben einen anderen Blick“, so die Stadtverordneten-Vorsteherin, die vor vielen Jahren selbst Teilnehmerin eines solchen Mentoring-Programms war.

Das Gleichberechtigungsreferat zieht ein positives Fazit und sagt: Wiederholung nicht ausgeschlossen. Für das Thema gleichberechtigte politische Teilhabe im Rahmen des Aktionsplans EU-Charta steht auf jeden Fall Geld im Haushalt. Und als weiteres Angebot zu diesem Thema ist im Herbst 2020 eine Wiederholung des Kurses „Frauen und Politik – Frauen in der Politik“ an der Volkshochschule Marburg geplant, der in die Grundlagen in der Kommunalverwaltung und -politik einführt.

Von Katja Peters

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