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Marburg Mehr Baumhäuser und viele Helfer
Marburg Mehr Baumhäuser und viele Helfer
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12:47 18.11.2019
„Sprosse“ spricht über ein „Dosen-Telefon“ mit dem Aktivisten „Tatze“ in einem Baumhaus. Foto: Tobias Hirsch
Dannenrod

„Sprosse“ ist ein fröhlicher, offener Mensch, der viel an den Bäumen auf der A-49-Trasse im Dannenroder Forst liegt. Woher sie genau kommt, verrät sie nicht. Sie hat aber keine Probleme damit, ihr Gesicht zu zeigen und sich fotografieren zu lassen. „Sprosse“ führt am Freitagmorgen zu den besetzten Bäumen. Vorbei an kleinen Barrikaden und auf Waldwegen und alten Rückegassen für den Forst.

Es sind längst nicht mehr nur drei Baumhäuser wie Anfang Oktober. Die Aktivisten sprechen von sieben besetzten Bäumen und deuten an, dass es auch einige mehr sein könnten. „Wir haben auch ein waches ­Auge auf den Herrenwald“, ergänzt die junge Aktivistin.

Klage des "BUND"

Seit dem 1. November liegt die Klage der Naturschutzorganisation BUND beim 9. Senat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig vor. Der BUND klagt auf die Rücknahme des Planfeststellungsbeschlusses für den Neubau der Bundesautobahn A 49.

Hilfsweise stellen die Kläger­ den Antrag, dem beklagten Land Hessen aufzuerlegen, Fehler zu „heilen“. Dabei soll erneut die Öffentlichkeit beteiligt werden. Das teilte die Pressestelle des Bundesverwaltungsgerichts auf OP-Anfrage mit.

Der klagende BUND vertritt die Auffassung, dass bei der Baurechtschaffung gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie verstoßen wurde und der Grundwasserschutz nicht ausreichend gewährleistet ist. Die Klage betrifft dabei den geplanten Abschnitt zwischen Stadtallendorf und Gemünden (Felda).

Die Klage auf Rücknahme des Baurechtes hat allerdings keine aufschiebende Wirkung. Derzeit laufen alle bauvorbereitenden Arbeiten weiter, eben bis auf die Baumfällungen an der Trasse. Einen Eilantrag gibt es nach Angaben des Gerichts bisher nicht.

Allerdings kann das Bundesverwaltungsgericht derzeit noch nicht absehen, wie lange das Verfahren dauern wird. Bei der Klage von Autobahngegnern gegen das Baurecht lagen ziemlich exakt zwei Jahre zwischen Klageeingang und Verhandlung und Entscheidung des 9. Senats.

Nicht alle Baumhäuser im Dannenroder Forst liegen dicht beieinander. Ein großes Baumhaus ist etwa zehn Minuten vom „Basiscamp“, wo die ersten Baumhäuser Ende September entstanden, entfernt. Und dieses Baumhaus ist anders als die bisherigen. Es ist rundherum dicht, sieht wirklich wie ein kleines Haus aus. Beim Besuch der OP ist ein Sägen zu hören. „Aber hier wird nichts genagelt, der Baum wird nicht verletzt“, sagt „Sprosse“.

Sie spricht mit einem Aktivisten auf dem Baum auf Englisch. „Wir sind schon eine internationale Bewegung“, sagt sie. Für die Aktivisten ist es sehr viel Arbeit, ein solches Baumhaus aus Holzbrettern und mit fester Plattform zu errichten. Balken für Balken musste in die Höhe geholt und befestigt werden. Es ist aber nicht nur beim Bau von Baumhäusern und dem Errichten kleiner Barrikaden geblieben. An Bäume gebundene Schilder künden davon: Einige Baumkronen sind mit Polypropylenseilen miteinander verbunden. Auf den Schildern steht eine Warnung vor dem Fällen.

Das könne durch die Verbindung zu herabfallenden Teilen der Baumkronen führen, auch die Sicherheitsfälltechnik helfe aufgrund der Verbindungen nichts. „Wir wollen natürlich nicht, dass jemand verletzt wird, darum die deutliche Warnung auf den Bäumen“, sagt „Sprosse“.

Setzen die Aktivisten große­ Hoffnung in die Klage des BUND gegen den Autobahnweiterbau? Natürlich wäre die Freude über einen endgültigen Baustopp bei den Aktivisten groß. „Aber wir werden unsere Ziele in jedem Falle weiterverfolgen, egal, wie das Gericht letztlich entscheidet“, sagt „Sprosse“. Wobei sie auch wie alle Aktivisten betont, dass sie keine geschlossene Gruppe sind. Von Anfang an haben sich die Baumbesetzer als ein Zusammenschluss beschrieben.

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Den Besetzern geht es mit ­ihrer Aktion nach wie vor um mehr als um das Verhindern der Autobahn. Ihnen geht es um die generelle Verkehrswende. Darum begrüßt „Sprosse“ auch alle Überlegungen, die Ohmtalbahn zu reaktivieren.

Wie viele Besetzer aktuell im Dannenroder Forst sind und wie groß ihre Zahl insgesamt ist, verrät keiner. Sie wollen für den Fall einer nach wie vor möglichen Räumung nicht ausrechenbar sein. Es sind offenbar genügend, um die Baumhäuser in mehreren Schichten besetzt zu halten. Meist sind zwei oder drei Besetzer auf den Baumhäusern zu sehen. Die Aktivisten haben sich auf den Winter eingestellt. Die Baumhäuser sind dichtgemacht worden. Außerdem entsteht am „Basiscamp“ ein kleiner „Aufenthaltsraum“ aus Holz. „Arbeit haben wir genug“, sagt „Sprosse.

Nach wie vor hält die Unterstützung der Aktivisten offenbar an. Beim gestrigen Besuch der OP trafen wieder Spenden an der „Mahnwache“, sprich an einem Bauwagen am Sportplatz Dannenrod ein. „Das freut uns natürlich alle sehr, zu wissen, dass wir nicht alleine sind“, sagt Sprosse. Unterstützer kämen auch aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf. Noch immer seien die Aktivisten dabei, sich auch dort besser zu vernetzen.
Das Thermometer steht an diesem Freitagvormittag bei ziemlich exakt fünf Grad Celsius. Wie hält man sich im Winter auf den Bäumen warm? Einige frostige Nächte hat es in den vergangenen Wochen ja schon gegeben. Mit guten Schlafsäcken zum Beispiel. Außerdem gebe es in Dannenrod einige Unterstützer, bei denen man sich auch Aufwärmen und Duschen könne. „Wir werden auch kleine Öfen haben, aber da muss man auf einem Baum natürlich sehr mit aufpassen“, sagt die junge Aktivistin während des „Waldspazierganges“ mit der OP.

Termin

Nach wie vor gibt es an jedem Sonntag um 14 Uhr einen Waldspaziergang. Ausgangspunkt ist immer die „Mahnwache“ am Sportplatz in Dannenrod.

Im Oktober hatte das Unternehmen Deges den Verzicht auf Baumfällungen auf der Trasse verkündet, unter anderem weil Ausgleichsmaßnahmen nicht weit genug vorangeschritten sind. Auch die Auswahl des privaten Bauherrn und Betreibers erfolgt nun später. Hat sich die Lage nicht spürbar entspannt auch auf Seiten der Aktivisten? Eher wohl nicht. „Wir rechnen nach wie vor damit, dass es ­irgendwann zu einer Räumung kommen könnte“, antwortet „Sprosse“ auf die entsprechende Frage.

von Michael Rinde