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Marburg Medizinstudierende fordern „Impfen statt Schimpfen“
Marburg Medizinstudierende fordern „Impfen statt Schimpfen“
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22:27 31.01.2022
Der „Montagsspaziergang" wurde von Protesten begleitet. Medizinstudierende meldeten eine Gegendemonstration an und säumten die Straße mit Plakaten.
Der „Montagsspaziergang" wurde von Protesten begleitet. Medizinstudierende meldeten eine Gegendemonstration an und säumten die Straße mit Plakaten. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Ähnliches Bild, andere Zahlen. Waren am vorigen Montag drei Mannschaftswagen der Polizei am Blochmannplatz zu sehen, so warf am Montagabend das Blaulicht von mindestens 15 Polizeiwagen Schlaglichter auf die Szenerie am Einfallstor der Universitätsstadt. Der Grund für die zahlenmäßig große Polizeipräsenz war ein erneut erwarteter „Montagsspaziergang“ von Gegnern der Corona-Auflagen, den diesmal die Studenten-Initiative „Kritische Medizin Marburg“ nicht widerspruchslos hinnehmen wollte und dazu eine Demonstration anmeldete.

Die „Spaziergänger“ leugneten die Gefährlichkeit des Virus. Deshalb wolle man verhindern, dass sie unkommentiert ihr gefährliches Gedankengut verbreiten, erklärte die 21-jährige Mitorganisatorin Carla. Denn das sei ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die jeden Tag auf den Intensivstationen um Menschenleben kämpfen.

Der "Montagsspaziergang" wurde von Protesten begleitet. Medizinistudierende hatten eine Gegendemo angemeldet und säumten die Straße mit Plakaten "Impfen statt Schimpfen" und ähnlichem. Quelle: Nadine Weigel

Deshalb standen sie in weißen Kitteln am Blochmannplatz, hielten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Denken statt Querdenken“ oder „Ohne Impfung ist alles doof“, während sich auf der anderen Seite des Absperrgitters die „Spaziergänger“ sammelten. Gegen 18.10 Uhr ließ der Einsatzleiter der Polizei per Lautsprecher erklären, dass die Zusammenkunft als Versammlung eingestuft und darauf zu achten sei, dass Mund-Nase-Masken getragen und Abstand gehalten werden müsse. Kurz darauf schlug der Sprecher die von Ordnungsamt und Polizei festgelegte „Ausflugstrecke“ vor, die diesmal die von der Stadt festgelegte Sperrzone Oberstadt ausließ: über die Weidenhäuser Brücke, entlang der Biegen-, Deutschhaus- und Bunsenstraße sowie der Robert-Koch-Straße bis zur Elisabethkirche und zurück.

Daraufhin zog die bunt gemischte Versammlung aus Jung und Alt, eskortiert von Polizisten, los. Sie trugen Kerzen und Lampions vor sich her und stimmten kirchliche Gesangsstücke an oder auch Lieder wie „Die Gedanken sind frei“, „We Shall Overcome“, „Bella ciao“ und die „Internationale“. Weshalb er mitgehe, erklärte Stimmgeber Gabriel aus Marburg der OP: Er wolle ein Ende der Corona-Maßnahmen, um wieder frei leben, ins Kino oder Restaurant gehen zu können, ohne private Informationen preisgeben zu müssen.

An drei angemeldeten Stellen – der Kunsthalle, dem Erwin-Piscator-Haus und dem Firmaneiplatz – trafen sie auf die Demonstranten, die versuchten mit den „Spaziergängern“ in einen Dialog zu kommen. Fragen wie „Warum wollt ihr euch nicht impfen lassen?“ wurden mit „Ihr werdet instrumentalisiert“ beantwortet. Besonders an den Engstellen der „Ausflugstrecke“ kamen sich Spaziergänger und Demonstranten sehr nahe, denen sich zusehends schwarz gekleidete und maskierte Protestler anschlossen und skandierten „Ihr seid nicht der Widerstand, geht mit Nazis Hand in Hand“.

Medizinstudierende hatten eine Gegendemo angemeldet. In weißen Kitteln und mit Plakaten protestierten rund 300 Menschen gegen den "Montagsspaziergang", an dem rund 740 Menschen teilnahmen.

Dazwischen stellten sich die Bereitschaftspolizisten, begleiteten den Zug oder bewegten sich im Laufschritt, um Stichstraßen abzusperren. Wiederholt gab es Lautsprecherdurchsagen, die zum Abstandhalten und Maskentragen aufforderten und darauf hinwiesen, dass Verstöße fotografiert und die Verantwortlichen nach der Versammlung geahndet würden. Gegen Ende des Zuges kam es bei der Kunsthalle zu einer Festnahme, weil einer der „Spaziergänger“ Widerstand gegen die Polizisten leistete.

Laut dem Einsatzleiter, Polizeirat Heinz Frank, ereigneten sich trotz aller Vorkehrungen kleinere Reibereien. Die Teilnehmerzahlen gab er mit rund 740 beziehungsweise 300 an. Weitere „Spaziergänge“ fanden am selben Abend in Biedenkopf und Gladenbach statt.

Von Gianfranco Fain