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Marburg Mediziner spricht von „inszenierter Pandemie“
Marburg Mediziner spricht von „inszenierter Pandemie“
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20:00 06.09.2020
Der Hamburger Arzt Dr. Walter Weber sprach während der Kundgebung „Weiterdenken Marburg“ am Samstag vor dem Erwin-Piscator-Haus. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wohl 200 Menschen demonstrierten vor dem Erwin-Piscator-Haus am Samstag gegen die Corona-Politik der Bundesregierung – und der Ton wird schärfer.

Da war zunächst Organisator Dr. Frank Michler von der Gruppe „Weiterdenken“, dem Marburger Ableger der bundesweit agierenden Protestbewegung „Querdenken“. Michler zitierte aus der Genehmigung der Versammlung durch das Marburger Ordnungsamt und kritisierte scharf die Auflage, die Demonstranten müssten Maske tragen und den Sicherheitsabstand von 1,50 Meter wahren. Das sei „grob rechtsfehlerhaft“, er füge sich aber wegen der damit verbundenen Strafandrohung.

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Nicht alle Demonstrationsteilnehmer hielten das genauso. Abstandsgebot und Maskenpflicht hielten offenbar viele – geschätzt jeder Fünfte – für unverbindliche Vorschläge des Ordnungsamtes und nicht für eine Auflage.

„Unterwerfungsgeste“

Das galt im Übrigen auch für die etwa 30 Teilnehmer einer Gegendemonstration. Sie versuchten, die Kundgebung durch megaphonverstärkte Redebeiträge und Sprechchöre wie „Hau ab“ oder „Halt dein Maul“ massiv zu stören. Inhaltliche Kritik der Gegendemonstranten vor allem: „Es ist keine besonders gute Idee, gemeinsam mit Neonazis zu demonstrieren.“

Da in Marburg am Samstag keine bekannten Rechtsextremisten gesehen wurden und noch keine entsprechenden Fahnen geschwungen wurden, bezog sich der Einwand wohl vor allem auf Aktionen wie die Berliner Großdemonstration am letzten Augustwochenende, als unter den knapp 40.000 Teilnehmern auch Reichsbürger, AfD-Mitglieder, Antisemiten und NPDler demonstrierten.

Dr. Frank Michler jedenfalls nimmt für sich in Anspruch, „ich glaube, ich demonstriere mit den richtigen Leuten“.

Der Hauptredner des Nachmittags, der Hamburger Arzt Dr. Walter Weber, ist da von anderem Kaliber. Weber ist Gründer der „Ärzte für Aufklärung“. Vor knapp 20 Jahren schon bescheinigte er einer Patientin per Attest eine „Angsterkrankung“, weil die starke körperliche Symptome in der Nähe von Menschen mit dunkler Hautfarbe verspüre. In Marburg begann Weber, eine der Symbolfiguren in der Corona-skeptischen Szene, eher sachlich, kritisierte den Virologen Dr. Christian Drosten, weil der im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Impfstoffs gesagt habe, möglicherweise müsse man bei der Zulassung einige Regularien außer Kraft setzen. „Das geht gar nicht“, rief Dr. Weber aus, um sich dann mit der Corona-Pandemie auseinanderzusetzen, die eine „inszenierte Pandemie“ sei – und mit der Maskenpflicht, die „ein Verbrechen“ sei, eine „demütigende Unterwerfungsgeste“. Medizinisch zudem widersinnig, weil jeder Mensch ein Immunsystem habe. Wer vier Wochen aber eine Maske trage, der zerstöre sein Immunsystem. „Wir werden nicht eher ruhen, bis diese Leute (gemeint sind Politiker und Wissenschaftler, die die Maskenpflicht eingeführt haben, die Redaktion) zur Rechenschaft gezogen sind“, drohte Dr. Weber, um sich dann mit einem möglichen Impfstoff auseinanderzusetzen.

Die Überlegung, die Impfung durch eine Einpflanzung von Erbinformationen in die RNA des Menschen zu praktizieren (eine von mehreren Szenarien), zeige den „totalitären Charakter der Merkel-Regierung. Die „gesamte Bevölkerung“ einer Impfung auszusetzen, die gentechnische Manipulation ist, sei „ ein Verbrechen“, sagte Dr. Weber und schwadronierte von Angstträumen, in denen zwei Polizisten in eine Wohnung eindrängen, zu zweit ihr Opfer festhielten und ein Apotheker dann zwangsimpft.

Von seiner Rede hob sich wohltuend der Beitrag von Eva Rosen ab, der Zweiten Vorsitzenden der neu gegründeten Partei „Wir 2020“. „Ich möchte, dass wir gemeinsam gegen Ausgrenzung aufstehen“, sagte sie und: „Ich möchte mein Leben zurück.“

Von Till Conrad