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Marburg Ein Pionier wird Professor
Marburg Ein Pionier wird Professor
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14:38 10.03.2020
Die Firma „Ada Health“ vertreibt eine der weltweit erfolgreichsten Medizin-Diagnose-Apps.
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Marburg

Er ist ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, und zudem ein Pionier der Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der Medizin. Für Professor Martin Hirsch ist es nun eine kleine Reise „zurück zu seinen Wurzeln“. Nachdem er in Berlin seit 2012 ein weltweit erfolgreiches Unternehmen aufgebaut hat, kehrt er als Uni-Professor zurück an seinen Studienort Marburg, an dem er 25 Jahre gelebt hat. Nach dem Abschluss seines Studiums der Biologie und der Humanbiologie hatte er dort zunächst unter anderem mitgeholfen, am Uni-Klinikum das Netzwerk Parkinson unter der Leitung des Neurologie-Chefs Professor Hermann Werner Oertel aufzubauen.

Medizin-Diagnose-App wird in 140 Länder vertrieben

Die von Hirsch aufgebaute Firma „Ada Health“ vertreibt eine der weltweit erfolgreichsten Medizin-Diagnose-Apps in 140 Länder, „und das auf einem heiß umkämpften Markt“, wie Professor Hirsch im Gespräch mit der OP stolz vermerkt. Die von ihm erdachte App vereinigt das in sieben Jahren gesammelte medizinische Erfahrungswissen von Tausenden von Ärzten und soll die Mediziner bei der Diagnose unterstützen. „Offiziell ist Diagnose noch ein geschützter Begriff. Eine Maschine darf noch keine Verantwortung übernehmen“, erläutert Hirsch. „Die Ada-App war zunächst als Hilfe für Ärzte gedacht“, macht der Wissenschaftler deutlich. Doch das funktionierte zunächst gar nicht, weil viele Ärzte vor allem in Deutschland mit abwehrendem Verhalten und Unsicherheit reagierten und das auch „Dr. App“ genannte Diagnose-Tool als Konkurrenz für sich sahen. „Aber wie muss das Selbstbild eines Arztes aussehen, wenn er sich durch eine App wie Ada bedroht fühlt“, wundert sich Hirsch. Dabei sieht Martin Hirsch durchaus Unterschiede. „Die guten Ärzte finden es gut, und die schlechten Ärzte finden es schlecht“, meint er. Erst als die App auch eine erweiterte Funktion für Patienten erhielt, begann der Siegeszug von „Ada“.

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Professor Hirsch möchte medizinisches Fachwissen, das in den vergangenen Jahren mehr denn je gewachsen ist und in seiner Gänze kaum noch erfassbar ist, mit Hilfe von Methoden Künstlicher Intelligenz erfassen und durch Apps und Systeme zum Wohl der Patienten nutzbar machen. Dadurch werde die Gesundheitsversorgung grundlegend verändert, indem Erkrankte bereits zuhause ohne Zeitdruck und mit viel Hintergrundwissen personalisiert beraten werden könnten. Die KI-Systeme könnten danach in Praxen und Kliniken Ärzte bei Diagnose und Therapie aktiv unterstützen, hofft Hirsch.

Als Leiter des neuen Zentrums für Digitale Medizin am Fachbereich Medizin der Uni soll Hirsch zusammen mit einem Team aus Wissenschaftlern und Ärzten am Marburger Uni-Klinikum künftig konkrete Lösungen zur Verbesserung der Krankenversorgung entwickeln. Geplant ist zudem der Aufbau einer Modellregion für KI-gestützte Gesundheit.

Die Weitergabe von Wissen macht Hirsch Spaß

Auch wenn er zuletzt vor allem als Unternehmer agierte, wollte Martin Hirsch früher immer Professor werden. So hat ihm die Weitergabe seines Wissen schon immer Spaß gemacht. Als Enkel des weltberühmten Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (1901 –1976) setzt er gewissermaßen auch eine Familientradition fort. Das philosophische Konzept hinter der von seinem Großvater formulierten „Heisenbergschen Unschärferelation“ findet Martin Hirsch nach wie vor sehr beeindruckend, wie er im Gespräch mit der OP erzählt. Damit habe sich Werner Heisenberg sogar weiter bewegt als sein noch berühmterer Zeitgenosse Albert Einstein, der seinerseits mit seiner Relativitätstheorie im Universum der naturwissenschaftlichen Berechenbarkeit geblieben sei.

Heisenberg sage, dass die naturwissenschaftlichen Methoden ihre Grenzen in den Objekten der Natur haben. Genauso wie diese an sich unscharf seien, sei aber auch die Medizin keine eindeutige Wissenschaft. Und hier schließt sich wieder der Kreis in Bezug auf das derzeitige Forschungsgebiet von Hirsch, die Künstliche Intelligenz in der Medizin. Spannende Fragen für die künftige Forschung an der Uni bieten sich einige an: Kann man eine Medizin-App bei einem medizinischen Kunstfehler zur Verantwortung ziehen? Gehört es in Zukunft zur ärztlichen Sorgfaltspflicht, Tools wie Ada einzusetzen?

Bei aller Technik-Affinität will der neue Marburger Professor in Zusammenarbeit mit Kollegen wie beispielsweise Dr. Andreas Jerrentrupp von der Zentralen Notaufnahme oder Professor Jürgen Schäfer vom Zentrum für Seltene Krankheiten die Verbesserung des Klinik-Alltags angehen. Zudem freut sich Martin Hirsch wieder auf Marburg, aus seiner Sicht eine „schöne und konzentrierte und produktive Wissensstadt“.

Von Manfred Hitzeroth

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